Blaue Augen

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Thomas Hardy



Originaltitel: A Pair of Blue Eyes / 1873

© Deutsche Ausgabe: Ars Vivendi Verlag / 1994



HANDLUNG

Den jungen Londoner Architekt Stephen Smith verschlägt es aus beruflichen Gründen in den Norden Cornwalls. Dort verliebt er sich in Elfriede Swancourt, die Tochter des Pfarrers. Die Beziehung hat aber keine Zukunft, da Elfriedes Vaters den jungen, mittellosen Architekten ablehnt und des Hauses verweist.
Elfriede widersetzt sich ihrem Vater und flieht heimlich mit Stephen nach London, um dort zu heiraten, verliert aber unterwegs den Mut und kehrt nach Hause zurück.
Später verliebt sie sich in den Literaten Henry Knight, der Stephens Mentor und Freund ist, und verlobt sich mit ihm, ohne dass dieser etwas von der früheren Beziehung zu seinem Freund ahnt.
Als Henry von der früheren Liaison erfährt, verlässt er Elfriede, da er sie für unrein und verlogen hält...

REZENSION

Thomas Hardy (1840-1928) ist einer der bedeutendsten englischen Schriftsteller des ausgehenden 19. Jahrhunderts und kann mit seinem psychologisierenden Erzählstil als einer der Wegbereiter des modernen Romans gesehen werden.

In dem hier vorliegenden, weniger bekannten Werk werden verschiedene viktorianische Themen behandelt, wobei das zentrale Motiv die „Reinheit der Frau“ darstellt. Die Hauptfigur kommt hier allerdings eher aus Ungeschicklichkeit als aus moralischen Gründen zu Fall.
Hardys Schreibstil ist in diesem Frühwerk zuweilen noch etwas ungeschliffen, aber dafür auch nicht so unheilvoll und tragisch, wie in seinem Hauptwerk „Tess von den d'Urbervilles“, das übrigens die genau gleiche Thematik aufweist.
Ab und an blitzt sogar so etwas wie Humor durch, wenn er die an sich unbegründete Panik beschreibt, in die Henry Knight verfällt, als er die vermeintliche Verwerflichkeit seiner Verlobten entdeckt.
Trotz allem liess es sich Hardy nicht nehmen, auch dieser Geschichte die schlimmstmögliche Wendung zu geben.

Thomas Hardys Meisterschaft besteht vor allem in den zwischenmenschlichen Dialogen, den Beschreibungen der verschiedenen sozialen Schichten und wunderbaren Landschaftsschilderungen. All dies ist in diesem Frühwerk schon reichlich und durchaus gekonnt umgesetzt worden, wenn auch nicht mit der Eleganz späterer Werke.
Schön ist auch, dass die Handlung zu keiner Zeit ins Kitschige abdriftet. Die Figuren verlieren nie die Bodenhaftung und wirken glaubhaft und real, zuweilen vielleicht etwas naiv, was aber auch seinen Charme hat.

Alles in allem ein spannend zu lesendes Frühwerk.
Wenn Sie psychologische Klassiker wie die Werke von Jane Austen oder Josef Conrad mögen, werden Sie an Hardys „Blaue Augen“ möglicherweise auch Gefallen finden...