Die Claverings – Anthony Trollope

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HANDLUNG

Harry Clavering ist der einzige Sohn des Landpfarrers Henry Clavering. Harrys Onkel ist der wohlhabende Baron Hugh Clavering.
Zu Beginn der Handlung wird Harry von seiner Verlobten Mary verlassen, welche den wesentlich älteren und vermögenden Lord Ongar heiratet.
Nach diesem traumatischen Erlebnis versucht Harry seine Zukunftspläne neu zu gestalten und beginnt, gegen den Willen seines Vaters, welcher ihn lieber als seinen Nachfolger sähe, eine Ausbildung als Bauingenieur. Während dieser Ausbildung lernt er Florence Burton, die Tochter seines Arbeitgebers, kennen und lieben. Die beiden scheinen das ideale Paar abzugeben, und Harry fühlt sich in der Burtonschen Familie bald sehr wohl. Die beiden verloben sich, Florence besteht jedoch darauf, dass eine Heirat erst statt finden könne, wenn Harry über ein ausreichendes Einkommen verfüge.

Währenddessen stirbt Lord Ongar in Italien und seine Frau Mary, nun die verwitwete Lady Ongar, kehrt zurück nach England. Die durch die Ehe mit ihrem gewalttätigen Ehemann desillusionierte Mary ist nun zwar sehr vermögend, bereut jedoch mittlerweile, dass sie seinerzeit das Geld vor die Liebe gestellt hat und versucht mit Harry Clavering Kontakt aufzunehmen. Als Harry und Mary sich wieder treffen, scheint sich Harry erneut in sie zu verlieben. Da er Mary seine Verlobung mit Florence verschweigt, verstrickt er sich zudem immer tiefer in eine Situation, die schlussendlich für alle Beteiligten in einer Katastrophe enden könnte…

REZENSION

Anthony Trollope war einer der produktivsten Romanciers des viktorianischen Zeitalters. Seine 47 Romane und diverse Reisebeschreibungen, Erzählungen, Essays etc. legen hierfür ein eindrückliches Zeugnis ab.

Trollopes Schreibstil kann sicher als klassisch viktorianisch angesehen werden. Darüber hinaus verfügt Trollope über ein unglaublich gutes psychologisches Gespür für seine Figuren. Die auf den ersten Blick einfach gestrickte Liebesgeschichte entpuppt sich im Laufe der Handlung als sehr verschachtelt und moralisch vielschichtig. Die Hauptfigur des Harry Clavering erscheint weniger als Held denn als Opfer seiner eigenen Unzulänglichkeiten. Ebenso schwach erscheint sein Vater, welcher als Landpfarrer neben seinem selbstlosen sowie mutigen Untergebenen reichlich phlegmatisch wirkt. Überhaupt sind die starken Figuren in diesem Roman die weiblichen. Frauen sind es, welche die Handlung vorantreiben und die männlichen Figuren in die entscheidenden Richtungen lenken.

Ein anderes in Trollopes Romanen wiederkehrendes Thema ist die finanzielle Unabhängigkeit. Trollope, welcher selber aus armen Verhältnissen stammte, beschäftigte die finanzielle Sicherheit seiner Figuren sehr, und so ist es nicht weiter verwunderlich, dass dies auch in «The Claverings» eine zentrale Rolle spielt. Unter anderem deshalb, weil der Protagonist von seiner Verlobten nicht geheiratet wird, weil er über kein ausreichendes Auskommen verfügt und ihn diese Tatsache in die Arme einer anderen Frau treibt.

In einem Punkt ist Anthony Trollope sehr viktorianisch: Das Böse und Schlechte wird in jedem Fall bestraft, und wer eigennützig moralisch Verwerfliches tut, muss dafür büssen. Allerdings ist die Art und Weise, wie Anthony Trollope dies umsetzt, weit weniger viktorianisch: Viel Schalk und Ironie sind in diesem Gesellschaftsroman zu finden. Die Geschichte mit ihrer Komplexität wirkt zudem sehr modern. Die humoristischen Einlagen, mit Kapitän Doodles zum Beispiel, erinnern stark an Figuren aus Dickens Romanen, die psychologische Raffinesse dagegen an Jane Austen und last but not least die ganze Handlungskomposition an Shakespeare – dessen grosser Bewunderer Trollope war…

Kurz und knapp: Ein wunderbarer Roman von einem im deutschen Sprachraum viel zu wenig gelesenen Autoren. Daran sind allerdings auch die deutschsprachigen Verlage nicht ganz unschuldig, sind doch nur ganz wenige von Trollopes 47 Romanen überhaupt ins Deutsche übertragen worden…
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BUCHVERARBEITUNG

Die vorliegende Ausgabe wurde in der «Manesse Bibliothek der Weltliteratur» herausgegeben und verfügt über den in dieser Reihe üblichen qualitativ hohen Verarbeitungsstand: Das Werk wurde in hellgraues Leinen gebunden und mit einem Schutzumschlag versehen. Das Kapitalband wie auch das vorhandene Lesebändchen sind in Gold gehalten. Gedruckt wurde auf Dünndruckpapier und gesetzt in der Berthold Bembo. Gebunden wurde in einer hochwertigen Fadenheftung.

Weniger erfreulich ist leider das Lektorat ausgefallen. Das Werk strotz vor Schreib- beziehungsweise Druckfehlern, was den ausgezeichneten Gesamteindruck ein wenig schmälert…

FAZIT

Anthony Trollope wird im deutschen Sprachraum viel zu wenig gelesen und daher die Aufforderung von meiner Seite: Lesen Sie Trollope, Sie werden es nicht bereuen!

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© 2007 Manesse Verlag, Zürich

Autor/Autorin:
Anthony Trollope


Originaltitel:
The Claverings
Originalverlag:
© Smith, Elder & Co., London
Erstausgabe:
1866-1867 im Cornhill Magazine / 1867 als Buch
Originalsprache:
Englisch

Diese Ausgabe:

© 2007 Manesse Verlag, Zürich
Übersetzung:
Andrea Ott
Nachwort:
Manfred Pfister
ISBN:
978-3-7175-2138-9
Umschlaggestaltung:
Susanne Gerhards, Düsseldorf
Seiten

894
BUCH:
VERARBEITUNG:

© 2022 Blog-Fotos: T. S. Tubai

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