Garamonds Lehrmeister

image
✮✮✮✮✮✮

Anne Cuneo



Originaltitel: Le maître de Garamond
Originalausgabe: © Bernard Campiche Editeur, Orbe


Übersetzung aus dem Französischen durch Erich Liebi

Deutsche Ausgabe: © 2004 Limmat Verlag, Zürich

HANDLUNG

Erzählt wird die Lebensgeschichte von Antoine Augereau, einem bedeutenden Schriftschneider, Drucker, Verleger und Buchhändler des 16. Jahrhunderts.
Als persönlicher Drucker von Marguerite von Navarra gerät der in Paris lebende und arbeitende Augereau ins Kreuzfeuer der religiösen Dispute zwischen der katholisch konservativen Sorbonne und der, in der Entstehung begriffenen, Reformationsbewegung. Dies führt schliesslich 1534 zu Augereaus Verurteilung und Verbrennung auf dem Scheiterhaufen — mit ihm werden auch seine Bücher verbrannt.
Sein Schüler Claude Garamond erzählt in Rückblenden die Lebensgeschichte seines Meisters, von dessen Liebe zur Buchdruckerkunst, sowie die Geschichte der Entstehung der modernen Schrift.

REZENSION

Anne Cuneo hat sich einiges vorgenommen mit diesem Werk. Die Geschichte der modernen Typografie sowie die Ursprünge des heutigen Verlagswesens wären an sich schon Bibliotheken füllende Stoffe. Darüber hinaus beschreibt Cuneo die religiösen Konflikte während der Reformationszeit.
Die Tatsache, dass über das Leben von Antoine Augereau so gut wie nichts bekannt ist, machte Anne Cuneos Aufgabe nicht eben einfacher. So hat sie sich redlich bemüht, den Figuren Gesichter zu geben, dem Zeitgeist und der Geschichte gerecht zu werden.
Anne Cuneos Schreibstil ist sehr nüchtern — um es einmal nett auszudrücken — und steht in irritierendem Gegensatz zur, an Dramatik und menschlichen Schicksalen reichen, Handlung. Damit alleine hätte ich mich vielleicht abfinden können, leider ist es der Autorin jedoch nie gelungen, den Figuren so etwas wie Leben einzuhauchen. So werden unzählige historisch bedeutende Personen durch das Geschehen gezogen, ohne beim Leser nennenswerte Emotionen oder Stimmungen hervorzurufen.
Ich hatte mit zunehmender Lesedauer den Eindruck, dass die Verfasserin mit dem Stoff überfordert war. Zu sehr wollte sie wohl alles richtig machen, den historischen Begebenheiten gerecht werden, dass derweil die Phantasie und damit die Gefühlswelt völlig vergessen gingen. Wie seriös und gewissenhaft Anne Cuneo sich mit dem Stoff beschäftigt hatte, lässt das umfangreiche Nachwort erahnen, welches, nebenbei erwähnt, spannender zu lesen ist, als der eigentliche Roman. Dort zeigt sie ihre Begeisterung für die Lebensgeschichte des Antoine Augereau und ihre Sympathie für den Stoff — etwas, das ich im Roman leider zu keiner Zeit gespürt habe…

Natürlich kann man das Werk der interessanten Fakten wegen lesen — ich vermute allerdings, dass es nicht viele Leser gibt, die einen 558 Seiten dicken Wälzer nur deshalb lesen mögen… Für mich war es kein Lesevergnügen, und ich habe das vermisst, was James A. Michener, Umberto Eco oder Ken Follett so meisterhaft verstehen: Die Geschichte zum Leben zu erwecken.

HERSTELLUNG

Wenn man ein Buch über das Thema Buchdruckerkunst und Typographie herausgibt, dürfte es selbstverständlich sein, dass dieses Werk selber dementsprechend etwas zu bieten hat. Der Limmat Verlag in Zürich scheint das genau anders herum gesehen zu haben und hat ein äusserst liebloses, leimgebundenes Buch mit Pappdeckel und schlechtem Satzspiegel geschaffen. Als Krönung: Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal ein Buch mit derart vielen Druckfehlern — zuweilen sogar falschen Zeitformen — gelesen habe. Der Spass beginnt schon auf Seite eins, auf welcher der denkwürdige Satz steht: „Er wollte einen Abschnitt daraus mit Pfarrer Marcourt besprochen.“
Kurz, eine in jeder Hinsicht lieblose Umsetzung, die sich in ihrer gefühlskalten Zweckform wunderbar mit dem leblosen Text von Anne Cuneo verbindet — so gesehen stimmt es also wieder…

FAZIT

Kurz und gut: Wenn Sie gerne historische Romane lesen, kann ich Ihnen dieses Werk leider nicht empfehlen. Wenn Sie etwas in Romanform über die Anfänge der modernen Typografie lesen möchten, können Sie Ihr Glück damit versuchen…

Die Wildnis des häuslichen Lebens

image
✮✮✮✮✮✮

Gilbert K. Chesterton



© Verlag: Berenberg Verlag, Berlin / 2006


Gilbert K. Chesterton (1874-1936) hat ein sehr umfangreiches Werk hinterlassen, das sich aus Literaturkritiken, Gedichten, Erzählungen, Romanen und Essays zusammensetzt.
In deutscher Sprache wurden seine Publikationen häufig nur gekürzt oder in Versatzstücken herausgegeben. Hier macht auch diese vorliegende Veröffentlichung keine Ausnahme.
„Die Wildnis des häuslichen Lebens“ besteht aus insgesamt 18 Essays. Zusammengestellt aus unterschiedlichen Werken und Thematiken. Literaturwissenschaftliches, wie der humorvoll und geistreiche Essay über Charles Dickens „Pickwick Papers“, stehen neben persönlichen oder philosophischen Lebensbetrachtungen.
Alle Texte besitzen den unnachahmlichen Charme von Chestertons querem und erfrischendem Weltbild. Die Essaysammlung liest sich sehr vergnüglich und nicht selten überraschen Chestertons Gedanken und Schlussfolgerungen, da sie völlig schräg und unkonventionell erscheinen.
Politiker oder Literaturkritiker sind seine bevorzugtesten Opfer, aber auch gegenüber einem Verfasser von Büchern über das Erlangen von Erfolg, wie beispielsweise im Essay „Der Trugschluss des Erfolgs“, kennt er kein Erbarmen. Wobei die Quintessenz der Abrechnung über Letzteren folgendermassen ausfällt:
„Es gibt Bücher, die den Menschen zeigen, wie sie in allem Erdenklichen Erfolg haben können; geschrieben sind sie von Leuten, die nicht einmal erfolgreich schreiben können.“

In diesem Stil ist das ganze Werk verfasst, wobei nicht nur die Ergebnisse Chesterton‘s Analysen, sondern vor allem sein Denkweg dahin, fasziniert.

Das schmale Büchlein mit gerade 155 Seiten eignet sich denn auch bestens für den Einstieg in die Gedankenwelt des Gilbert K. Chesterton. Ich habe mich köstlich amüsiert und zusätzlich einige interessante Anregungen erhalten, die mich zum Nachdenken gebracht haben.

Der Band ist im Berenberg Verlag erschienen und wie alle Bücher aus diesem Verlag sehr edel und schön verarbeitet. Der Einband wurde in Halbleinen gebunden und das Werk fadengeheftet und mit violettem Vorsatzpapier versehen.

Alles in allem eine wunderschöne Ausgabe, die mit ihrer aufwändigen Verarbeitung, den äusserst lesenswerten Inhalten Ehre erweist.

Atala

image
✮✮✮✮✮

François-René de Chateaubriand



Originaltitel: Atala / 1801

Deutsche Ausgabe: dearbooks, Berlin / 2012


Der alte Natchez-Indianer Chactas erzählt die Geschichte, wie er als junger Krieger in Gefangenschaft gerät und dabei auf Atala trifft, in die er sich verliebt. Chactas soll den qualvollen Martertod sterben, zuvor wird er jedoch von Atala befreit. Zusammen fliehen sie in die unbewohnten Wälder, wo sie schließlich von einem weißen Missionar gefunden und gerettet werden.
Atala wird jedoch von einem großen Schuldgefühl geplagt. Vor die Wahl gestellt, das Leben mit ihrem Geliebten zu verbringen oder das ihrer Mutter gegenüber abgelegte Gelübde einzuhalten, ihr Leben der heiligen Jungfrau zu widmen, entscheidet sie sich für den Freitod...

Chateaubriands Novelle Atala gilt als Klassiker der französischen Literatur. Beeinflusst durch Rousseaus "Edle-Wilden-Theorie" gilt Atala als eines der wichtigsten Werke dieses Genres.
Abgesehen davon, dass diese Theorie heute längst überholt ist, birgt das Werk einige grundlegende Mängel. So heißt es beispielsweise ganz zu Beginn beim ersten Kontakt mit Weissen gegenüber Chactas: "Bist du wieder in deinen Wäldern, so erinnere dich des alten Spaniers, der sich dir gastlich bezeigte, und denke daran, dass deine erste Fühlungnahme mit den Menschen eine freundliche war..." Den Indianern wird also schlicht abgesprochen, Menschen zu sein. Eine zeitgenössische Ansicht, die heute doch sehr rassistisch anmutet und den Leser irritiert.
In diesem Stil geht es munter weiter. Selbstverständlich ist die Hauptfigur Atala eine getaufte Christin und dem Leser wird nachdrücklich erklärt, dass Indianer selbstverständlich nur als Christen (Katholiken) wertvolle Mitglieder der menschlichen, zivilisierten Rasse sein könnten.
Wenn man weiß, wie viel Leid bei den verschiedenen indigenen Nationen Amerikas durch die christliche Missionierung bis weit ins 20. Jahrhundert hinein ausgelöst wurde, dann erscheinen einem diese Erläuterungen heute geradezu sarkastisch. Kaum eine indianische Biografie ist frei von den traumatischen Erlebnissen, die sie während ihrer Kindheit in Missionsschulen gehabt haben. Physische und seelische Gewalt, die auch vor sexuellen Übergriffen nicht halt machte, sind heute noch Bestandteil von kollektiven Traumata ganzer Kulturen Nordamerikas.
Werke, wie das hier besprochene, sind meiner Meinung nach der kulturelle Boden, mit dem diese ungeheuerlichen Verbrechen an den Indianern über Jahrhunderte hinweg legitimiert wurden. Solange solche Werke als klassisch und wertvoll gelten, wird auch dieses eurozentrische und menschenverachtende Weltbild nicht aus den Köpfen verschwinden.