Die Regulatoren in Arkansas

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Friedrich Gerstäcker



Originalausgabe: 1846

© Ausgabe: Friedrich-Gerstäcker-Gesellschaft, Braunschweig / 2004


Eine brutale Verbrecherbande treibt ihr Unwesen im spärlich besiedelten Arkansas des 19. Jahrhunderts. Recht und Gesetz sind fern, in der Hauptstadt Little Rock, und schließlich greifen die Siedler im unwegsamen Gebiet am Fuß des Ozark-Gebirges zur Selbsthilfe. Sie gründen den Regulatoren-Bund und verfolgen die Verbrecher gnadenlos. Assowaum, der Indianer, erweist sich dabei als wertvoller Helfer, auch wenn der zwielichtige Prediger Rowson versucht, die Siedler zu beschwichtigen - langsam zieht sich die Schlinge um die Verbrecher zusammen...

Gerstäcker steht heute sehr zu Unrecht im Schatten von Karl May. Dabei sind seine Geschichten, wie die hier vorliegende eindrücklich beweist, genau so spannend und einfallsreich konzipiert wie die von May. Mehr noch, während Karl May mit Hilfe von Lexiken und Reisebeschreibungen von anderen Autoren seine Werke zusammenschreiben musste, war Gerstäcker in den USA unterwegs und eignete sich viele Kenntnisse über Land und Leute an. Seine Beschreibungen sind genauer und kenntnisreicher, und das macht seine Story glaubhafter.
Natürlich ist die Sprache etwas behäbiger als man sich das heute gewohnt ist und die Handlungen für heutiges Verständnis zuweilen etwas gar romantisiert oder dramatisch überhöht. Das schmälert das Lesevergnügen aber nur unmerklich.
Er hat diese Geschichte übrigens im Jahre 1848 mit dem Roman „Die Flusspiraten des Mississippi“ weitergeführt!

God's Country

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Percival Everett



Originaltitel: God's Country / 1994

© Deutsche Ausgabe: Büchergilde Gutenberg / 2014


1871, irgendwo im Wilden Westen. Jock Marder muss mitansehen wie sein Haus abgebrannt, seine Frau entführt und sein geliebter Hund umgebracht wird, wobei ihn vor allem Letzteres arg mitnimmt.
Um seine Frau wieder zu finden, heuert er den besten Fährtenleser der Gegend an, den schwarzen Bubba. Das ungleiche Paar macht sich auf den Weg und schon bald wird klar: Das Ganze wird nicht gut enden. Zuviel läuft schief, und dass Marder ein Feigling, Trunkenbold und Möchtegern-Frauenheld ist, macht das ganze Unternehmen auch nicht gerade einfacher...

In salopper Sprache erzählt uns die Hauptfigur Jock Marder was ihm widerfährt, und wie er die Welt sieht, und schon bald wird dem Leser klar, dass man es hier mit einem äusserst unsympathischen, schmierigen und widerwärtigen Gesellen zu tun hat.
Es ist nicht wirklich ein Western-Roman, vielmehr eine Parodie oder Persiflage desselben.
Der eigentliche Held der Geschichte, Bubba, muss sich gegen die Ignoranz und Intoleranz der weissen Welt, in der er lebt, zur Wehr setzen. Bald wird klar, dass der eigentliche Held keine Chance haben wird, in dieser gesetzlosen Welt zu überleben.
So verfolgt man als Leser gebannt das wilde Treiben und ist zunehmend fasziniert von der zielstrebigen Orientierungslosigkeit, mit der die Figuren dem dramatischen Höhepunkt zustreben.
Die Sprache ist genial und die deutsche Übersetzung ist ausgezeichnet ausgefallen.

Es spricht übrigens nicht gerade für die deutschsprachige Verlagswelt, dass so ein grossartiger Roman erst 20 Jahre nach Erscheinen und dann erst noch von einem Buchclub herausgegeben wird...

Der Glanzrappe

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Robert Olmstead



Originaltitel: Coal Black Horse / 2007

© Deutsche Ausgabe: Eichborn Verlag / 2008

HANDLUNG

Robey Childs ist vierzehn Jahre alt, als er von seiner Mutter von zu Hause weggeschickt wird, um seinen Vater aus dem Bürgerkrieg heimzuholen. Ein alter Farmer, den Robey am Anfang seines Weges nach Gettysburg trifft, schenkt ihm einen ungewöhnlich schönen Rappen. Auf seinem alptraumhaften Ritt, durch die von Krieg und Zerstörung geschundenen Landschaften, muss Robey zahlreiche Prüfungen und Herausforderungen bestehen, bis er die Schlachtfelder von Gettysburg erreicht...

REZENSION

Eine sehr packende und gleichzeitig irritierende Geschichte, die Olmstead uns da erzählt. Mit einer gradlinigen, schnörkellosen Sprache beschreibt er einen geradezu apokalyptischen Ritt. Die sehr authentischen, grauenvollen Beschreibungen der Kriegsgreuel hinterlassen beim Leser eine Mischung aus Abscheu und Ungläubigkeit, und immer wenn man denkt, jetzt ist's aber gut, wir haben es verstanden, setzt der Autor noch einen drauf.
Die beinahe in zeitlupenartiger Genauigkeit zelebrierte Brutalität befremdet, macht aber auch klar, dass diese Geschichte wohl mit keinem anderen erzählerischen Stilmittel so genau auf den Punkt hätte gebracht werden können.
Aus der Distanz betrachtet, ist dieses Werk bemerkenswert. Die Gradlinigkeit und Ehrlichkeit, mit der der Erzähler die Geschichte vorantreibt, weitab von aller Cowboy-Romantik oder verkitschten Hollywood Klischees, ist beeindruckend und wird nur noch von sehr wenigen amerikanischen Autoren in dieser Perfektion erreicht. Mir fällt im Moment nur Cormac McCarthy ein, der einen ähnlich eindringlichen Schreibstil pflegt.

Alles in allem kein Buch für zimperliche Gemüter. Es wird schon einiges abverlangt vom Leser. Die Tatsache, dass der Autor die Handlung sehr offen lässt und mehr dem Leser überlässt, die Verschwiegenheit seiner Figuren zu interpretieren, macht die Lektüre auch nicht einfacher - aber spannend!

St. Ives

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Robert Louis Stevenson



St. Ives, Being the Adventures of a French Prisoner in England / 1897

© Deutsche Ausgabe: Hanser Verlag / 2011


Die Hauptfigur ist Kéroual de Saint-Yves oder eben kurz St. Ives, ein französischer Adliger, der in der Armee Napoleons dient. Er wird in Spanien von den Engländern als Spion enttarnt und festgenommen.
Nun sitzt er als Gefangener mit anderen Napoleonischen Soldaten in der Burg von Edinburgh. Es gelingt ihm unter halsbrecherischen Umständen zu entfliehen.
Auf der Flucht begegnet er Flora, einem schottischen Mädchen, in das er sich verliebt. Eine wilde Verfolgungsjagd durch ganz England beginnt, die schlussendlich bis an die Küsten der Vereinigten Staaten und zurück nach Frankreich führt.
Sein Ziel aber bleibt die Rückkehr zu Flora…

Stevenson, bekannt als Autor von Klassikern wie „Die Schatzinsel“ oder „Die Abenteuer des David Balfour“, schrieb diesen Abenteuerroman kurz vor seinem Tod (1894). Da er das Werk nicht mehr selber zu Ende führen konnte, wurden die letzten sechs Kapitel durch einen jungen Autoren namens Arthur Quiller-Couch vollendet.
Dies war möglich, da Stevenson die abschliessende Handlung bereits skizziert hatte und diese gewissermassen nur noch ausformuliert werden musste. Während man bei diesen letzten Kapiteln zu Beginn noch etwas ins Stocken gerät, wird mit jeder Seite spürbarer, dass der Jungautor die Sprache des Meisters hervorragend aufnahm und sich die Lesbarkeit deutlich verbessert.

Die Geschichte an sich ist abenteuerlich und mit viel Ironie und Sprachwitz verfasst. Stevensons schrieb diesen Roman auf Samoa, wo er seine letzten Lebensjahre verbrachte, und obwohl er so fern wie nie von Schottland war, erschuf er ein unglaublich eindrückliches Portrait seiner Heimat.

Auch wenn der Roman die eine oder andere Länge aufweist, wird man gut unterhalten und kann sich über eine wunderbare Sprache und eine ebenso wunderbare deutsche Übersetzung durch Andreas Nohl erfreuen.

Das Werk ist liegt hier übrigens erstmals vollständig in deutscher Sprache vor!

Ich kann jedem, der etwas mit schön gemachten Büchern anfangen kann, die in Leinen gebundene und fadengeheftete Ausgabe des Hanser Verlages empfehlen. Es ist sehr erfreulich zu sehen, dass es noch Verlagshäuser gibt, die solch exzellente Bücher produzieren und neu übersetzten lassen.