Monique Saint-Hélier

Traumkäfig

1932
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Als Monique Saint-Hélier ihren Erstlingsroman „La Cage aux rêves“ anfangs der 1930er-Jahre zu schreiben begann, war sie sich sicher bald sterben zu müssen. Seit mehreren Jahren lag sie, schwer erkrankt, im Bett in ihrer Pariser Wohnung, die sie zusammen mit ihrem Ehemann Blaise bewohnte – sie sollte es bis zu ihrem Tod 1955 kaum mehr verlassen…

Entstanden ist eine Art Vermächtnis, zusammengesetzt aus Erinnerungen an ihre Kindheit in La Chaux-de-Fonds.
Saint-Hélier nahm an, bald sterben zu müssen, was dazu führte, dass Sie alles zu Miniaturen verkleinert in ihrem Roman unterzubringen versuchte, was Sie der Welt (und ihrem Mann) noch sagen wollte. Aus diesem Grund nimmt dieser Roman denn thematisch auch alles vorweg, was sie in ihren folgenden Werken nochmals mit mehr Raum verarbeiten sollte - „Traumkäfig“ bildet gewissermassen ein Konzentrat all ihrer Werke.

„Traumkäfig“ ist ein beeindruckendes Stück Schweizer Literaturgeschichte geworden. Ein Roman filigran ziseliert und dennoch monumental in der Aussage. Saint-Hélier stand unter dem Einfluss des 1926 verstorbenen Rainer Maria Rilke, mit dem sie sehr engen Briefkontakt unterhalten hatte. Ihre Erzählweise ist nicht linear, verwirrt den Leser mitunter und ist mit so vielen Zeit- und Raumsprüngen versehen, dass es schon eine gewaltige Herausforderung darstellt ihr zu folgen. Das Folgen wird jedoch mit wunderbarer literarischer und poetischer Intensität belohnt. Die einzelnen Erinnerungen werden collageartig ineinander gesetzt, vermischen sich, um in neuen Erinnerungsfetzen davon zu fliegen… Ich bin in der Schweizer Literatur noch selten auf derart schöne Metaphern und sprachliche Subtilität gestossen.

Ähnlich wie Virginia Woolf arbeitet Saint-Hélier stark mit dem inneren Monolog und erzeugt damit eine beeindruckende Nähe, womit sie dem Leser ermöglicht, die Welt durch die Augen der Hauptfigur wahrzunehmen.

Diese sprachliche und technische Modernität führt dazu, dass sich Saint-Héliers Roman auch heute noch problemlos lesen lässt. Es mag sein, dass dieses Werk nicht vollständig ausgereift ist - genau dies macht jedoch, meiner Meinung nach, den grossen Charme dieses Romans aus…

In diesem stark autobiografisch gefärbten Roman, wird die Geschichte der kleinen Béate erzählt, die in ihrem Elternaus in La Chaux-de-Fonds aufwächst. Ihre Mutter starb bei ihrer Geburt und so ist ihre stärkste Bezugsperson Madre, die mit ihrer religiösen Grundhaltung einen starken Einfluss auf die kleine Béate ausübt.
Béate geht zur Schule und wird erneut mit dem Tod konfrontiert. Die Kindheitsgeschichte entwickelt sich zur Liebesgeschichte und schliesslich zum philosophischen Werk über das Glück, die Schwere des Daseins und des nahen Endes…

Originaltitel: La Cage aux rêves

Originalverlag: R.-A. Corrêa, Paris
Erstveröffentlichung: 1932
Sprache: Französisch
Land: Frankreich


Meine Ausgabe

Übersetzung ins Deutsche durch: Hedi Wyss

Verlag: Huber Verlag, Frauenfeld
Jahr: 1990
Verarbeitung: Weisser Pappeinband mit blauem Kapitalband, Fadenheftung und Schutzumschlag
Herausgeber & Nachwort: Charles Linsmayer
Einbandgestaltung: Ruedi Becker
Seiten: 271

Verarbeitungsqualität (1-10): 6

ISBN: 3-7193-1034-5

Literarische Gattung: Roman / Biografieroman

Literarischer Anspruch (1-10): 10

Handlungsorte:

- La Chaux-de-Fonds, Schweiz
- Bern, Schweiz
- Paris, Frankreich

Thema: Lebensbeschreibung

Schlagwörter: Kindheit / Heimat / Aufwachsen / Tod / Religion / Abschied / Mutter / Vater / Liebe / Sterben / Westschweiz / Schweizer Literatur

02. September 1895 in La Chaux-de-Fonds, Schweiz

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09. März 1955 in Pacy-sur-Eure, Frankreich

Monique Saint-Hélier war während der Hälfte ihres kurzen Lebens sehr krank und bettlägerig. Sie wurde in den 1930er-Jahren vor allem in Frankreich bekannt. Die Themen ihrer Werke umfassen Erfahrungen und Erinnerungen ihres Lebens, wobei ihr Stil und ihre Schreibweise hoch komplex sind und heute als Vorläufer des „Nouveau roman“ angesehen werden.
Nachdem Saint-Hélier nach ihrem Tod in Vergessenheit geriet, wurde sie gegen Ende des 20. Jahrhunderts aufgrund ihres originellen und modernen Schreibstiles wiederentdeckt und sowohl in Frankreich als auch in der Schweiz neu veröffentlicht…

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Quelle: www.linsmayer.ch/

Alice Rivaz

Wolken in der Hand

1940
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„Nuages dans la main“, wie das Werk im Original heisst, wurde 1940 erstmals veröffentlicht und war das Romandebüt von Alice Rivaz.
Für mich persönlich gehört dieses Werk zu den besten Schweizer Büchern, die im 20. Jahrhundert veröffentlicht wurden - ich würde sogar so weit gehen, Alice Rivaz als Virginia Woolf der Schweiz zu bezeichnen.

Ihr Schreibstil ist unglaublich fragil und vielschichtig, bewegt sich stets zwischen Traum und Wirklichkeit und ist gleichzeitig nüchtern und pragmatisch. Obwohl das alles auf den ersten Blick nicht wirklich zusammen geht, gelingt es Rivaz, eine verflochtene Geschichte zu entwickeln - mehr noch, sie entwirft ein tiefes Beziehungsgeflecht zwischen Mann und Frau von universaler Gültigkeit. Die seelische Zerrissenheit der Hauptfigur wird dabei derart gekonnt und einfühlsam beschrieben, dass der Leser direkt ins Geschehen hineingezogen wird.
Es sind ganz gewöhnliche Menschen, die in diesem Roman beschrieben werden - gewöhnliche Menschen in gewöhnlichen Berufen, die eine alltägliche Beziehung führen. Rivaz nimmt einen mit auf eine Expeditionsreise in die Untiefen der menschlichen Psyche, die spannender und mitreissender als so mancher Krimi ist.

Obwohl die Beziehungsprobleme und Zerrissenheit der Figuren im Vordergrund stehen, habe ich den Roman zu keiner Zeit als deprimierend oder negativ empfunden - vielmehr schwebt eine wunderschöne Leichtigkeit über allem, der diesem wunderbaren Werk seinen ganz eigenen Charme verleiht.

Die äussere Handlung ist auf ein Minimum reduziert und umfasst lediglich einen Tag im Leben zweier Arbeitskollegen, die beide in die schöne Klavierlehrerin verliebt sind. Die Handlung spielt in der Zeit des Spanischen Bürgerkriegs.

Alain Saintagne, ein Büroangestellter, ist mit Madeleine verheiratet, doch er träumt von Christiane, der schönen Klavierlehrerin. Als er eines Morgens seinen Freund und Arbeitskollegen Fernand Lorenzo das Haus der Klavierlehrerin betreten sieht, gerät sein Leben aus dem Gleichgewicht. Alain findet weder den Mut, sich seiner Frau Madeleine zu öffnen, noch sich selber einzugestehen, dass ihn sein Job als Beamter unglücklich macht…

Originaltitel: Nuages dans la main

Originalverlag: Guilde du Livre, Lausanne
Erstveröffentlichung: 1940
Sprache: Französisch
Land: Schweiz


Meine Ausgabe

Übersetzung ins Deutsche durch: Markus Hediger

Verlag: Huber, Frauenfeld
Jahr: 1992
Verarbeitung: Weisser Pappeinband mit rotem Kapitalband, Fadenheftung und Schutzumschlag
Nachwort: Marianne Ghirelli
Einbandgestaltung: Ruedi Becker
Seiten: 239

Verarbeitungsqualität (1-10): 6

ISBN: 3-7193-1073-6

Literarische Gattung: Roman / Beziehungsroman

Literarischer Anspruch (1-10): 9

Handlungsorte: Genf, Schweiz

Thema: Beziehung Frau - Mann

Schlagwörter: Frau / Mann / Beziehung / Einsamkeit / Leben / Traum / Wirklichkeit

14. August 1901 in Rovray, Waadt, Schweiz

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27. Februar 1998 in Genthod, Genf, Schweiz

Alice Rivaz war eine aus der französischen Schweiz stammende Schriftstellerin und Journalistin.
Rivaz studierte Musik und war ausgebildete Musiklehrerin, verdiente ihren Unterhalt jedoch hauptsächlich als Dokumentalistin. Gleichzeitig begann sie, ihre literarische Karriere voranzutreiben, was schliesslich 1940 zu ihrem Erstlingswerk „Nuages dans la main“ führte.

Rivaz’ literarische Kernthemen waren die Stellung der Frau in der Gesellschaft, die Probleme von Minderheiten sowie Liebe und Einsamkeit. Sie gilt heute als eine der wichtigsten und kompromisslosesten Feministinnen der Schweiz.

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Alice Rivaz an ihrem Arbeitstisch 1941

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Kurt Guggenheim

Alles in Allem

1952-1955
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„Alles in Allem“ ist eines jener Werke, vor dem ich mich sehr lange gedrückt hatte. Die über tausend Seiten und die etwas biedere Aufmachung des Werkes haben mich abgeschreckt. Als ich mich dann endlich doch herangewagt hatte, wurde mir schnell klar, dass es eben nicht nur bei Menschen, sondern auch bei Büchern, falsch ist, seine Meinung aufgrund von äusseren Gegebenheiten zu machen.
„Alles in Allem“ ist eines jener wunderbaren Bücher, die einzigartig dastehen in der Schweizer Literaturgeschichte. Ein gesellschaftshistorisches Werk über eine Stadt zu schreiben, welches auf über tausend Seiten nicht eine Sekunde langatmig wird, ist eine Aufgabe, der nur wenige Autoren gewachsen sind - Kurt Guggenheim war glücklicherweise so ein Autor. Dabei wird er nie belehrend oder intellektuell gestelzt. Guggenheim schreibt mitten aus den Menschen heraus. Unzählige Schicksale wandeln am Leser vorbei, wirken authentisch und interessant. Dem Autoren gelingt es durch eine ausdrucksstarke Erzählweise die Spannung immer hoch zu halten.
So ganz nebenbei erfährt man die Geschichte Zürichs zwischen 1900 und 1945. Dazwischen zwei Weltkriege, vor denen die Schweiz zwar verschont blieb, die dennoch ihre politischen und gesellschaftlichen Spuren hinterlassen haben.
Hochinteressant ist auch die Geschichte der jüdischen Gemeinschaft in Zürich, über die ich persönlich kaum etwas gewusst habe und welcher Guggenheim, der selber einer jüdischen Familie entstammte, einen ganz zentralen Platz in diesem wunderbaren Buch einräumt.

Für mich ist „Alles in Allem“ eines der spannendsten, lehrreichsten und mitreissendsten Schweizer Gesellschaftsromane, die ich kenne. Für Eidgenossen eine Pflichtlektüre und für alle anderen ein Geheimtipp erster Güte…!

Dieses Werk wurde ursprünglich in vier Teilbänden zwischen 1952 und 1955 wie folgt herausgegeben:

- 1952 / Band 1, 1900-1913
- 1953 / Band 2, 1914-1919
- 1954 / Band 3, 1920-1932
- 1955 / Band 4, 1933-1945

Erzählt wird die Geschichte der Stadt Zürich zwischen 1900 und 1945. Dem Leser wird, anhand von 140 verschiedenen Figuren, das Leben und die gesellschaftlichen Veränderungen in der grössten Schweizer Stadt vorgestellt. Menschen aus allen Schichten, Religionen und Kulturen treffen aufeinander. Es werden politische, gesellschaftliche und kulturelle Ereignisse thematisiert und der Wandel Zürichs in der Zeit der Weltkriege aufgezeigt.

Originaltitel: Alles in Allem

Originalverlag: Artemis, Zürich
Erstveröffentlichung: 1952-1955
Sprache: Deutsch
Land: Schweiz


Meine Ausgabe

Verlag: Huber, Frauenfeld
Herausgeber: Charles Linsmayer
Jahr: 3. Auflage 1998
Verarbeitung: Weisser Leineneinband mit Dünndruckpapier, Fadenheftung und Schutzumschlag
Einbandgestaltung: Ruedi Becker
Seiten: 1020

Verarbeitungsqualität (1-10): 8

ISBN: 3-7193-1113-9

Literarische Gattung: Roman / Epos

Literarischer Anspruch (1-10): 7

Handlungsorte: Zürich

Thema: Die Stadt Zürich und ihre Bewohner

Schlagwörter: Zürich / Schweiz / Menschen / Assimilation / Judentum / Epochen / Geschichte / Zusammenleben / Gesellschaft / Liebe / Sterben / Vergangenheit / Lebenswege

14. Januar 1896 in Zürich, Schweiz

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05. Dezember 1983 in Zürich, Schweiz

Kurt Guggenheim ist ein Schweizer Schriftsteller. Er stammte aus einer jüdischen Kaufmannsfamilie und erlernte auch den Beruf des Kaufmannes. Nachdem die elterliche Firma während der Wirtschaftskrise in den 20er-Jahren geschlossen wurde, arbeitete Guggenheim als Werbetexter, Antiquar und Redakteur.
Erst mit 39 Jahren brachte er seinen Romanerstling „Enfesselung“ heraus. Bald schon gehörte Guggenheim zu den erfolgreichsten Schweizer Autoren und verfasste nebst Romanen auch Theaterstücke und Filmdrehbücher (unter anderem „Wachtmeister Studer“, 1939).

Kurt Guggenheim gilt als Bewahrer einer realistischen Erzähltradition in der Schweiz. Seine Werke werden bis heute immer wieder neu aufgelegt.

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Quelle: Tagblatt der Stadt Zürich 2015

Gerold Späth

Unschlecht

1970
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Gerold Späths Werk „Unschlecht“ besitzt schon so viel Charakter, Charme und Wahrhaftigkeit, dass es kaum zu glauben ist, dass dies Späths Romandebüt war.

Gut für uns Leser, dass Gerold Späth uns an den aberwitzigen Abenteuern seines Antihelden Unschlecht teilhaben lässt. Vor den Augen der Leser erwacht ein kleines Nest am Zürichsee mit all seinen skurrilen Figuren zum Leben. Dies geschieht in satirischer Überhöhung sowie gewaltiger Übertreibung, erscheint jedoch dank Späths grandioser Fabulierkunst und origineller Sprache absolut glaubhaft - und sorgt für viele vergnügliche Lesestunden…

Es gibt nicht viele wirklich humorvolle Romane, die gleichzeitig eine ansprechende Tiefe und Weisheit beinhalten - dies ist im vorliegenden Werk alles zu finden. Mehr noch, Gerold Späth hat es verstanden, einen Schelmenroman von klassischer Prägung, versetzt mit Gesellschaftskritik, in ein modernes Kleid zu stecken.

Ich versteige mich zur Aussage, dass Gerold Späths „Unschlecht“ eines der humorvollsten und gleichzeitig sprachlich originellsten Werke der Schweizer Literatur ist - ich jedenfalls habe Tränen gelacht…

Unschlecht ist das Mündel des Rapperswiler Friedensrichters Xaver Rickenmann. Als Unschlecht die Volljährigkeit erreicht, erbt er ein beträchtliches Vermögen samt Insel im Zürichsee. Unschlecht ist nicht der Schlauste, und dies versuchen verschiedene Rapperswiler redlich auszunutzen und dem armen Tölpel den Reichtum gleich wieder abzunehmen.
Kuriose Begebenheiten und haarsträubende Geschichten sind die Folge, denen sich Unschlecht nur durch eine Flucht ins Ausland zu entziehen vermag. Er wechselt die Identität und kehrt, nun gescheit geworden, unter dem Namen Maximilian Guttmann in seine Heimatstadt zurück…

Originaltitel: Unschlecht

Originalverlag: Die Arche, Zürich
Erstveröffentlichung: 1970
Sprache: Deutsch
Land: Schweiz


Meine Ausgabe

Verlag: Suhrkamp, Frankfurt am Main
Jahr: 1. Auflage 1992
Verarbeitung: Blauer Leineneinband mit blauem Kapitalband, Fadenhefung und Schutzumschlag
Einbandgestaltung: Suhrkamp Verlag
Seiten: 620

Verarbeitungsqualität (1-10): 8

ISBN: 3-518-40482-2

Literarische Gattung: Roman / Schelmenroman

Literarischer Anspruch (1-10): 7

Handlungsorte: Rapperswil, Kanton Sankt Gallen, Schweiz

Thema: Lebensbeschreibung

Schlagwörter: Rapperswil / Erbschaft / Mündel / Reichtum / Insel / Dorfgemeinschaft / Leben / Zürichsee / Schweiz

16. Oktober 1939 in Rapperswil, St. Gallen, Schweiz

Gerold Späth ist ein Schweizer Schriftsteller.
Er wurde in eine Rapperswiler Orgelbauerdynastie hineingeboren und absolvierte eine Lehre als Kaufmann. 1968 entdeckte er seine Liebe zum Schreiben, was schliesslich 1970 zu seinem Erstlingswerk „Unschlecht“ führte. Trotz Erfolg mit seiner Schriftstellerei, arbeite Späth bis 1975 im Familienbetrieb weiter.

Gerold Späth gilt heute als einer der originellsten Schweizer Autoren und wurde mit vielen bedeutenden Literaturpreisen ausgezeichnet. Er schreibt nicht nur Romane, sondern verfasst auch Hörspiele und Theaterstücke.

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Gerold Späth - Das Foto wurde freundlicherweise vom Lenos Verlag zur Verfügung gestellt.

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