Die Besucherin

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Maeve Brennan



Originaltitel: The Visitor / 2000

© Deutsche Ausgabe: Steidl Verlag, Göttingen (2003)

HANDLUNG

Nachdem Anastasia Kings Mutter Mary in Paris verstirbt, kehrt die zweiundzwanzigjährige Anastasia zu ihrer Grossmutter nach Dublin zurück. Hier hat sie ihre Kindheit verbracht und hofft nun in ihrer Trauer und Einsamkeit eine Stütze zu finden. Doch ihre Grossmutter denkt nicht daran ihr Trost zu spenden. Vielmehr macht sie ihre Schwiegertochter Mary für den Tod ihres Sohnes verantwortlich. Anastasias Mutter Mary hatte ihren einzigen Sohn gegen ihren Willen geheiratet, später verlassen und war nach Paris gezogen, wohin ihr Anastasia gefolgt war.
Diesen „Treuebruch“ gegenüber ihrem Sohn verzeiht die alte Mrs. King ihrer Enkelin nicht und lässt sie spüren, dass sie nur als vorübergehender Gast willkommen ist. Diese täglichen Zurückweisungen setzen Anastasia schwer zu, und ihre Lage verschlimmert sich von Tag zu Tag…

REZENSION

Maeve Brennan (1917-1993), war eine irisch-amerikanische Journalistin und Schriftstellerin, deren belletristisches Werk grösstenteils erst nach ihrem Tod zur Veröffentlichung kam.
So ist es auch bei dieser in den 40er-Jahren entstandenen Novelle „The Visitor“, die erst in den späten 90er-Jahren zufällig entdeckt und im Jahre 2000 veröffentlicht wurde.

In gewisser Weise ein Glücksfall, denn die Novelle ist damit das älteste schriftstellerische Werk, das von Maeve Brennan bekannt ist. Da ich schon mit grosser Begeisterung den Band „Mr. Und Mrs. Derdon“ gelesen hatte, war ich sehr gespannt auf diese kleine Novelle.
Grundsätzlich sind in „Die Besucherin“ schon viele Eigenheiten, die Maeve Brennans Schreibstil ausmachen, zu erkennen. Allerdings wird auch schnell klar, dass sie noch nicht diese perfekte und ausgefeilte Psychologie beherrschte, wie das in ihren späteren Werken markant ist. Die Hauptfigur der Anastasia wirkte auf mich etwas irritierend und wenig glaubhaft. Weshalb sie partout kein eigenes Leben beginnen will, wird nur ansatzweise klar.
Sehr stark ist die Novelle bei atmosphärischen Beschreibungen des Hauses oder der Umgebung. Ebenso sind die zwischenmenschlichen Beziehungen sehr intensiv und mitreissend beschrieben.

Auch wenn das Werk sicher nicht zum Besten gehört, das es von Maeve Bennan zu lesen gibt, ist es doch schön, dass man auf diese Novelle gestossen ist und sie der Öffentlichkeit zugänglich machen konnte.