Der Friedhof in Prag

image
✮✮✮✮✮✮

Umberto Eco



Originaltitel: Il Cimitero di Praga

2010
Deutsche Ausgabe: © Carl Hanser Verlag, München

Der 1830 in Turin geborene Simon Simonini ist Jurist und spezialisiert auf das Fälschen von amtlichen Dokumenten. Seine fragwürdigen Fähigkeiten diesbezüglich führen dazu, dass er ins Visier von Geheimdiensten gerät. Diese wollen den talentierten Simonini aber nicht unschädlich machen, sondern vielmehr für ihre Zwecke benutzen.
So gerät der ebenso skrupellose wie karriereorientierte Anwalt in die Wirren der italienischen Unabhängigkeitskriege unter Giuseppe Garibaldi und später nach Paris. Dort ist er massgeblich an der Dreyfus-Affäre beteiligt.
Verschiedenste Geheimdienste verlangen von Simonini Dokumente, die die jüdische Weltverschwörung belegen sollen, und der windige Advokat lässt sich nicht lange bitten und kreiert diverse Texte, die auf seine jeweiligen Auftraggebern zugeschnitten sind. Ein wirres Spiel, in das die Freimaurer, die Jesuiten sowie allerlei Spione und Geheimpolizisten involviert sind, beginnt.
Als Simonini schliesslich einen Anschlag auf die im Bau befindliche Pariser Metro plant, unterläuft ihm ein folgenschweren Fehler…

Keine Frage, beim Roman „Der Friedhof in Prag“ handelt es sich unverkennbar um ein typisches Eco-Werk. Sämtliche Zutaten, die in seinen historischen Romanen zu finden sind, trifft der Leser auch in diesem Werk an. Verschwörungstheorien, windige Scharlatane sowie diverse Geheimbünde werden wie in einem Panoptikum am Leser vorbeigezogen. Dabei wird einem einmal mehr bewusst, wie umfassend, phantasievoll und gebildet Umberto Eco war. Ein Umstand, der dazu führt, dass man als Leser zuweilen etwas an seine Grenzen stösst und dem gelehrten Autoren nicht immer ganz zu folgen vermag (zumindest ging es mir bei der Lektüre so…).

In diesem Werk erfährt man unglaublich viel über die Geschichte der Dokumentenfälschungen des 19. Jahrhunderts. Wie gefälschte Dokumente als Spielball zur Massen-Manipulation benutzt wurden, wird eindrücklich beschrieben. Eco wäre nicht Eco, wäre da nicht auch stets die Doppelbödigkeit zwischen den Zeilen, die dem Leser klarmacht, dass es heute im Internetzeitalter genau so läuft, nur eben mit modernen Mitteln.
Sämtliche Ereignisse in diesem Roman beruhen auf tatsächlichen Begebenheiten, was das Ganze noch ungeheuerlicher macht. Die einzige Eco’sche Erfindung ist der Anwalt Simone Simonini, der gewissermassen als Bindeglied zwischen den Ereignissen dient und den Leser kreuz und quer durch die Geschichte der Fälschungen und Manipulationen des 19. Jahrhunderts führt.

Der Roman ist unterhaltsam und ohne Frage lehrreich, zuweilen sogar faszinierend. Er hat aber auch seine Längen und Wirrungen, die ihn vor allem gegen den Schluss hin zäh wirken lassen.
Hat man noch nie was von Eco gelesen, ist dieses Werk vermutlich nicht der richtige Einstieg. Für alle die Eco schon kennen und mögen; ein durchaus lesenswertes Werk!