Der grüne Blitz

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Jules Verne



Originaltitel: Le Rayon-vert / 1882

© Deutsche Ausgabe: Mare Verlag / 2013

HANDLUNG

Helena Campbell lebt in der Nähe von Glasgow bei ihren Onkeln Sib und Sam Melvill, von denen sie auch aufgezogen wurde.
Als sich Sib und Sam in den Kopf setzen Helena zu verheiraten, weigert sich Helena. Erst wolle sie den „grünen Blitz“ sehen, ein Naturphänomen, das unter bestimmten Voraussetzungen beim Sonnenuntergang zu beobachten ist. Vorher käme eine Heirat nicht in Frage.
Auf der Suche nach dem geeigneten Ort an der schottischen Westküste, macht Helena auf dramatische Weise Bekanntschaft mit Olivier Sinclair.
Wer den grünen Blitz gesehen hat, wird sich in Gefühlsangelegenheiten nicht mehr täuschen lassen, besagt die Legende, und dies scheint sich in Helenas Fall zu bewahrheiten…

REZENSION

Die zum Spätwerk zählende Geschichte „Der grüne Blitz“ ist alles andere als ein typischer Jules-Verne-Roman. Es gibt keine futuristischen Erfindungen wie U-Boote, Mondraketen oder dergleichen. Auch weisst die Story keinerlei Science-Fiction-Elemente auf. Vielmehr haben wir es hier mit dem ersten und einzigen Liebesroman aus Vernes Feder zu tun.
Erzählt wird die Geschichte der selbstbewussten jungen Helena nicht ohne Schalk. Wobei dem Leser schon sehr schnell klar wird, wohin die Reise gehen wird. Der eigentliche Heiratskandidat Aristobulus Ursiclos, wird von Beginn an derart plump und als pedantischer Langweiler eingeführt, dass keinerlei Zweideutigkeiten aufzukommen drohen.
Der Roman ist aber mehr als eine einfache Liebesgeschichte, vielmehr eine Huldigung an die schottische Literatur und Landschaft. Die Hebriden werden derart genau beschrieben, dass man aufgrund dieses Romans problemlos seine nächste Schottlandreise planen könnte.

So haben wir schlussendlich eine einfache, sprachlich schön beschriebene, romantische Liebesgeschichte, eingepackt zwischen einem wissenschaftlichen Naturphänomen und tosender Meeresbrandung.
Der Autor hat es verstanden, eine sehr ruhige, fast entschleunigte Erzählform zu finden, die zu keiner Zeit langweilig wird.
Sicher nicht der beste Roman Jules Vernes, aber ebenso nicht sein schlechtester…

VERARBEITUNG

Die deutsche Ausgabe aus dem Mare Verlag wurde passend mit einem grünen Leineneinband versehen und fadengeheftet. Zusammen mit dem stabilen und schön gestalteten Schuber und den Kupferstichen der Originalausgabe von 1882, haben wir es hier mit einer wahren Prachtausgabe zu tun.
Mit der Neuübersetzung gelingt es Cornelia Hasting ausgezeichnet, die Sprache des 19. Jahrhunderts behutsam in die Gegenwart zu retten.

St. Ives

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Robert Louis Stevenson



St. Ives, Being the Adventures of a French Prisoner in England / 1897

© Deutsche Ausgabe: Hanser Verlag / 2011


Die Hauptfigur ist Kéroual de Saint-Yves oder eben kurz St. Ives, ein französischer Adliger, der in der Armee Napoleons dient. Er wird in Spanien von den Engländern als Spion enttarnt und festgenommen.
Nun sitzt er als Gefangener mit anderen Napoleonischen Soldaten in der Burg von Edinburgh. Es gelingt ihm unter halsbrecherischen Umständen zu entfliehen.
Auf der Flucht begegnet er Flora, einem schottischen Mädchen, in das er sich verliebt. Eine wilde Verfolgungsjagd durch ganz England beginnt, die schlussendlich bis an die Küsten der Vereinigten Staaten und zurück nach Frankreich führt.
Sein Ziel aber bleibt die Rückkehr zu Flora…

Stevenson, bekannt als Autor von Klassikern wie „Die Schatzinsel“ oder „Die Abenteuer des David Balfour“, schrieb diesen Abenteuerroman kurz vor seinem Tod (1894). Da er das Werk nicht mehr selber zu Ende führen konnte, wurden die letzten sechs Kapitel durch einen jungen Autoren namens Arthur Quiller-Couch vollendet.
Dies war möglich, da Stevenson die abschliessende Handlung bereits skizziert hatte und diese gewissermassen nur noch ausformuliert werden musste. Während man bei diesen letzten Kapiteln zu Beginn noch etwas ins Stocken gerät, wird mit jeder Seite spürbarer, dass der Jungautor die Sprache des Meisters hervorragend aufnahm und sich die Lesbarkeit deutlich verbessert.

Die Geschichte an sich ist abenteuerlich und mit viel Ironie und Sprachwitz verfasst. Stevensons schrieb diesen Roman auf Samoa, wo er seine letzten Lebensjahre verbrachte, und obwohl er so fern wie nie von Schottland war, erschuf er ein unglaublich eindrückliches Portrait seiner Heimat.

Auch wenn der Roman die eine oder andere Länge aufweist, wird man gut unterhalten und kann sich über eine wunderbare Sprache und eine ebenso wunderbare deutsche Übersetzung durch Andreas Nohl erfreuen.

Das Werk ist liegt hier übrigens erstmals vollständig in deutscher Sprache vor!

Ich kann jedem, der etwas mit schön gemachten Büchern anfangen kann, die in Leinen gebundene und fadengeheftete Ausgabe des Hanser Verlages empfehlen. Es ist sehr erfreulich zu sehen, dass es noch Verlagshäuser gibt, die solch exzellente Bücher produzieren und neu übersetzten lassen.