Dunkle Wälder

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S. Corinna Bille



Originaltitel: Forêts obscures (1989)

Deutsche Ausgabe: © Rotpunktverlag, Zürich (2012)
Übersetzung: Hilde Fieguth



HANDLUNG

Bianca, eine Frau um die fünfzig, lebt einen Sommer lang in einem Chalet in den Walliser Bergen. Sie fühlt sich wohl in dem von ihrem Mann erworbenen Haus und auf dem dazugehörenden Land. Ab und zu erhält sie Besuch von ihrem Mann und den Kindern, ansonsten geniesst sie die Einsamkeit, die nur ganz selten durch einen Wanderknecht namens Guérin unterbrochen wird.
Bianca streift durch die Wälder, sucht Pilze und geniesst die wiedergefundene Freiheit, die sie mit ihrem Kater und ihrem Hund teilt.
Eines Tages wird sie tot im Chalet gefunden. Der Verdacht fällt auf Guérin, den etwas sonderbaren Eigenbrötler, der sich immer in der Gegend herumtrieb, und auch auf Biancas Ehemann…

REZENSION

Ich hatte noch nie etwas von Corinna Bille gelesen und beabsichtigte, diese „Bildungslücke“ mit der Lektüre dieses Werkes zu schliessen.
Leider hatte ich aber so meine liebe Mühe mit diesem aus ihrem Nachlass herausgegebenen Werk.
Die Sprache ist sehr einfach - dagegen gibt es an sich nichts einzuwenden - in Kombination mit den zuweilen schon sehr schrägen Metaphern und der von mir als plump empfundenen Symbolik, ergab sich aber zunehmend ein sehr unangenehmes Lesegefühl.
Auch die Erzählungen der alltäglichen Belanglosigkeiten und den gleich darauf folgenden fundamental philosophischen Grundsatzfragen, schienen mir eher dem Geist einer 12-Jährigen entsprungen zu sein.
Es gibt durchaus auch interessante Sequenzen. Meistens dann, wenn die Figur des Guérin auftaucht. Das sind aber leider sehr kurze Szenen und führen zu keinem befriedigendem Erzählstrom.
Ich bin durchaus ein Freund von Selbsfindungsliteratur. Warum aber Corinna Bille, laut Verlag, zu den bedeutensten Westschweizer Autorinnen zählen soll, erschliesst sich mir nach der Lektüre dieser Novelle nicht.

Maurice Chappaz, der die Novelle seiner 1979 verstorbenen Frau Corinna Bille 1989 überarbeitete und herausgab, hat ihr meines Erachtens damit keinen Dienst erwiesen. Ganz offensichtlich ist die Geschichte unausgereift und weist viele grundsätzliche Mängel auf. Corinna Bille hatte wohl schon ihre Gründe, warum sie es trotz jahrelanger Arbeit nie veröffentlicht hat.


Die Besucherin

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Maeve Brennan



Originaltitel: The Visitor / 2000

© Deutsche Ausgabe: Steidl Verlag, Göttingen (2003)

HANDLUNG

Nachdem Anastasia Kings Mutter Mary in Paris verstirbt, kehrt die zweiundzwanzigjährige Anastasia zu ihrer Grossmutter nach Dublin zurück. Hier hat sie ihre Kindheit verbracht und hofft nun in ihrer Trauer und Einsamkeit eine Stütze zu finden. Doch ihre Grossmutter denkt nicht daran ihr Trost zu spenden. Vielmehr macht sie ihre Schwiegertochter Mary für den Tod ihres Sohnes verantwortlich. Anastasias Mutter Mary hatte ihren einzigen Sohn gegen ihren Willen geheiratet, später verlassen und war nach Paris gezogen, wohin ihr Anastasia gefolgt war.
Diesen „Treuebruch“ gegenüber ihrem Sohn verzeiht die alte Mrs. King ihrer Enkelin nicht und lässt sie spüren, dass sie nur als vorübergehender Gast willkommen ist. Diese täglichen Zurückweisungen setzen Anastasia schwer zu, und ihre Lage verschlimmert sich von Tag zu Tag…

REZENSION

Maeve Brennan (1917-1993), war eine irisch-amerikanische Journalistin und Schriftstellerin, deren belletristisches Werk grösstenteils erst nach ihrem Tod zur Veröffentlichung kam.
So ist es auch bei dieser in den 40er-Jahren entstandenen Novelle „The Visitor“, die erst in den späten 90er-Jahren zufällig entdeckt und im Jahre 2000 veröffentlicht wurde.

In gewisser Weise ein Glücksfall, denn die Novelle ist damit das älteste schriftstellerische Werk, das von Maeve Brennan bekannt ist. Da ich schon mit grosser Begeisterung den Band „Mr. Und Mrs. Derdon“ gelesen hatte, war ich sehr gespannt auf diese kleine Novelle.
Grundsätzlich sind in „Die Besucherin“ schon viele Eigenheiten, die Maeve Brennans Schreibstil ausmachen, zu erkennen. Allerdings wird auch schnell klar, dass sie noch nicht diese perfekte und ausgefeilte Psychologie beherrschte, wie das in ihren späteren Werken markant ist. Die Hauptfigur der Anastasia wirkte auf mich etwas irritierend und wenig glaubhaft. Weshalb sie partout kein eigenes Leben beginnen will, wird nur ansatzweise klar.
Sehr stark ist die Novelle bei atmosphärischen Beschreibungen des Hauses oder der Umgebung. Ebenso sind die zwischenmenschlichen Beziehungen sehr intensiv und mitreissend beschrieben.

Auch wenn das Werk sicher nicht zum Besten gehört, das es von Maeve Bennan zu lesen gibt, ist es doch schön, dass man auf diese Novelle gestossen ist und sie der Öffentlichkeit zugänglich machen konnte.

Die Enden der Welt

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Roger Willemsen




© Ausgabe: S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main / 2010


Roger Willemsen ist viel unterwegs - und das auf der ganzen Welt. In dem hier vorliegende Werk finden sich nun verschiedene Reiseberichte aus allen „Enden der Welt“. Gesammelte Essays aus dreissig Jahren.

Egal, ob im verlassenen Patagonien, dem überbevölkerten Tokio oder dem gespenstisch wirkenden Minsk, Willemsen sucht und beschreibt nicht die schönen oder gar idyllischen Orte, sondern landet und sucht bewusst die speziellen Momente, wobei es oft um Tod oder Sterben geht. Schnell wird dem Leser klar, dass hier nicht nur das räumliche Ende gesucht und besucht wird, sondern eben auch das ganz fundamentale Ende des Seins.
Das mutet zuweilen etwas irritierend an, gleichzeitig macht dies aber genau den Reiz der Lektüre aus und wirkt im Leser weiter.
Die Sprache ist pointiert, mitunter auch humorvoll, zwischenzeitlich immer wieder recht gestelzt. Hier wird dann eben deutlich, dass das Buch nicht in einem Guss verfasst wurde, sondern aus ganz verschiedenen Lebenszeiten von Roger Willemsen stammt. Diese inkonsistente Sprache macht das Lesen zum Teil etwas holprig.
Da man aber immer wieder auch mit sprachlich sehr hochstehenden Kapricen beglückt wird, lässt sich damit leben.
Etwas mehr gestört hat mich dann schon die zuweilen recht blasierte Art, mit der Willemsen aus einer intellektuellen Höhe herab Begebenheiten kommentiert. Zusätzlich steht der Autor immer wieder mal seinen Beschreibungen etwas im Weg und verdeckt dem Leser den Blick auf die eigentlichen Geschehnisse.
Abgesehen von diesen Selbstdarstellungen, ist das Wer, wie eingangs erwähnt, durchaus spannend zu lesen. Am Besten gefallen haben mir die „kleinen“ Geschichten, wie etwa die Zugreise durch Birma, auf der er ein einheimisches Ehepaar kennen lernt und sich ein faszinierender Dialog entwickelt, der von Willemsen auch sehr gekonnt zu Papier gebracht wird.

Alles in allem ist das Ganze sehr gut beobachtet und kenntnisreich erzählt, auch wenn er ab und an Örtlichkeiten etwas durcheinander bringt und zum Beispiel die Beringsee mit der Barentssee verwechselt..., was aber wohl eher einem mangelhaften Lektorat zur Last gelegt werden muss.

Brügge tote Stadt

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Georges Rodenbach



Originaltitel: Bruges-la-Morte / 1892

© Deutsche Ausgabe: Manholt Verlag / 2003


Nach dem Tod seiner abgöttisch geliebten, jungen Frau, beschliesst Hugues Viane, den Rest seiner Tage in Brügge zu verbringen, einer Stadt, die ebenso tot ist wie seine Frau.
In den Grachten und tristen Häuserzeilen dieser Stadt glaubt er, die Entsprechung seiner eigenen Seelenlandschaft zu finden. Nach Jahren abgeschiedenen Lebens, während denen er nur abends einen kurzen Spaziergang in den finsteren Gassen Brügges gemacht hatte, trifft er auf die Schauspielerin Jane Scott, in der er ein Ebenbild der geliebten Verstorbenen sieht.
Ohne ihr je sein Geheimnis zu offenbaren, umwirbt er die unbeschwerte, junge Frau, bietet ihr das standesgemässe Leben einer Mätresse gutbetuchter Bürger. Doch das Drama nimmt seinen lauf, Liebe schlägt um in Hass...

Ein ungewöhnlicher Roman, der mich sowohl abgestossen aber gleichzeitig auch sehr fasziniert hat.
Es ist sehr unheimlich, diese langsam in den Wahn abrutschende Hauptfigur zu verfolgen. Diese morbide Atmosphäre und die niedergeschlagene Stimmung, drückt auch dem Leser aufs Gemüt, was aber natürlich für das schriftstellerische Können des Autoren spricht.
Rodenbachs Novelle gilt als wichtiger Vertreter des französischsprachigen Symbolismus, warum wird nach der Lektüre klar.
Ich kann das Buch weiterempfehlen, aber nicht uneingeschränkt, die künstlerisch-symbolhafte Umsetzung dürfte nicht die breiten Massen ansprechen und den heutigen Leser wohl etwas verstören.