Vertrauen

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Henry James



Originaltitel: Confidence (1879)

Deutsche Ausgabe: © 1996 Manesse Verlag, Zürich




HANDLUNG

Bernard, ein junger Amerikaner, geniesst seinen Wohlstand, der ihm ermöglicht, unbeschwert durch Europa zu reisen und sich niederzulassen, wo es ihm gerade gefällt.
In Siena trifft er auf eine unbekannte junge Frau, die in fasziniert, die aber ebenso schnell auch wieder verschwindet.
Wenig später erhält Bernard von seinem Freund George, der ebenfalls in Europa unterwegs ist, ein Schreiben, in dem dieser Bernard bittet, in einer wichtigen Angelegenheit nach Baden-Baden zu kommen. Dort stellt George seinem Freund die Dame seines Herzens vor und bittet ihn, die junge Frau etwas genauer unter die Lupe zu nehmen…
Das ist leichter gesagt als getan, handelt es sich bei der Frau doch um die besagte Dame, der Bernard in Siena begegnet war und die in ihm einen bleibenden Eindruck hinterlassen hatte.
Gefangen zwischen seinem bestem Freund und einer jungen Frau, zu der er ehrliche Gefühle entwickelt, beginnt für Bernard eine Liebesgeschichte, die die Freundschaft der beiden Hauptprotagonisten auf eine ernsthafte Probe stellt…

REZENSION

Das Werk „Confidence“ (Vertrauen) wurde 1879 veröffentlicht und gehört zu Henry James’ (1843-1916) Frühwerken.
Dass es sich um ein Frühwerk handelt, ist gerade diesem Roman deutlich anzumerken, fehlt es ihm doch an Perfektion und einer bis ins letzte ausgefeilten Geschichte. Interessant ist es insofern, als dass hier alle Anlagen, die Henry James Schreibstil auszeichnen, schon vorhanden sind. Die psychologischen Verstrickungen wie auch die zwischenmenschlichen Beziehungen werden humorvoll und gekonnt ausgebreitet.
„Vertrauen“ zeichnet sich durch eine sehr einfach gestrickte Geschichte aus, die stellenweise sogar banale Züge annimmt. Gerettet wird das Werk ohne Frage durch die immer wieder ansprechenden und gekonnt arrangierten Dialoge und durch die Tatsache, dass der Autor hier wohl ganz bewusst eine leichte und luftige Geschichte verfassen wollte.
Über diese sehr gefällige Inszenierung und die anspruchslose Umsetzung, kann man geteilter Meinung sein. Für meinen Geschmack ist die Handlung etwas zu glatt und das an den Haaren herbei gezogene Happy-End wirkt überhastet und unmotiviert.

Alles in allem bietet „Vertrauen“ eine unterhaltsame Lektüre. Ein Werk, welches mehr durch seine technische Umsetzung beeindruckt, denn durch seine zuweilen etwas langatmige Geschichte. Hat man schon viel von Henry James gelesen, bietet dieses Frühwerk gewissermassen einen Rückblick auf die Anfänge seiner Schreibkunst. Kennt man Henry James noch nicht, ist dieses Werk wohl nicht die geeignete Lektüre - die Gefahr, Henry James für banal zu halten und nie wieder etwas von ihm zu lesen, wäre zu gross… - und es gibt doch so viele hervorragende Werke von ihm…

Der Garten über dem Meer

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Mercè Rodoreda



Originaltitel: Jardi vora el mar / 1967

© Deutsche Ausgabe: Büchergilde Gutenberg, Frankfurt am Main (Lizenz von Mare Verlag) / 2015

HANDLUNG

Sechs Sommer lang beobachtet der Gärtner eines schönen Anwesens über dem Meer die neuen Besitzer und frisch vermählten Francesc und Rosamaria und ihre Freunde. Es finden rauschende Feste statt, es wird gebadet, gemalt, geliebt und gestritten.
Verschiedenste Besucher des Paares treffen ein, mit denen der Gärtner über die Jahre bekannt wird.
Als auf dem Nachbargrundstück eine Villa gebaut wird, beginnt sich die Atmosphäre zu verändern. Der neue Nachbar ist Eugeni, die einstige Jugendliebe Rosamarias…

REZENSION

Der in den 20er-Jahren spielende Roman von Mercè Rodoreda wird in den Medien zuweilen mit dem Grossen Gatsby verglichen. Ich halte diesen Vergleich aber für sehr weit hergeholt. Natürlich, es bevölkern auch hier reiche Snobs, die mit ihrer Zeit nicht viel Sinnvolles anzustellen wissen, die Szenerie. Das war es dann aber auch schon mit den Gemeinsamkeiten.
Im Zentrum dieser Geschichte steht der Gärtner und sein Garten mit den unzähligen Blumen, Sträuchern und Bäumen. Wir erleben die Jahreszeiten, den Sommer mit den Snobs und den Herbst/Winter, in der der sich der Gärtner mehr oder weniger allein um sein Reich kümmert.
Rodoreda erzählt unglaublich atmosphärisch und stilvoll. Die Stimmung ist immer leicht melancholisch, hat aber durchaus auch einen dezent humorvolle Note. Die Geschichte durch den Gärtner erzählen zu lassen, ist ein gelungenes Stilmittel, das sehr zur Lebendigkeit der Erzählung beiträgt. Seine Launen und Vorurteile wirken wie ein Filter und können vom Leser schnell decodiert werden. Die Tatsache, dass er alles aus der Erinnerung erzählt und sich zuweilen auch gar nicht sicher ist, die Ereignisse noch recht im Gedächtnis zu haben, verleihen dem Ganzen einen vagen und zugleich charmanten Reiz.

Die Geschichte an sich ist recht konventionell, entfaltet aber vielleicht gerade deshalb eine ungeahnte Tiefe. Rodoreda versteht es, einen Realismus zu schaffen, der höchste Dramatik, Komik und Alltägliches zu einem harmonischen Lebensbild verflechtet, welches Hand in Hand mit der Vergänglichkeit der Jahreszeiten einherschreitet...

„Der Garten über dem Meer“ ist einer der schönsten Romane, die ich seit langem gelesen habe. Eines jener Bücher eben, um die man alle beneidet, die es noch nicht entdeckt haben, denn die haben noch eine wunderbare Leseentdeckung vor sich...

Der grüne Blitz

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Jules Verne



Originaltitel: Le Rayon-vert / 1882

© Deutsche Ausgabe: Mare Verlag / 2013

HANDLUNG

Helena Campbell lebt in der Nähe von Glasgow bei ihren Onkeln Sib und Sam Melvill, von denen sie auch aufgezogen wurde.
Als sich Sib und Sam in den Kopf setzen Helena zu verheiraten, weigert sich Helena. Erst wolle sie den „grünen Blitz“ sehen, ein Naturphänomen, das unter bestimmten Voraussetzungen beim Sonnenuntergang zu beobachten ist. Vorher käme eine Heirat nicht in Frage.
Auf der Suche nach dem geeigneten Ort an der schottischen Westküste, macht Helena auf dramatische Weise Bekanntschaft mit Olivier Sinclair.
Wer den grünen Blitz gesehen hat, wird sich in Gefühlsangelegenheiten nicht mehr täuschen lassen, besagt die Legende, und dies scheint sich in Helenas Fall zu bewahrheiten…

REZENSION

Die zum Spätwerk zählende Geschichte „Der grüne Blitz“ ist alles andere als ein typischer Jules-Verne-Roman. Es gibt keine futuristischen Erfindungen wie U-Boote, Mondraketen oder dergleichen. Auch weisst die Story keinerlei Science-Fiction-Elemente auf. Vielmehr haben wir es hier mit dem ersten und einzigen Liebesroman aus Vernes Feder zu tun.
Erzählt wird die Geschichte der selbstbewussten jungen Helena nicht ohne Schalk. Wobei dem Leser schon sehr schnell klar wird, wohin die Reise gehen wird. Der eigentliche Heiratskandidat Aristobulus Ursiclos, wird von Beginn an derart plump und als pedantischer Langweiler eingeführt, dass keinerlei Zweideutigkeiten aufzukommen drohen.
Der Roman ist aber mehr als eine einfache Liebesgeschichte, vielmehr eine Huldigung an die schottische Literatur und Landschaft. Die Hebriden werden derart genau beschrieben, dass man aufgrund dieses Romans problemlos seine nächste Schottlandreise planen könnte.

So haben wir schlussendlich eine einfache, sprachlich schön beschriebene, romantische Liebesgeschichte, eingepackt zwischen einem wissenschaftlichen Naturphänomen und tosender Meeresbrandung.
Der Autor hat es verstanden, eine sehr ruhige, fast entschleunigte Erzählform zu finden, die zu keiner Zeit langweilig wird.
Sicher nicht der beste Roman Jules Vernes, aber ebenso nicht sein schlechtester…

VERARBEITUNG

Die deutsche Ausgabe aus dem Mare Verlag wurde passend mit einem grünen Leineneinband versehen und fadengeheftet. Zusammen mit dem stabilen und schön gestalteten Schuber und den Kupferstichen der Originalausgabe von 1882, haben wir es hier mit einer wahren Prachtausgabe zu tun.
Mit der Neuübersetzung gelingt es Cornelia Hasting ausgezeichnet, die Sprache des 19. Jahrhunderts behutsam in die Gegenwart zu retten.

Blaue Augen

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Thomas Hardy



Originaltitel: A Pair of Blue Eyes / 1873

© Deutsche Ausgabe: Ars Vivendi Verlag / 1994



HANDLUNG

Den jungen Londoner Architekt Stephen Smith verschlägt es aus beruflichen Gründen in den Norden Cornwalls. Dort verliebt er sich in Elfriede Swancourt, die Tochter des Pfarrers. Die Beziehung hat aber keine Zukunft, da Elfriedes Vaters den jungen, mittellosen Architekten ablehnt und des Hauses verweist.
Elfriede widersetzt sich ihrem Vater und flieht heimlich mit Stephen nach London, um dort zu heiraten, verliert aber unterwegs den Mut und kehrt nach Hause zurück.
Später verliebt sie sich in den Literaten Henry Knight, der Stephens Mentor und Freund ist, und verlobt sich mit ihm, ohne dass dieser etwas von der früheren Beziehung zu seinem Freund ahnt.
Als Henry von der früheren Liaison erfährt, verlässt er Elfriede, da er sie für unrein und verlogen hält...

REZENSION

Thomas Hardy (1840-1928) ist einer der bedeutendsten englischen Schriftsteller des ausgehenden 19. Jahrhunderts und kann mit seinem psychologisierenden Erzählstil als einer der Wegbereiter des modernen Romans gesehen werden.

In dem hier vorliegenden, weniger bekannten Werk werden verschiedene viktorianische Themen behandelt, wobei das zentrale Motiv die „Reinheit der Frau“ darstellt. Die Hauptfigur kommt hier allerdings eher aus Ungeschicklichkeit als aus moralischen Gründen zu Fall.
Hardys Schreibstil ist in diesem Frühwerk zuweilen noch etwas ungeschliffen, aber dafür auch nicht so unheilvoll und tragisch, wie in seinem Hauptwerk „Tess von den d'Urbervilles“, das übrigens die genau gleiche Thematik aufweist.
Ab und an blitzt sogar so etwas wie Humor durch, wenn er die an sich unbegründete Panik beschreibt, in die Henry Knight verfällt, als er die vermeintliche Verwerflichkeit seiner Verlobten entdeckt.
Trotz allem liess es sich Hardy nicht nehmen, auch dieser Geschichte die schlimmstmögliche Wendung zu geben.

Thomas Hardys Meisterschaft besteht vor allem in den zwischenmenschlichen Dialogen, den Beschreibungen der verschiedenen sozialen Schichten und wunderbaren Landschaftsschilderungen. All dies ist in diesem Frühwerk schon reichlich und durchaus gekonnt umgesetzt worden, wenn auch nicht mit der Eleganz späterer Werke.
Schön ist auch, dass die Handlung zu keiner Zeit ins Kitschige abdriftet. Die Figuren verlieren nie die Bodenhaftung und wirken glaubhaft und real, zuweilen vielleicht etwas naiv, was aber auch seinen Charme hat.

Alles in allem ein spannend zu lesendes Frühwerk.
Wenn Sie psychologische Klassiker wie die Werke von Jane Austen oder Josef Conrad mögen, werden Sie an Hardys „Blaue Augen“ möglicherweise auch Gefallen finden...

Brügge tote Stadt

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Georges Rodenbach



Originaltitel: Bruges-la-Morte / 1892

© Deutsche Ausgabe: Manholt Verlag / 2003


Nach dem Tod seiner abgöttisch geliebten, jungen Frau, beschliesst Hugues Viane, den Rest seiner Tage in Brügge zu verbringen, einer Stadt, die ebenso tot ist wie seine Frau.
In den Grachten und tristen Häuserzeilen dieser Stadt glaubt er, die Entsprechung seiner eigenen Seelenlandschaft zu finden. Nach Jahren abgeschiedenen Lebens, während denen er nur abends einen kurzen Spaziergang in den finsteren Gassen Brügges gemacht hatte, trifft er auf die Schauspielerin Jane Scott, in der er ein Ebenbild der geliebten Verstorbenen sieht.
Ohne ihr je sein Geheimnis zu offenbaren, umwirbt er die unbeschwerte, junge Frau, bietet ihr das standesgemässe Leben einer Mätresse gutbetuchter Bürger. Doch das Drama nimmt seinen lauf, Liebe schlägt um in Hass...

Ein ungewöhnlicher Roman, der mich sowohl abgestossen aber gleichzeitig auch sehr fasziniert hat.
Es ist sehr unheimlich, diese langsam in den Wahn abrutschende Hauptfigur zu verfolgen. Diese morbide Atmosphäre und die niedergeschlagene Stimmung, drückt auch dem Leser aufs Gemüt, was aber natürlich für das schriftstellerische Können des Autoren spricht.
Rodenbachs Novelle gilt als wichtiger Vertreter des französischsprachigen Symbolismus, warum wird nach der Lektüre klar.
Ich kann das Buch weiterempfehlen, aber nicht uneingeschränkt, die künstlerisch-symbolhafte Umsetzung dürfte nicht die breiten Massen ansprechen und den heutigen Leser wohl etwas verstören.