George Forster - Ein Leben in Scherben

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Ulrich Enzensberger



© Eichborn Verlag, Frankfurt am Main / 1996


INHALT

Georg Forster (1754-1794) gilt heute als einer der bedeutendsten deutschen Naturforschern und als einer der Mitbegründer der wissenschaftlichen Reiseliteratur. Sein Reisebericht, den er nach der dreijährigen, unter James Cook geführten, Südseereise verfasste, gilt bis heute als Standardwerk.

Georg Forster wurde 1754 im heutigen Polen geboren. Er begleitete seinen Vater Johann Reinhold Forster schon früh auf verschiedenen Reisen. So begaben sie sich zusammen an den Unterlauf der Wolga (1765), nach St. Petersburg und schliesslich nach England (1766). Von England aus ging es dann auf die eingangs bereits erwähnte Weltumseglung (1772-1775).
Trotz aller wissenschaftlichen Anerkennung und Resonanz, die seine Studien und Veröffentlichungen erhielten, war George Forster Zeit seines Lebens in Geldnot und konnte sich mehr schlecht als recht über die Runden bringen.
Forster war Mitglied in der Freimaurerloge und wurde schliesslich auch Mitglied im Mainzer Jakobinerklub. Nachdem Mainz 1792 von der französischen Revolutionsarmee besetzt wurde, war Georg Forster aktiv an der Gründung der Mainzer Republik beteiligt.
Während der revolutionären Wirren in Mainz verliess ihn seine Frau Therese mit den Kindern. Seine Ehe war immer schon auf sehr labilen Füssen gestanden und ging nun endgültig in die Brüche. Forster litt sehr unter der Trennung von seiner Familie und versuchte bis zum Schluss seine Frau zurück zu gewinnen.
Als Mainzer Abgeordneter des Nationalkonvents reiste er nach Paris, um dort die Angliederung der alleine nicht lebensfähigen Mainzer Republik an Frankreich zu beantragen. Die Rückeroberung Mainz‘ durch preussische Truppen entzog diesem Auftrag jedoch die Grundlage. Georg Forster verlor dadurch sein gesamtes Hab und Gut und konnte nicht mehr in seine Heimat zurück, da er dort verhaftet worden wäre. Krank und alleine blieb er in Paris, wo er am 10. Januar 1794, noch nicht einmal vierzigjährig, an einer Lungenentzündung verstarb.

REZENSION

Ulrich Enzensbergers Biografie besitzt eine originelle Stärke, die aber gleichzeitig auch der Schwachpunkt der Veröffentlichung darstellt.
So wurde diese Lebensbeschreibung zusammengesetzt aus unzähligen zeitgenössischen Texten. Es finden sich Briefe von Forster selber, die an seine Gläubiger, Freunde oder Familienangehörige, vor allem an seine Frau, gerichtet sind.
Es wird aber auch aus Briefen Drittpersonen zitiert. Zusätzlich finden Texte aus Tagebüchern, Bordbüchern (James Cook) oder aus Werken Georg Forsters Verwendung.
Das führt zu einem patchworkartigen Kosmos an Meinungen, der ein ungemein lebendiges Bild dieser Zeit und der Menschen in Forsters Umfeld aufleben lässt.
Diese Berichte werden von Ulrich Enzensberger jeweils mit eigenen erklärenden oder ergänzenden Texten verbunden und so zu einem zusammenhängenden Gesamtwerk verwoben. Soweit die Stärke dieser Veröffentlichung.
Dieses Flickwerk kann aber den ahnungslosen Leser (zu denen ich mich zählen würde) auch etwas überfordern. Die Erklärungen Enzensbergers sind sehr kurz gehalten und ohne bereits vorhandenes Hintergrundwissen steht man da schon ab und zu in einer finsteren Ecke. So habe ich es zum Beispiel als bedauerlich empfunden, dass ab der Mitte des Buches Georg Forsters Eltern kaum noch erwähnt werden. Gab es keinen Kontakt mehr oder hat Ulrich Enzensberger für uns entschieden, dass das nicht relevant genug sei? Man weiss es nicht. Erst ganz gegen Schluss erfährt man, in einem Nebensatz, dass der Vater von den revolutionären Aktivitäten seines Sohnes wohl gar nicht „amused“ gewesen sei.

Alles in allem war es eine interessante Lektüre, bei der ich unglaublich viel über die französische Revolution und vor allem über deren Auswirkungen auf Deutschland gelernt habe. Das hatte ich so zuvor noch nie gelesen. Die Verwendung zeitgenössischer Texte ist rein schon für die Atmosphäre sehr eindrücklich und machen dieses Werk zu etwas Besonderem.

Das vorliegende Buch wurde in der „anderen Bibliothek“ herausgegeben, fadengeheftet und in Bleisatz (!) gedruckt. Herstellerisch also etwas vom Feinsten, das man sich als Freund bibliophiler Bücher wünschen kann.