Spitzentitel

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Antonio Manzini



Originaltitel: Sull’orlo del precipizio
Aus dem Italienischen von Antje Peter

Originalverlag: © 2015 Sellerio Editore, Palermo

Deutsche Ausgabe: © 2017 Klaus Wagenbach Verlag, Berlin


HANDLUNG

„Tolstois Krieg und Frieden ist überarbeitet worden. Es heisst jetzt nur noch „Frieden“. Der Krieg musste weg. Er hat die Leute beunruhigt. In der Welt unserer Leser gibt es nur Liebe, Zuversicht und Gleichklang…“
Der bekannte italienische Schriftsteller Giorgio Volpe hat eben sein Werk beendet - eine grosse Chronik seiner Familie, sein Opus Magnum, als ihn die Hiobsbotschaft ereilt, dass sein Verlag mit zwei anderen grossen italienischen Verlagshäuser fusioniert wurde. Es entsteht ein neuer grosser Verlagskonzern namens „Sigma“. Seine Lektorin ist spurlos verschwunden, der ehemalige Verlagschef nicht mehr zu erreichen. Als dann einige Tage später zwei windige Typen vor Volpes Haustüre stehen und mit ihm zusammen seinen Roman umschreiben wollen, wird Giorgio Volpe klar, dass er in argen Schwierigkeiten steckt - doch er ahnt noch nicht, dass dies erst der Anfang ist…

REZENSION
Antonio Manzini hat in dieser nur siebenundsiebzig Seiten umfassenden Story eine Satire über die moderne Verlagswelt, den Umgang mit Kultur - und in gewisser Weise über die gesamte Wirtschaftswelt - verfasst. Gelungen ist ihm dies zumindest in der ersten Hälfte der Geschichte köstlich. Hier entfaltet er eine schon beinahe kafkaesk anmutende Parallelwelt, in der sich die überrumpelte Hauptfigur völlig überfordert zeigt. Manzini thematisiert nicht nur die Problematik der seelenlosen Grosskonzerne, die sprichwörtlich über Leichen zu gehen scheinen, sondern führt auch die Diskussion über politische Korrektheit ad absurdum.
Wie erwähnt, gelingt ihm dies in der ersten Hälfte dank der originellen Ausgangslage und den durchaus witzig inszenierten Szenen hervorragend. In der zweiten Hälfte lässt er aber meiner Meinung nach die Zügel etwas zu stark schiessen und wird von seiner eigenen Geschichte überrollt. Zu grotesk wird er und zu platt, wo Subtilität wesentlich mehr zu erreichen versprochen hätte.

Antonio Manzini war ein Schüler Andrea Camilleris, und so ist es nicht weiter erstaunlich, dass Manzini eine vergleichbare einfache Sprache führt, die zwar keine literarischen Höhenflüge bietet, zu jeder Zeit aber ihren Zweck erfüllt.
Wer leichte Unterhaltung sucht und gerne satirische Parabeln mag, könnte an Antonio Manzinis Kurzgeschichte Gefallen finden. Für mich persönlich war zum Schluss dann doch etwas wenig „Fleisch am Knochen“…

BUCHVERARBEITUNG

Zum Buch selber ist noch zu sagen, dass es in der wunderbaren und bibliophilen SALTO-Reihe des Klaus-Wagenbach-Verlages erschienen ist. Was bedeutet, dass sich der Käufer oder die Käuferin auf einen schönen roten Leineneinband, Fadenheftung und ein farblich abgestimmtes Vorsatzblatt freuen darf. Als kleiner Gag wurde zur Feier von 30-Jahren SALTO die Fadenheftung mit einem roten Faden vorgenommen, was, wie ich finde, eine originelle gestalterische Idee ist, die mir sehr gefallen hat. Kurz, herstellungstechnisch eine einwandfreie Veröffentlichung!

Garamonds Lehrmeister

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Anne Cuneo



Originaltitel: Le maître de Garamond
Originalausgabe: © Bernard Campiche Editeur, Orbe


Übersetzung aus dem Französischen durch Erich Liebi

Deutsche Ausgabe: © 2004 Limmat Verlag, Zürich

HANDLUNG

Erzählt wird die Lebensgeschichte von Antoine Augereau, einem bedeutenden Schriftschneider, Drucker, Verleger und Buchhändler des 16. Jahrhunderts.
Als persönlicher Drucker von Marguerite von Navarra gerät der in Paris lebende und arbeitende Augereau ins Kreuzfeuer der religiösen Dispute zwischen der katholisch konservativen Sorbonne und der, in der Entstehung begriffenen, Reformationsbewegung. Dies führt schliesslich 1534 zu Augereaus Verurteilung und Verbrennung auf dem Scheiterhaufen — mit ihm werden auch seine Bücher verbrannt.
Sein Schüler Claude Garamond erzählt in Rückblenden die Lebensgeschichte seines Meisters, von dessen Liebe zur Buchdruckerkunst, sowie die Geschichte der Entstehung der modernen Schrift.

REZENSION

Anne Cuneo hat sich einiges vorgenommen mit diesem Werk. Die Geschichte der modernen Typografie sowie die Ursprünge des heutigen Verlagswesens wären an sich schon Bibliotheken füllende Stoffe. Darüber hinaus beschreibt Cuneo die religiösen Konflikte während der Reformationszeit.
Die Tatsache, dass über das Leben von Antoine Augereau so gut wie nichts bekannt ist, machte Anne Cuneos Aufgabe nicht eben einfacher. So hat sie sich redlich bemüht, den Figuren Gesichter zu geben, dem Zeitgeist und der Geschichte gerecht zu werden.
Anne Cuneos Schreibstil ist sehr nüchtern — um es einmal nett auszudrücken — und steht in irritierendem Gegensatz zur, an Dramatik und menschlichen Schicksalen reichen, Handlung. Damit alleine hätte ich mich vielleicht abfinden können, leider ist es der Autorin jedoch nie gelungen, den Figuren so etwas wie Leben einzuhauchen. So werden unzählige historisch bedeutende Personen durch das Geschehen gezogen, ohne beim Leser nennenswerte Emotionen oder Stimmungen hervorzurufen.
Ich hatte mit zunehmender Lesedauer den Eindruck, dass die Verfasserin mit dem Stoff überfordert war. Zu sehr wollte sie wohl alles richtig machen, den historischen Begebenheiten gerecht werden, dass derweil die Phantasie und damit die Gefühlswelt völlig vergessen gingen. Wie seriös und gewissenhaft Anne Cuneo sich mit dem Stoff beschäftigt hatte, lässt das umfangreiche Nachwort erahnen, welches, nebenbei erwähnt, spannender zu lesen ist, als der eigentliche Roman. Dort zeigt sie ihre Begeisterung für die Lebensgeschichte des Antoine Augereau und ihre Sympathie für den Stoff — etwas, das ich im Roman leider zu keiner Zeit gespürt habe…

Natürlich kann man das Werk der interessanten Fakten wegen lesen — ich vermute allerdings, dass es nicht viele Leser gibt, die einen 558 Seiten dicken Wälzer nur deshalb lesen mögen… Für mich war es kein Lesevergnügen, und ich habe das vermisst, was James A. Michener, Umberto Eco oder Ken Follett so meisterhaft verstehen: Die Geschichte zum Leben zu erwecken.

HERSTELLUNG

Wenn man ein Buch über das Thema Buchdruckerkunst und Typographie herausgibt, dürfte es selbstverständlich sein, dass dieses Werk selber dementsprechend etwas zu bieten hat. Der Limmat Verlag in Zürich scheint das genau anders herum gesehen zu haben und hat ein äusserst liebloses, leimgebundenes Buch mit Pappdeckel und schlechtem Satzspiegel geschaffen. Als Krönung: Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal ein Buch mit derart vielen Druckfehlern — zuweilen sogar falschen Zeitformen — gelesen habe. Der Spass beginnt schon auf Seite eins, auf welcher der denkwürdige Satz steht: „Er wollte einen Abschnitt daraus mit Pfarrer Marcourt besprochen.“
Kurz, eine in jeder Hinsicht lieblose Umsetzung, die sich in ihrer gefühlskalten Zweckform wunderbar mit dem leblosen Text von Anne Cuneo verbindet — so gesehen stimmt es also wieder…

FAZIT

Kurz und gut: Wenn Sie gerne historische Romane lesen, kann ich Ihnen dieses Werk leider nicht empfehlen. Wenn Sie etwas in Romanform über die Anfänge der modernen Typografie lesen möchten, können Sie Ihr Glück damit versuchen…

Vertrauen

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Henry James



Originaltitel: Confidence (1879)

Deutsche Ausgabe: © 1996 Manesse Verlag, Zürich




HANDLUNG

Bernard, ein junger Amerikaner, geniesst seinen Wohlstand, der ihm ermöglicht, unbeschwert durch Europa zu reisen und sich niederzulassen, wo es ihm gerade gefällt.
In Siena trifft er auf eine unbekannte junge Frau, die in fasziniert, die aber ebenso schnell auch wieder verschwindet.
Wenig später erhält Bernard von seinem Freund George, der ebenfalls in Europa unterwegs ist, ein Schreiben, in dem dieser Bernard bittet, in einer wichtigen Angelegenheit nach Baden-Baden zu kommen. Dort stellt George seinem Freund die Dame seines Herzens vor und bittet ihn, die junge Frau etwas genauer unter die Lupe zu nehmen…
Das ist leichter gesagt als getan, handelt es sich bei der Frau doch um die besagte Dame, der Bernard in Siena begegnet war und die in ihm einen bleibenden Eindruck hinterlassen hatte.
Gefangen zwischen seinem bestem Freund und einer jungen Frau, zu der er ehrliche Gefühle entwickelt, beginnt für Bernard eine Liebesgeschichte, die die Freundschaft der beiden Hauptprotagonisten auf eine ernsthafte Probe stellt…

REZENSION

Das Werk „Confidence“ (Vertrauen) wurde 1879 veröffentlicht und gehört zu Henry James’ (1843-1916) Frühwerken.
Dass es sich um ein Frühwerk handelt, ist gerade diesem Roman deutlich anzumerken, fehlt es ihm doch an Perfektion und einer bis ins letzte ausgefeilten Geschichte. Interessant ist es insofern, als dass hier alle Anlagen, die Henry James Schreibstil auszeichnen, schon vorhanden sind. Die psychologischen Verstrickungen wie auch die zwischenmenschlichen Beziehungen werden humorvoll und gekonnt ausgebreitet.
„Vertrauen“ zeichnet sich durch eine sehr einfach gestrickte Geschichte aus, die stellenweise sogar banale Züge annimmt. Gerettet wird das Werk ohne Frage durch die immer wieder ansprechenden und gekonnt arrangierten Dialoge und durch die Tatsache, dass der Autor hier wohl ganz bewusst eine leichte und luftige Geschichte verfassen wollte.
Über diese sehr gefällige Inszenierung und die anspruchslose Umsetzung, kann man geteilter Meinung sein. Für meinen Geschmack ist die Handlung etwas zu glatt und das an den Haaren herbei gezogene Happy-End wirkt überhastet und unmotiviert.

Alles in allem bietet „Vertrauen“ eine unterhaltsame Lektüre. Ein Werk, welches mehr durch seine technische Umsetzung beeindruckt, denn durch seine zuweilen etwas langatmige Geschichte. Hat man schon viel von Henry James gelesen, bietet dieses Frühwerk gewissermassen einen Rückblick auf die Anfänge seiner Schreibkunst. Kennt man Henry James noch nicht, ist dieses Werk wohl nicht die geeignete Lektüre - die Gefahr, Henry James für banal zu halten und nie wieder etwas von ihm zu lesen, wäre zu gross… - und es gibt doch so viele hervorragende Werke von ihm…

Jefta und seine Tochter

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Lion Feuchtwanger



Erstausgabe: 1957 Rowohlt Verlag, Hamburg

Diese Ausgabe: © 1995 Aufbau Verlag, Berlin



HANDLUNG

Die Geschichte spielt 1’300 Jahre vor unserer Zeitrechnung im Jordanland. Der angesehene Richter Gilead ist gestorben, noch während der Trauerzeit beginnt das Ringen um seine Nachfolge. Jefta, Gileads unehelicher Sohn, wird von Gileads Witwe und deren Söhnen aus der Sippe verstossen. Dies, obwohl Jefta Gileads Lieblingssohn war und die Verheissung vorhersagte, dass er dereinst die Stämme Israels einen sollte.
Jefta zieht mit seiner Familie und seinen Getreuen ins Land Tob. Hier, im Niemandsland, wird er zum gefürchteten Bandenführer und Oberhaupt einer stetig wachsenden Armee.
Als seine einstige Heimat von Feinden bedroht wird, bittet man Jefta und seine Streitmacht um Hilfe. Während einer entscheidenden Schlacht, ruft Jefta seinen Gott Jahwe um Beistand an und gelobt, dafür nach seiner Heimkehr den ersten Menschen, der ihm entgegenkäme, Jahwe zu opfern. Als er als gefeierter Sieger zu seinem Lager zurückkehrt, eilt ihm seine geliebte Tochter Ja’ala als Erste entgegen…

REZENSION

„Jefta und seine Tochter“ ist Lion Feuchtwangers letztes Werk. Als Meister von historischen Romanen, hatte er sich viel vorgenommen. Erzählt wird die Geschichte der alttestamentarischen Figur Jiftach aus dem „Buch der Richter“ (Das 7. Buch des alten Testaments). Dabei war es Feuchtwanger wichtig zu betonen, dass er nicht einfach einen biblischen Roman schreiben wollte, sondern vielmehr ein historisches Werk, welches mit dem Wissen der Gegenwart die biblische Geschichte nacherzählt.

In diesem Sinne hat Feuchtwanger denn auch viel Zeit investiert und Detailgenauigkeit walten lassen. Dies ist sowohl bei den Beschreibungen der verschiedenen Völker, wie auch bei jenen der historischen Gepflogenheiten im Jordanland deutlich zu bemerken. Der Roman lässt die vorchristliche Zeit eindrücklich aufleben. Unterstützt werden die gewissenhaften Beschreibungen durch eine wunderbare Sprache, die Feuchtwanger bewusst an der klassischen Bibel-Sprache anlehnte. Dadurch entsteht eine eindrückliche Atmosphäre, die nicht nur die Geschichte, sondern auch die darin agierenden Menschen überzeugend zum Leben erweckt. Besonders gut gelungen ist ihm dies bei den weiblichen Figuren. So gehört die Beschreibung von Jeftas Ehefrau Ketura, sowie die der Tochter Ja’ala mit zum Besten, das es in Feuchtwangers Romanen zu finden gibt. Nicht ganz so überzeugend ist ihm die Hauptfigur Jefta gelungen. Der zunächst von Ehrgeiz und Vergeltung getriebene Protagonist, wird schliesslich als verbitterter und unglücklicher Richter dargestellt und wirkte auf mich immer sehr distanziert und unnahbar. Es ist aber gut möglich, dass Lion Feuchtwanger dies ganz bewusst als Stilmittel angelegt hatte, weil er nicht wollte, dass der Leser eine zu enge Beziehung mit diesem Unglücklichen aufnimmt.

Wie auch immer, „Jeftas Tochter“ ist eine Reise in eine sehr ferne und äusserst fremde Zeit. Lion Feuchtwanger ist es gelungen, diese Zeit wieder aufleben zu lassen. Er hat einen eindrücklichen historischen Roman verfasst, der an Spannung, Unterhaltung und Wissenswertem einiges zu bieten hat.

BUCHVERARBEITUNG

Das hier vorliegende Buch ist in Leinen gebunden, mit einer Fadenheftung versehen und ist Teil der Gesammelten Werke aus dem Aufbau-Verlag. Eine sehr schöne und handwerklich bibliophil verarbeite Ausgabe, die kaum Wünsche offen lässt!

Elizabeth und ihr deutscher Garten

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Elizabeth von Arnim



Originaltitel: Elizabeth and her German Garden
Verlag: MacMillan & Co. / 1898

Deutsche Ausgabe: © 2014 Edition fünf, Gräfelfingen



HANDLUNG

Die junge Ehefrau Elizabeth überredet ihren Ehemann, mit der ganzen Familie auf den Landsitz in Norddeutschland zu ziehen. Dort macht sich Elizabeth zusammen mit einem Gärtner dran, den völlig verwilderten Garten neu anzulegen und zu bepflanzen. Sie geniesst ihre neu gewonnene Freiheit, die es ihr erlaubt, unliebsamen gesellschaftlichen Verpflichtungen zu entfliehen und statt dessen den Blumen in ihrem Garten Gesellschaft zu leisten.
Nur ganz selten verirren sich Besucher in die Einsamkeit und stören Elizabeths Ruhe…

REZENSION

Elizabeth von Arnim wurde 1866 als Mary Annette Beauchamp in Australien geboren und zog in früher Kinderzeit mit ihren Eltern nach England. Nachdem sie den deutschen Henning August von Arnim-Schlagenthin ehelichte, lebte sie in einem abgelegenen Herrensitz in Pommern. Hier schrieb sie auch ihr Erstlingswerk „Elizabeth and her German Garden“.

Der Roman ist im Tagebuch-Stil verfasst und beschäftigt sich vornehmlich, wie der Titel schon erahnen lässt, mit ihrem Garten, den sie liebevoll pflegt und hegt. Wobei vor allem ihre Unkenntnis in der Gartenkunst und ihre, für damalige Verhältnisse, gesellschaftsfeindliche Einstellung für den Leser amüsant ist.
Während der Anfang des Werkes noch sehr behäbig und etwas langatmig daherkommt, findet die Autorin schon bald eine humorvolle, satirische Sprache, die dem romantischen Touch etwas die Spitze nimmt und das Werk auch für heutige Leser lesenswert macht.

Ohne Frage finden sich in diesem Werk viele autobiografische Elemente aus Elizabeth von Arnims Leben - ebenso fraglos entspricht ihr hier beschriebenes Leben dennoch kaum den tatsächlichen Lebensumständen…
So lässt sich Elizabeth von ihrem Kutscher alleine in den Wald fahren, um die Stille zu geniessen, oder sitzt in Winterskälte in ihrem Garten und lässt sich von den verdutzten Bediensteten ihren Tee servieren. Ihr Ehemann, den sie „den Zornmütigen“ nennt, steht dem Treiben seiner Frau ebenso verständnis- wie machtlos gegenüber - und spätestens hier wird dem Leser klar, es ist nicht die reale Elizabeth, die hier erzählt, wie es war, sondern ihr Alter Ego, das schildert, wie sie es gerne hätte. Wir haben es hier also gewissermassen mit einem, wenn auch sehr subtilen, feministischen Manifest zu tun.

Veröffentlicht wurde das Werk anonym und avancierte in kürzester Zeit zu einem Bestseller, der den Beginn von Elizabeth von Arnims Karriere als erfolgreiche Autorin markierte.

„Elizabeth und ihr deutscher Garten“ ist fraglos ein amüsantes und stellenweise auch gesellschaftskritisches Werk, welches aber derart subtil und filigran daherkommt, dass es in der heutigen Zeit (zu unrecht) als harmlos wahrgenommen wird.
Die Übersetzung dieser Ausgabe wurde von Hans-Ulrich Möhring erstellt, und Karen Nölle verfasste ein kurzes, interessantes Nachwort.

BUCHVERARBEITUNG

Die Ausgabe ist mit einem feuerroten Leineneinband und einem gleichfarbigen Vorsatzblatt versehen. Darüber hinaus verfügt sie über ein Lesebändchen sowie edle Fadenheftung. Eine verarbeitungstechnische Buchqualität, die heutzutage nur noch selten in dieser Form anzutreffen ist!

Frauen um Kronprinz Rudolf - Von Kaiserin Elisabeth bis Mary Vetsera

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Friedrich Weissensteiner



1991
Ausgabe: © 2004 Kremayr & Scheriau /Orac, Wien

Dieses Werk wurde 1991 erstmalig publiziert und 2004 überarbeitet und erweitert. Diese Rezension bezieht sich auf die Ausgabe von 2004.


Ein sehr spannendes Thema, dem sich Friedrich Weissensteiner hier angenommen hat. Die Frage, in wie weit Rudolfs Leben durch Frauen beeinflusst wurde, ist keine unberechtigte, stand er doch Zeit seines Lebens zwischen sehr starken und Einfluss nehmenden Frauen. Es nimmt seinen Anfang bei seiner Grossmutter, der Kaiserin Mutter Sophie, über seine, oft abwesende Mutter, Kaiserin Elisabeth, bis hin zu seinen Kinderfrauen und endet schliesslich bei seiner Ehefrau Kronprinzessin Stephanie und diversen Geliebten und Mätressen…

Weissensteiner schreibt galant und routiniert, kann aber leider in den meisten Kapiteln kaum nennenswert Neues zu Tage fördern. Das gilt speziell bei den Texten zu Erzherzogin Sophie und jenen über Kaiserin Elisabeth. Weissensteiner bewegt sich hier auf breiten, ausgetretenen Pfaden, die wohl Lesern, die schon das eine oder andere Habsburger-Werk über diese Zeit gelesen haben, etwas eintönig erscheinen. Auch zum tragischen Ende in Mayerling erfahren wir nichts Neues, weder über Mary Vetsera noch den tragischen Doppelselbstmord. Vielmehr hatte ich den Eindruck, dass das Werk zuweilen künstlich etwas gestreckt wurde.

Was das Buch dennoch lesenswert macht, sind die vereinzelten Perlen, die sich darin finden. Die Beschreibung Rudolfs Aja zum Beispiel oder das Kapitel über seine Beziehung zu seinen beiden Schwestern - und hier speziell zu Gisela - ist sehr informativ und aufschlussreich.

Alles in allem, ist das Werk für meinen Geschmack etwas zu sehr dem voyeuristischen Zeitgeist verhaftet und verbreitet zuweilen auch Ansichten, die historisch überholt sind. Das Werk bietet jedoch für Einsteiger, die noch über keinerlei Kenntnisse über Kronprinz Rudolf verfügen, einen interessanten Überblick, der neugierig auf mehr macht...


Das Leben auf der Burg

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Manfred Reitz



© 2004 Jan Thorbecke Verlag, Ostfildern





INHALT & REZENSION

Burgen, sowohl verwitterte Ruinen, wie auch erhaltene und in der Neuzeit restaurierte Bauten, regen wohl jeden, der daran vorbei kommt, zum Nachdenken an. Wer hat wohl einst hier gelebt? Was für traurige, spektakuläre und schöne Geschichten könnten diese dicken Mauern erzählen…?
Manfred Reitz hat sich vermutlich genau diese Fragen auch gestellt und daraus ein spannendes und gut lesbares Einstiegsbuch über die Geschichte der Burgen verfasst.

Dabei geht es erfreulicherweise nicht nur um trockene Baugeschichte oder historische Fakten. Manfred Reitz versteht es ausgezeichnet, das Mittelalter aufleben zu lassen. Wie die Menschen auf der Burg lebten und ihr Alltag aussah, wird sehr authentisch geschildert. Auch das Burgumfeld kommt nicht zu kurz. Dem beschwerlichen Leben der Bauern wird ebenso Raum eingeräumt, wie den prunkvollen Ritterturnieren.
Man erfährt, wie Burgen gebaut, aber auch wie sie mit Hilfe moderner Waffentechnik zerstört werden konnten. Erfreulicherweise ist das Buch dennoch keine Aneinanderreihung von Kriegsereignissen, wie das bei deutschen Geschichtsbüchern sonst oft der Fall ist. Vielmehr stehen die Menschen im Mittelpunkt von Manfred Reitzs Interesse. Wir erfahren, was sie assen, wie die Burgen beheizt wurden und selbst die Mode jener Zeit wird in einem Kapitel behandelt. Dabei gibt es einen schönen Mix zwischen Sachtext und zeitgenössischen Anekdoten, die das Beschriebene auf lockere Weise veranschaulichen.
Lebendige Sozialgeschichte also, die dem Leser mit Hilfe von anschaulichen Beschreibungen und spannenden Fakten ein fassbares Bild der Burgen-Zeit vermittelt.

Als Einstiegslektüre ist „Das Leben auf der Burg“ hervorragend geeignet. Für Leute, die sich schon länger mit der Thematik beschäftigt haben, dürfte darin aber nicht viel Neues zu finden sein.

VERARBEITUNG

Die Buchgestaltung besticht beim ersten Hinsehen durch gute Papierqualität, eine handliche Form und wunderschöne Illustrationen aus dem Mittelalter.
Etwas gewöhnungsbedürftig ist der eigenwillige Satzspiegel, der durch einen extrem hängenden Einzug die Lesbarkeit mehr behindert, denn erleichtert. Bedauerlich ist auch, dass das Werk nicht fadengeheftet wurde.

Fazit: Alles in allem eine lohnende Lektüre für alle, die sich für das Mittelalter und speziell für Burgen interessieren - und auf der Suche nach einem geeigneten Werk für den Einstieg in diese Thematik sind!

Agathodämon

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Christoph Martin Wieland



Originalausgabe: 1799

Ausgabe: © Insel Verlag, Frankfurt am Main (2008)



HANDLUNG

Wir schreiben das 1. Jahrhundert n. Chr., Hegesias ist auf einer Forschungsreise auf Kreta unterwegs, als er auf eine Gruppe Ziegenhirten stösst, die ihm von einer übernatürlichen Erscheinung in Menschengestalt berichten. Dieser Agathodämon (Guter Geist) soll ihre Felder und Herden beschützen und ihnen Glück bringen.
Der rationale Hegesias glaubt nicht an Geister oder Götter und will der Sache selber auf den Grund gehen. Doch als er auf einen beinahe hundertjährigen Greis trifft, wird er in dessen Bann gezogen. Verunsichert, ob er vor einem Menschen oder doch einem Gott steht, wird ihm nach und nach bewusst, dass der beeindruckende Einsiedler niemand anderer sein kann, als der sagenumwobene Apollonios von Tyana.
Die drei Tage, die Hegesias beim greisen Apollonios und dessen Dienerschaft verbringt, sollten sein weiteres Leben nachhaltig prägen…

REZENSION

Christoph Martin Wieland zählt sicherlich zu den bedeutenden Schriftstellern der Aufklärung. Vor allem sein Spätwerk, zu dem auch „Agathodämon“ gehört, ist geprägt durch Kritik am Christentum.
Seine Hauptfigur in diesem Roman, Apollonios von Tyana, dient hierbei als Mittler zwischen der alten vorchristlichen und der im Entstehen befindlichen christlichen Zeit. Dabei steckt hinter Wielands sprachlich sehr poetischer Erzählung auch viel Kritik an der Leichtgläubigkeit seiner Zeitgenossen, denen er hiermit einen Spiegel vorhält.

Das Werk ist in sieben Teile gegliedert. Die ersten Teile sind der Vergangenheit Apollonios gewidmet, in den letzten Teilen wird das Entstehen des Christentums und die geschickte Agitation der Christen beschrieben. Die Handlung wird, nach klassischem Vorbild, in Gesprächen wiedergegeben.

So beeindruckend und interessant die Thematik auch ist, bin ich doch immer wieder an meine Grenzen gestossen. Als heutigem Leser fehlt mir einfach das universale Wissen und die umfassenden Kenntnisse, die ein C. M. Wieland besass. Ein Wissen, das unabdingbar ist, um dieses Werk im vollem Umfang zu würdigen.
Ohne Frage schafft es Wieland ausgezeichnet, eine eindrückliche Atmosphäre aufzubauen, die vor allem durch die sehr kontemplative Handlung entsteht.
Wieland, ein Zeitgenosse Goethes und Schillers, legte viel Wert auf Sprachrhythmik und Ausdruck. Dieser sehr geschliffenen Sprache gelingt es, auch den heutigen Leser zu beeindrucken. Man spürt doch in jedem Satz, wie durchdacht und ausgearbeitet die Wortwahl ist.

Die vorliegende Ausgabe aus dem Insel-Verlag wurde orthografisch nicht modernisiert und ist für den heutigen Leser anfänglich etwas schwer zu lesen. Zumindest ging es mir zuweilen so, dass ich an sehr ungewöhnlichen Wortschreibungen hängen blieb und dadurch der Sprachfluss etwas verloren ging.

Fazit: Ein anspruchsvolles Werk, das hochinteressant ist und eine sprachliche sowie inhaltliche Herausforderung darstellt…


Dunkle Wälder

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S. Corinna Bille



Originaltitel: Forêts obscures (1989)

Deutsche Ausgabe: © Rotpunktverlag, Zürich (2012)
Übersetzung: Hilde Fieguth



HANDLUNG

Bianca, eine Frau um die fünfzig, lebt einen Sommer lang in einem Chalet in den Walliser Bergen. Sie fühlt sich wohl in dem von ihrem Mann erworbenen Haus und auf dem dazugehörenden Land. Ab und zu erhält sie Besuch von ihrem Mann und den Kindern, ansonsten geniesst sie die Einsamkeit, die nur ganz selten durch einen Wanderknecht namens Guérin unterbrochen wird.
Bianca streift durch die Wälder, sucht Pilze und geniesst die wiedergefundene Freiheit, die sie mit ihrem Kater und ihrem Hund teilt.
Eines Tages wird sie tot im Chalet gefunden. Der Verdacht fällt auf Guérin, den etwas sonderbaren Eigenbrötler, der sich immer in der Gegend herumtrieb, und auch auf Biancas Ehemann…

REZENSION

Ich hatte noch nie etwas von Corinna Bille gelesen und beabsichtigte, diese „Bildungslücke“ mit der Lektüre dieses Werkes zu schliessen.
Leider hatte ich aber so meine liebe Mühe mit diesem aus ihrem Nachlass herausgegebenen Werk.
Die Sprache ist sehr einfach - dagegen gibt es an sich nichts einzuwenden - in Kombination mit den zuweilen schon sehr schrägen Metaphern und der von mir als plump empfundenen Symbolik, ergab sich aber zunehmend ein sehr unangenehmes Lesegefühl.
Auch die Erzählungen der alltäglichen Belanglosigkeiten und den gleich darauf folgenden fundamental philosophischen Grundsatzfragen, schienen mir eher dem Geist einer 12-Jährigen entsprungen zu sein.
Es gibt durchaus auch interessante Sequenzen. Meistens dann, wenn die Figur des Guérin auftaucht. Das sind aber leider sehr kurze Szenen und führen zu keinem befriedigendem Erzählstrom.
Ich bin durchaus ein Freund von Selbsfindungsliteratur. Warum aber Corinna Bille, laut Verlag, zu den bedeutensten Westschweizer Autorinnen zählen soll, erschliesst sich mir nach der Lektüre dieser Novelle nicht.

Maurice Chappaz, der die Novelle seiner 1979 verstorbenen Frau Corinna Bille 1989 überarbeitete und herausgab, hat ihr meines Erachtens damit keinen Dienst erwiesen. Ganz offensichtlich ist die Geschichte unausgereift und weist viele grundsätzliche Mängel auf. Corinna Bille hatte wohl schon ihre Gründe, warum sie es trotz jahrelanger Arbeit nie veröffentlicht hat.


Der Friedhof in Prag

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Umberto Eco



Originaltitel: Il Cimitero di Praga

2010
Deutsche Ausgabe: © Carl Hanser Verlag, München

Der 1830 in Turin geborene Simon Simonini ist Jurist und spezialisiert auf das Fälschen von amtlichen Dokumenten. Seine fragwürdigen Fähigkeiten diesbezüglich führen dazu, dass er ins Visier von Geheimdiensten gerät. Diese wollen den talentierten Simonini aber nicht unschädlich machen, sondern vielmehr für ihre Zwecke benutzen.
So gerät der ebenso skrupellose wie karriereorientierte Anwalt in die Wirren der italienischen Unabhängigkeitskriege unter Giuseppe Garibaldi und später nach Paris. Dort ist er massgeblich an der Dreyfus-Affäre beteiligt.
Verschiedenste Geheimdienste verlangen von Simonini Dokumente, die die jüdische Weltverschwörung belegen sollen, und der windige Advokat lässt sich nicht lange bitten und kreiert diverse Texte, die auf seine jeweiligen Auftraggebern zugeschnitten sind. Ein wirres Spiel, in das die Freimaurer, die Jesuiten sowie allerlei Spione und Geheimpolizisten involviert sind, beginnt.
Als Simonini schliesslich einen Anschlag auf die im Bau befindliche Pariser Metro plant, unterläuft ihm ein folgenschweren Fehler…

Keine Frage, beim Roman „Der Friedhof in Prag“ handelt es sich unverkennbar um ein typisches Eco-Werk. Sämtliche Zutaten, die in seinen historischen Romanen zu finden sind, trifft der Leser auch in diesem Werk an. Verschwörungstheorien, windige Scharlatane sowie diverse Geheimbünde werden wie in einem Panoptikum am Leser vorbeigezogen. Dabei wird einem einmal mehr bewusst, wie umfassend, phantasievoll und gebildet Umberto Eco war. Ein Umstand, der dazu führt, dass man als Leser zuweilen etwas an seine Grenzen stösst und dem gelehrten Autoren nicht immer ganz zu folgen vermag (zumindest ging es mir bei der Lektüre so…).

In diesem Werk erfährt man unglaublich viel über die Geschichte der Dokumentenfälschungen des 19. Jahrhunderts. Wie gefälschte Dokumente als Spielball zur Massen-Manipulation benutzt wurden, wird eindrücklich beschrieben. Eco wäre nicht Eco, wäre da nicht auch stets die Doppelbödigkeit zwischen den Zeilen, die dem Leser klarmacht, dass es heute im Internetzeitalter genau so läuft, nur eben mit modernen Mitteln.
Sämtliche Ereignisse in diesem Roman beruhen auf tatsächlichen Begebenheiten, was das Ganze noch ungeheuerlicher macht. Die einzige Eco’sche Erfindung ist der Anwalt Simone Simonini, der gewissermassen als Bindeglied zwischen den Ereignissen dient und den Leser kreuz und quer durch die Geschichte der Fälschungen und Manipulationen des 19. Jahrhunderts führt.

Der Roman ist unterhaltsam und ohne Frage lehrreich, zuweilen sogar faszinierend. Er hat aber auch seine Längen und Wirrungen, die ihn vor allem gegen den Schluss hin zäh wirken lassen.
Hat man noch nie was von Eco gelesen, ist dieses Werk vermutlich nicht der richtige Einstieg. Für alle die Eco schon kennen und mögen; ein durchaus lesenswertes Werk!

Die Enden der Welt

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Roger Willemsen




© Ausgabe: S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main / 2010


Roger Willemsen ist viel unterwegs - und das auf der ganzen Welt. In dem hier vorliegende Werk finden sich nun verschiedene Reiseberichte aus allen „Enden der Welt“. Gesammelte Essays aus dreissig Jahren.

Egal, ob im verlassenen Patagonien, dem überbevölkerten Tokio oder dem gespenstisch wirkenden Minsk, Willemsen sucht und beschreibt nicht die schönen oder gar idyllischen Orte, sondern landet und sucht bewusst die speziellen Momente, wobei es oft um Tod oder Sterben geht. Schnell wird dem Leser klar, dass hier nicht nur das räumliche Ende gesucht und besucht wird, sondern eben auch das ganz fundamentale Ende des Seins.
Das mutet zuweilen etwas irritierend an, gleichzeitig macht dies aber genau den Reiz der Lektüre aus und wirkt im Leser weiter.
Die Sprache ist pointiert, mitunter auch humorvoll, zwischenzeitlich immer wieder recht gestelzt. Hier wird dann eben deutlich, dass das Buch nicht in einem Guss verfasst wurde, sondern aus ganz verschiedenen Lebenszeiten von Roger Willemsen stammt. Diese inkonsistente Sprache macht das Lesen zum Teil etwas holprig.
Da man aber immer wieder auch mit sprachlich sehr hochstehenden Kapricen beglückt wird, lässt sich damit leben.
Etwas mehr gestört hat mich dann schon die zuweilen recht blasierte Art, mit der Willemsen aus einer intellektuellen Höhe herab Begebenheiten kommentiert. Zusätzlich steht der Autor immer wieder mal seinen Beschreibungen etwas im Weg und verdeckt dem Leser den Blick auf die eigentlichen Geschehnisse.
Abgesehen von diesen Selbstdarstellungen, ist das Wer, wie eingangs erwähnt, durchaus spannend zu lesen. Am Besten gefallen haben mir die „kleinen“ Geschichten, wie etwa die Zugreise durch Birma, auf der er ein einheimisches Ehepaar kennen lernt und sich ein faszinierender Dialog entwickelt, der von Willemsen auch sehr gekonnt zu Papier gebracht wird.

Alles in allem ist das Ganze sehr gut beobachtet und kenntnisreich erzählt, auch wenn er ab und an Örtlichkeiten etwas durcheinander bringt und zum Beispiel die Beringsee mit der Barentssee verwechselt..., was aber wohl eher einem mangelhaften Lektorat zur Last gelegt werden muss.

Der Garten über dem Meer

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Mercè Rodoreda



Originaltitel: Jardi vora el mar / 1967

© Deutsche Ausgabe: Büchergilde Gutenberg, Frankfurt am Main (Lizenz von Mare Verlag) / 2015

HANDLUNG

Sechs Sommer lang beobachtet der Gärtner eines schönen Anwesens über dem Meer die neuen Besitzer und frisch vermählten Francesc und Rosamaria und ihre Freunde. Es finden rauschende Feste statt, es wird gebadet, gemalt, geliebt und gestritten.
Verschiedenste Besucher des Paares treffen ein, mit denen der Gärtner über die Jahre bekannt wird.
Als auf dem Nachbargrundstück eine Villa gebaut wird, beginnt sich die Atmosphäre zu verändern. Der neue Nachbar ist Eugeni, die einstige Jugendliebe Rosamarias…

REZENSION

Der in den 20er-Jahren spielende Roman von Mercè Rodoreda wird in den Medien zuweilen mit dem Grossen Gatsby verglichen. Ich halte diesen Vergleich aber für sehr weit hergeholt. Natürlich, es bevölkern auch hier reiche Snobs, die mit ihrer Zeit nicht viel Sinnvolles anzustellen wissen, die Szenerie. Das war es dann aber auch schon mit den Gemeinsamkeiten.
Im Zentrum dieser Geschichte steht der Gärtner und sein Garten mit den unzähligen Blumen, Sträuchern und Bäumen. Wir erleben die Jahreszeiten, den Sommer mit den Snobs und den Herbst/Winter, in der der sich der Gärtner mehr oder weniger allein um sein Reich kümmert.
Rodoreda erzählt unglaublich atmosphärisch und stilvoll. Die Stimmung ist immer leicht melancholisch, hat aber durchaus auch einen dezent humorvolle Note. Die Geschichte durch den Gärtner erzählen zu lassen, ist ein gelungenes Stilmittel, das sehr zur Lebendigkeit der Erzählung beiträgt. Seine Launen und Vorurteile wirken wie ein Filter und können vom Leser schnell decodiert werden. Die Tatsache, dass er alles aus der Erinnerung erzählt und sich zuweilen auch gar nicht sicher ist, die Ereignisse noch recht im Gedächtnis zu haben, verleihen dem Ganzen einen vagen und zugleich charmanten Reiz.

Die Geschichte an sich ist recht konventionell, entfaltet aber vielleicht gerade deshalb eine ungeahnte Tiefe. Rodoreda versteht es, einen Realismus zu schaffen, der höchste Dramatik, Komik und Alltägliches zu einem harmonischen Lebensbild verflechtet, welches Hand in Hand mit der Vergänglichkeit der Jahreszeiten einherschreitet...

„Der Garten über dem Meer“ ist einer der schönsten Romane, die ich seit langem gelesen habe. Eines jener Bücher eben, um die man alle beneidet, die es noch nicht entdeckt haben, denn die haben noch eine wunderbare Leseentdeckung vor sich...

Die Wildnis des häuslichen Lebens

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Gilbert K. Chesterton



© Verlag: Berenberg Verlag, Berlin / 2006


Gilbert K. Chesterton (1874-1936) hat ein sehr umfangreiches Werk hinterlassen, das sich aus Literaturkritiken, Gedichten, Erzählungen, Romanen und Essays zusammensetzt.
In deutscher Sprache wurden seine Publikationen häufig nur gekürzt oder in Versatzstücken herausgegeben. Hier macht auch diese vorliegende Veröffentlichung keine Ausnahme.
„Die Wildnis des häuslichen Lebens“ besteht aus insgesamt 18 Essays. Zusammengestellt aus unterschiedlichen Werken und Thematiken. Literaturwissenschaftliches, wie der humorvoll und geistreiche Essay über Charles Dickens „Pickwick Papers“, stehen neben persönlichen oder philosophischen Lebensbetrachtungen.
Alle Texte besitzen den unnachahmlichen Charme von Chestertons querem und erfrischendem Weltbild. Die Essaysammlung liest sich sehr vergnüglich und nicht selten überraschen Chestertons Gedanken und Schlussfolgerungen, da sie völlig schräg und unkonventionell erscheinen.
Politiker oder Literaturkritiker sind seine bevorzugtesten Opfer, aber auch gegenüber einem Verfasser von Büchern über das Erlangen von Erfolg, wie beispielsweise im Essay „Der Trugschluss des Erfolgs“, kennt er kein Erbarmen. Wobei die Quintessenz der Abrechnung über Letzteren folgendermassen ausfällt:
„Es gibt Bücher, die den Menschen zeigen, wie sie in allem Erdenklichen Erfolg haben können; geschrieben sind sie von Leuten, die nicht einmal erfolgreich schreiben können.“

In diesem Stil ist das ganze Werk verfasst, wobei nicht nur die Ergebnisse Chesterton‘s Analysen, sondern vor allem sein Denkweg dahin, fasziniert.

Das schmale Büchlein mit gerade 155 Seiten eignet sich denn auch bestens für den Einstieg in die Gedankenwelt des Gilbert K. Chesterton. Ich habe mich köstlich amüsiert und zusätzlich einige interessante Anregungen erhalten, die mich zum Nachdenken gebracht haben.

Der Band ist im Berenberg Verlag erschienen und wie alle Bücher aus diesem Verlag sehr edel und schön verarbeitet. Der Einband wurde in Halbleinen gebunden und das Werk fadengeheftet und mit violettem Vorsatzpapier versehen.

Alles in allem eine wunderschöne Ausgabe, die mit ihrer aufwändigen Verarbeitung, den äusserst lesenswerten Inhalten Ehre erweist.

Aarons Stab

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D. H. Lawrence



Originaltitel: Aaron’s Rod / 1922

© Deutsche Ausgabe: Weidle Verlag, Bonn / 2004

HANDLUNG

Die Geschichte handelt vom Bergarbeitersohn Aaron Sisson, der seine Frau und die Kinder verlässt, um in London und später in Italien innerhalb der Bohème einen neuen Lebenssinn zu finden.
Er spielt als Flötist in einem Londoner Orchester, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Sein Zusammentreffen mit Künstlern und Literaten inspiriert ihn und weckt den Wunsch, sein Glück im fernen Italien zu suchen.

REZENSION

Lawrence bleibt seinem Grundthema, das ihn beinahe durch sein ganzes Werk begleitet, auch in diesem Werk treu: Die zwischenmenschlichen Beziehungen ziehen sich wie ein roter Faden durch die Geschichte.
Die Grundstimmung dieses Romans ist recht düster und wird sehr stark durch die traumatische Zeit des 1. Weltkriegs geprägt. Die Hauptfigur, die sehr starke autobiografische Züge trägt, wirkt verloren, inmitten von anderen Suchenden. Es werden viele Fragen aufgeworfen, aber keine beantwortet, was stark zur verlorenen Grundstimmung beiträgt. Die Suche nach einem Sinn oder wenigstens etwas Glück scheint zuweilen nah und gleichzeitig wieder fern wie auf einem anderen Planeten.
Die Verstrickung der Hauptfigur in diverse Beziehungsgeschichten, erscheint aus heutiger Sicht ab und an etwas überholt, hat aber aus zeitgeschichtlicher Perspektive durchaus ihren Reiz.
Ganz stark wird Lawrence immer wieder bei psychologischen Beschreibungen von einzelnen Figuren und deren Untiefen. Da macht ihm kaum einer etwas vor.

Aarons Stab mag literarisch etwas angestaubt wirken und Lawrence Ideen und biblische Symbolik mitunter etwas überspannt, dennoch halte ich diesen Roman für lesenswert.
Erstaunlich ist die Tatsache, dass die hier vorliegende Ausgabe des Weidle-Verlages von 2004, die erste deutsche Übersetzung dieses Werkes ist…
Im Anhang ist ein sehr aufschlussreiches Nachwort des Verlegers und Übersetzers Stefan Weidle angefügt, in dem er die Entstehung des Werkes beleuchtet.

Die Buchverarbeitung ist, wie beim Weidle-Verlag gewohnt, sehr ansprechend ausgefallen. Wobei ein farbiges Vorsatzblatt, ein schöner Schutzumschlag und die Fadenheftung zum Standard gehört. Schön, dass es noch Verlage gibt, die qualitativ hochstehende Bücher produzieren!

Geschichte des Kapuziner-Klosters Rapperswil

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P. Rufin Steimer



© Ausgabe: Verlag: Karl Didierjean / 1927



Zugegeben, es mag etwas verschroben wirken, in einem Buch-Blog ein Sachbuch zu rezensieren, das 1927 erschienen ist.
Tatsache ist aber, dass dieser Buch-Blog meine Leseabenteuer wiedergibt, und die sind nun mal verschroben...

Schon unzählige Male bin ich durchs schöne Städtchen Rapperswil gewandelt und eben so unzählige Male auch am wunderschön gelegenen Kapuziner-Kloster vorbeigekommen. Eigentlich immer habe ich mich bei diesen Gelegenheiten gefragt, was wohl für Geschichten von diesen alten Mauern erzählt werden könnten.
Als ich dann zufällig in einem deutschen Antiquariat über dieses Buch des Kapuzinermönches Rufin Steimer gestossen bin, war klar, dass ich es kaufen und lesen musste.

Pater Rufin ist ein hoch gebildeter und weiser Mann, das wird schon schnell klar, wenn man sich der Lektüre widmet.
Er erzählt uns die ganzen geschichtlichen Zusammenhänge der Region vor der Klostergründung 1604.
Rapperswil zwischen den katholischen Regionen St. Gallen und Schwyz und dem protestantischen Zürich gelegen, hatte von je her eine Pufferfunktion und wurde gerade deshalb auch von einigen Belagerungen und Zerstörungen heimgesucht. Gerade da ein Kloster zu gründen, wurde natürlich von den Zürchern als reine Provokation empfunden. So ist dieser Konflikt mit ein Grund, warum sich die Errichtung des Klosters zehn Jahre (1596-1606) hinzog.

Pater Rufin nimmt den Leser mit über die Jahrhunderte und die wechselhafte Geschichte des Klosters und der Region am oberen Zürichsee. Die politischen Zusammenhänge werden dabei stets ausführlich miteinbezogen, wenn auch etwas tendenziös aus katholischer Sicht.
Spannend sind auch die Beschreibung über die liberalen Geistesströmungen Mitte des 19. Jahrhunderts, die zeitweise beinahe zur Auflösung des Klosters geführt hätten.
Dazwischen gibt es dann auch immer wieder etwas langatmige Ausführungen über die Kostenaufstellung der verschiedenen Bauphasen oder Konflikte mit der Bürgergemeinde Rapperswil, die auf den heutigen Leser etwas ermüdend wirken können.

Alles in allem habe ich aber vieles gelernt über die Geschichte dieser Region und auch über den Kapuzinerorden und dessen Bestrebungen. Was ich zuweilen vermisst habe, sind etwas persönlichere Einblicke in den Klosteralltag, der so gut wie gar nicht beschrieben wird.

...mit Säbel und Koran

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Jörg-Dieter Brandes



Saudi-Arabien oder der Aufstieg der Königsfamilie Saud und der Wahabiten.



© Ausgabe: Jan Thorbecke Verlag, Stuttgart / 1999


Jörg-Dieter Brandes ist ein profunder Kenner des nahen Ostens und beschreibt im vorliegenden Werk nicht nur den Aufstieg der Familie Saud, sondern geht zurück bis in die Anfänge des Islams.

Brandes beschreibt sehr anschaulich die wechselhafte Geschichte sowie die Wanderbewegungen der vielen Beduinenstämme.
Nebst den grossen historischen Zusammenhängen, wird der Leser aber durchaus auch mit kleinen, wissenswerten Details bedient. So lernt man ganz zu Beginn, dass „Allahu akbar“ eben nicht, wie vielfach und oft falsch übersetzt, „Allah ist gross“ heisst, sondern Allah ist „grösser“, woraus sich dann schon interessante philosophische Gedanken spinnen lassen.

Die äusserst wechselhafte Geschichte der arabischen Halbinsel ist unwahrscheinlich komplex und für Zentraleuropäer beinahe undurchschaubar. Dabei macht es die Tatsache, dass viele arabische Herrscher oder Regenten den selben Namen tragen auch nicht einfacher. Brandes versteht es aber ausgezeichnet, die verwirrenden Verläufe der Geschichte sehr anschaulich und in einer bildhaften Sprache wiederzugeben. Wobei zuweilen sogar etwas Humor in seinen Beschreibungen liegt und die an sich gewalttätigen Ereignisse etwas erträglicher macht.
Jörg-Dieter Brandes stellt uns die wichtigen Figuren der arabischen Geschichte vor, wie etwa Mohammed ibn Abdul Wahab, auf dessen Lehren sich die Wahabiten berufen. Die Entstehung des Gottesstaates wird beschrieben und die daraus entstehenden Konflikte im zentralarabischen Raum. Einer dieser Konflikte rückte im 18. Jahrhundert das heutige Saudi-Arabien erstmals auch in den Fokus der damaligen Grossmacht Grossbritannien und des Osmanischen Reiches.
Dem eigentlichen Staatsgründer Abd al-Aziz ibn Saud wird aus naheliegendem Grund viel Raum zugestanden. Eines wird bei der Lektüre aber klar, die Geschichte Saudi Arabiens beginnt nicht mit ibn Saud sondern reicht bis weit ins 15. Jahrhundert zurück.

Alles in allem habe ich viel gelernt bei diesem Werk. Es war spannend zu lesen, äusserst unterhaltsam verfasst, ohne es aber an der nötigen Tiefe fehlen zu lassen. Will man einen Kritikpunkt anbringen, könnte man feststellen, dass das Buch die Sozialgeschichte Saudi-Arabiens komplett weglässt und sich weitestgehend auf die militärischen, beziehungsweise kriegerischen Bereiche der Geschichtsschreibung beschränkt.
Fakt bleibt, dass einem nach der Lektüre einige Zusammenhänge der heutigen Ereignisse im gesamten Nahen Osten um einiges klarer werden. Auch die Entstehung von fanatischen, religiösen Gruppierungen ist bei Leibe keine „Erfindung“ der Neuzeit, sondern begründen sich auf einer langen und blutigen „Tradition“.
Alles in allem also ein Rückblick, der einem die Gegenwart verständlicher macht; mehr kann man von einem guten Geschichtswerk denn auch kaum verlangen.

Maggie Yellow Cloud: Mord auf Pine Ridge

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Brita Rose-Billert




© Ausgabe: Traumfänger Verlag, Hohenthann-Schönau / 2011


Die junge Lakota-Ärztin Maggie Yellow Cloud arbeitet im Pine Ridge Indian Hospital, in der gleichnamigen Reservation.
Eines Tages wird ihr Schwager ermordet. Sowohl die Stammespolizei wie auch das FBI tappen im Dunkeln.
Maggie versucht sich durch Arbeit von diesem traumatischen Ereignis abzulenken. Als aber immer mehr Medikamente und Verbandsstoff aus der Notaufnahme verschwindet und sie diesem Verschwinden auf den Grund gehen will, findet sie Hinweise, die mit dem Mordfall in Zusammenhang stehen.
Sie beginnt auf eigene Faust zu ermitteln und begibt sich dabei in grosse Gefahr…

Obwohl der Verlag es als Thriller anpreist, haben wir es hier mit einem eher lahmen Ethno-Krimi zu tun, und selbst der kommt erst nach etwa sechzig Seiten so langsam in die Gänge. Wirklich spannend wird es aber auch dann nur selten. Auch der ethnologische bzw. sozialkritische Teil ist nur etwas für Leute, die sich noch nie mit der indigenen Gegenwart in Nordamerika beschäftigt haben. Dem Leser wird bald klar, dass die Pine Ridge Reservation hier nur als Kulisse missbraucht wird.
Die Figuren besitzen keine Tiefe oder Charakter, die Beschreibungen wirken aufgesetzt und blutleer. Zudem strotzt die Geschichte vor grauenvollen Klischeevorstellungen und platten Handlungsabläufen, die man so eigentlich nur aus Telenovelas kennt.
Telenovela ist ein gutes Stichwort, wenn man die Sprache in diesem kleinen Büchlein beschreiben möchte. Vor allem die Dialoge sind voller Allgemeinplätze und abgedroschenen Redewendungen. Alles in allem seicht und banal. Ich habe wirklich keine grosse Literatur erwartet, aber meine Schmerzgrenze nach unten wurde arg strapaziert. Ab und an kam mir auch der Verdacht, dass hier wohl kein allzu seriöses Lektorat stattgefunden haben konnte, zumal in gewissen Sätzen sogar Wörter fehlen.

Fazit: Für mich eine absolute Enttäuschung. Die Geschichte ist vorhersehbar, nur bedingt spannend oder unterhaltsam und vollgestopft mit Klischees. Wer gute Ethno-Krimis lesen möchte, sollte sich etwas von Tony Hillerman besorgen und seine Zeit nicht mit diesem Werk vertun…

Der grüne Blitz

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Jules Verne



Originaltitel: Le Rayon-vert / 1882

© Deutsche Ausgabe: Mare Verlag / 2013

HANDLUNG

Helena Campbell lebt in der Nähe von Glasgow bei ihren Onkeln Sib und Sam Melvill, von denen sie auch aufgezogen wurde.
Als sich Sib und Sam in den Kopf setzen Helena zu verheiraten, weigert sich Helena. Erst wolle sie den „grünen Blitz“ sehen, ein Naturphänomen, das unter bestimmten Voraussetzungen beim Sonnenuntergang zu beobachten ist. Vorher käme eine Heirat nicht in Frage.
Auf der Suche nach dem geeigneten Ort an der schottischen Westküste, macht Helena auf dramatische Weise Bekanntschaft mit Olivier Sinclair.
Wer den grünen Blitz gesehen hat, wird sich in Gefühlsangelegenheiten nicht mehr täuschen lassen, besagt die Legende, und dies scheint sich in Helenas Fall zu bewahrheiten…

REZENSION

Die zum Spätwerk zählende Geschichte „Der grüne Blitz“ ist alles andere als ein typischer Jules-Verne-Roman. Es gibt keine futuristischen Erfindungen wie U-Boote, Mondraketen oder dergleichen. Auch weisst die Story keinerlei Science-Fiction-Elemente auf. Vielmehr haben wir es hier mit dem ersten und einzigen Liebesroman aus Vernes Feder zu tun.
Erzählt wird die Geschichte der selbstbewussten jungen Helena nicht ohne Schalk. Wobei dem Leser schon sehr schnell klar wird, wohin die Reise gehen wird. Der eigentliche Heiratskandidat Aristobulus Ursiclos, wird von Beginn an derart plump und als pedantischer Langweiler eingeführt, dass keinerlei Zweideutigkeiten aufzukommen drohen.
Der Roman ist aber mehr als eine einfache Liebesgeschichte, vielmehr eine Huldigung an die schottische Literatur und Landschaft. Die Hebriden werden derart genau beschrieben, dass man aufgrund dieses Romans problemlos seine nächste Schottlandreise planen könnte.

So haben wir schlussendlich eine einfache, sprachlich schön beschriebene, romantische Liebesgeschichte, eingepackt zwischen einem wissenschaftlichen Naturphänomen und tosender Meeresbrandung.
Der Autor hat es verstanden, eine sehr ruhige, fast entschleunigte Erzählform zu finden, die zu keiner Zeit langweilig wird.
Sicher nicht der beste Roman Jules Vernes, aber ebenso nicht sein schlechtester…

VERARBEITUNG

Die deutsche Ausgabe aus dem Mare Verlag wurde passend mit einem grünen Leineneinband versehen und fadengeheftet. Zusammen mit dem stabilen und schön gestalteten Schuber und den Kupferstichen der Originalausgabe von 1882, haben wir es hier mit einer wahren Prachtausgabe zu tun.
Mit der Neuübersetzung gelingt es Cornelia Hasting ausgezeichnet, die Sprache des 19. Jahrhunderts behutsam in die Gegenwart zu retten.

Nofretete - Die historische Gestalt hinter der Büste

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Franz Meciejewski



© Ausgabe: Osburg Verlag, Hamburg / 2012


Vor über hundert Jahren entdeckten deutsche Archäologen die berühmte Büste der Amarna-Königin Nofretete.
Franz Maciejewski begibt sich in seinem Werk auf Spurensuche nach der für ihre Schönheit bekannten Pharaonin und zeigt uns die historische Gestalt, die hinter der berühmten Büste steckt.

Der Autor verfügt über ein beeindruckendes Hintergrundwissen und versteht es eindrücklich, uns in die Zeit um das 14. Jahrhundert v. Chr. einzuführen .
Nofretete wird vor den Augen des Lesers als Ehefrau des Pharao Amenophis IV, der sich später Echnaton nennen wird, wieder zum Leben erweckt.
Interessant wird die Einführung des Monotheismus in Ägypten beschrieben und auch die äusserst verwirrenden, zuweilen inzestuösen, Familienverhältnisse werden vom Autoren mittels DNA-Beweisen schlüssig aufgezeigt.
Maciejewski beschreibt Nofretetes Aufstieg sehr anschaulich, bis hin zum Höhepunkt nach dem Tod ihres Mannes, wo sie für kurze Zeit zur allein regierenden Pharaonin aufstieg. Damit widerspricht Maciejewski allerdings der unter Archäologen verbreiteten Theorie, dass Nofretete bereits vor Echnaton gestorben beziehungsweise vor dessen Tod verstossen worden sein soll.
Fest steht, dass Nofretete gestürzt wurde. Ob sie dabei umgebracht wurde oder sich selbst das Leben nahm, ist bis heute unklar. Ebenso hat man ihre Grabstätte bis heute nicht ausfindig machen können.
Schlussendlich bleibt die Erkenntnis, dass Vieles im Dunklen oder ein Frage der Deutung bleiben wird…
Das Werk ist reichlich mit interessanten und sehr anschaulichen Zeichnungen und Bebilderungen in schwarz/weiss versehen, die die Aussagen im Text hervorragend unterstützen. Zusätzlich gibt es auf einzelnen Seiten sehr informative Kurzabrisse über einzelne relevante Sachthemen wie zum Beispiel die Hethiter, religiöse Bräuche, DNA-Analysen von Mumien etc..

Auch wenn einige Thesen, die Franz Maciejewski aufstellt, spekulativ sind, und er zuweilen etwas gar populistisch argumentiert, haben wir es hier mit einer ausgezeichneten und sehr kenntnisreichen Abhandlung über Nofretete und ihre Zeit zu tun.
Dank der anschaulichen und verständlichen Sprache, ist dieses kleine Werk auch als Einstieg in die Materie bestens geeignet.

Das 80/20 Prinzip - Mehr Erfolg mit weniger Aufwand

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Richard Koch



Originaltitel: The 80/20 Principle: The Secret of Achieving More with Less / 2007

© Deutsche Ausgabe: Campus Verlag, Frankfurt am Main / 2015


In Richard Kochs Management-Bestseller geht es um das Prinzip der Unausgewogenheit, welches der Verfasser von Vilfredo Paretos Beobachtungen, über die ungleichmässige Verteilung des Vermögens in Italien, abgeleitet hat.
Kochs Theorie besagt, dass 20% des Aufwands zu 80% des Ertrages führen. Im Umkehrschluss also für die restlichen 20% des Ertrages übermässig viel Aufwand betrieben werden müsste.
Nebst einer Einführung und einer abschliessenden Konklusion ist das Werk in zwei Teile gegliedert. Im ersten Teil wird die Anwendung des 80/20-Prinzip im Unternehmen erläutert, im zweiten Teil die Anwendung im privaten Bereich.

Die Erkenntnis, dass ein grosser Erfolg mit wenig Aufwand erzielt werden kann, klingt verführerisch, ist aber bei genauerer Betrachtung natürlich eine Binsenweisheit.
So beschreibt der Verfasser dann auch auf über dreihundert Seiten, beinahe mantraartig, die immer gleichbleibende Erkenntnis, die Effizienz der 20% zu nutzen, aus denen dann 80% des Erfolges beschieden sei.

So weit so gut. Im Kern ist das ja durchaus stimmig. Gestört hat mich hingegen die Art und Weise wie Richard Koch dies vorträgt. Es beginnt schon auf der ersten Seite, wo er sich völlig ironiefrei mit Jesus vergleicht. Überhaupt ist das ganze Werk mit religiösen Anspielungen und Terminologien durchsetzt – was auf mich gelinde gesagt etwas irritierend gewirkt hat. So werden zum Beispiel einzelne Kapitel mit Bibelzitaten eingeleitet, die Begründer des Qualitätsmanagements als Prediger bezeichnet…etc. Mit zunehmender Lesedauer konnte ich gewisse doktrinäre Tendenzen nicht übersehen, die mich zunehmend an Ron Hubbards Dianetik-Lehre erinnerten. Als dann zum Schluss noch Leserbriefe (oder müsste man mehr von Fan-Post sprechen?) abgedruckt werden, in denen zum Beispiel ein Pfarrer von seiner neu gegründeten Gruppierung namens „80/20-Glaubensgemeinde“ schwärmt, war aus dem Verdacht längst Gewissheit geworden…

Wie Koch es schafft, aus einer harmlosen und einleuchtenden Erkenntnis ein neoliberales, um nicht zu sagen menschenverachtendes Gedankengut zusammenzuschustern, ist schon etwas angsteinflössend.
Je länger ich las, um so mehr kamen mir Begriffe wie Jean Zieglers „Raubtier- und Casino-Kapitalismus“ in den Sinn.
In der Tat ist Richard Kochs Werk in gewisser Weise eine Anleitung, wie man es auf Kosten seiner Mitmenschen schafft, selber „glücklich“ und „zufrieden“ zu werden.

So richtig witzig wurde es dann im Kapitel über die privaten Anwendungen des 80/20-Prinzips. Schnell wird dem Leser klar, dass Herr Koch wohl kein Privatleben besitzt, handelt doch auch dieses Kapitel zu 80% (Achtung Ironie) vom Berufsalltag.

Als ihm dann endgültig die Ideen auszugehen scheinen, und er dies nicht wie zuvor mit Wiederholungen kaschieren kann, beginnt er Theorien von anderen Autoren aufzuwärmen. So missbraucht er Daniel Golemans Theorie der Emotionalen Intelligenz für seine Zwecke.
Auch Yin und Yang werden nicht verschont. Er weisst Yang die positiven und Yin die negativen Attribute zu. Ich konnte aber nicht herausfinden, ob dies aus Frauenfeindlichkeit oder simpler Unbeholfenheit heraus geschah…

Wie auch immer, eine Lektüre zum Vergessen. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal eine derart breitgetretene Ansammlung von Allgemeinplätzen und nichtssagenden „guten“ Ratschlägen gelesen habe.
Fazit: Wer neoliberales Gedankengut in Form eines im Sektenstil verfassten Ratgebers lesen möchte, ist hier genau richtig.
Alle anderen, die noch ihre fünf Sinne beisammen haben und behalten möchten, seien hiermit davor gewarnt…

Blaue Augen

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Thomas Hardy



Originaltitel: A Pair of Blue Eyes / 1873

© Deutsche Ausgabe: Ars Vivendi Verlag / 1994



HANDLUNG

Den jungen Londoner Architekt Stephen Smith verschlägt es aus beruflichen Gründen in den Norden Cornwalls. Dort verliebt er sich in Elfriede Swancourt, die Tochter des Pfarrers. Die Beziehung hat aber keine Zukunft, da Elfriedes Vaters den jungen, mittellosen Architekten ablehnt und des Hauses verweist.
Elfriede widersetzt sich ihrem Vater und flieht heimlich mit Stephen nach London, um dort zu heiraten, verliert aber unterwegs den Mut und kehrt nach Hause zurück.
Später verliebt sie sich in den Literaten Henry Knight, der Stephens Mentor und Freund ist, und verlobt sich mit ihm, ohne dass dieser etwas von der früheren Beziehung zu seinem Freund ahnt.
Als Henry von der früheren Liaison erfährt, verlässt er Elfriede, da er sie für unrein und verlogen hält...

REZENSION

Thomas Hardy (1840-1928) ist einer der bedeutendsten englischen Schriftsteller des ausgehenden 19. Jahrhunderts und kann mit seinem psychologisierenden Erzählstil als einer der Wegbereiter des modernen Romans gesehen werden.

In dem hier vorliegenden, weniger bekannten Werk werden verschiedene viktorianische Themen behandelt, wobei das zentrale Motiv die „Reinheit der Frau“ darstellt. Die Hauptfigur kommt hier allerdings eher aus Ungeschicklichkeit als aus moralischen Gründen zu Fall.
Hardys Schreibstil ist in diesem Frühwerk zuweilen noch etwas ungeschliffen, aber dafür auch nicht so unheilvoll und tragisch, wie in seinem Hauptwerk „Tess von den d'Urbervilles“, das übrigens die genau gleiche Thematik aufweist.
Ab und an blitzt sogar so etwas wie Humor durch, wenn er die an sich unbegründete Panik beschreibt, in die Henry Knight verfällt, als er die vermeintliche Verwerflichkeit seiner Verlobten entdeckt.
Trotz allem liess es sich Hardy nicht nehmen, auch dieser Geschichte die schlimmstmögliche Wendung zu geben.

Thomas Hardys Meisterschaft besteht vor allem in den zwischenmenschlichen Dialogen, den Beschreibungen der verschiedenen sozialen Schichten und wunderbaren Landschaftsschilderungen. All dies ist in diesem Frühwerk schon reichlich und durchaus gekonnt umgesetzt worden, wenn auch nicht mit der Eleganz späterer Werke.
Schön ist auch, dass die Handlung zu keiner Zeit ins Kitschige abdriftet. Die Figuren verlieren nie die Bodenhaftung und wirken glaubhaft und real, zuweilen vielleicht etwas naiv, was aber auch seinen Charme hat.

Alles in allem ein spannend zu lesendes Frühwerk.
Wenn Sie psychologische Klassiker wie die Werke von Jane Austen oder Josef Conrad mögen, werden Sie an Hardys „Blaue Augen“ möglicherweise auch Gefallen finden...

Der Fall Maurizius

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Jakob Wassermann



Originalausgabe: 1928

© Ausgabe: Langen-Müller Verlag / 2009

Leonhard Maurizius wird in einem aufsehenerregenden Indizienprozess für schuldig befunden, seine Ehefrau ermordet zu haben. Das Urteil: Eine lebenslängliche Zuchthausstrafe. Achtzehn Jahre später trifft Etzel Andergast, der 16-jährige Sohn des Staatsanwaltes, der damals die Anklage vertreten hatte, auf den Vater von Leonhard Maurizius. Der Fall scheint nicht so klar zu sein, wie damals alle glaubten. Etzel entzieht sich dem strengen väterlichen Haushalt und begibt sich nach Berlin, um den Fall auf eigene Faust zu klären und unter anderem einen der zwielichtigen Zeugen des damaligen Prozesses aufzuspüren. Die Suche nach der Wahrheit entwickelt sich zum erschütternden und bedrohlichen Abenteuer, das schlussendlich sein ganzes Leben in Frage stellen wird...

Ein monumentales Werk, das mich sehr beeindruckt hat.
Die zentralen Themen sind Gerechtigkeit, Schuld und eine Vater-Sohn-Beziehung. Dies alles ist in eine spannende und mitreissende, aber auch komplexe Detektivgeschichte verwoben.
Es ist äusserst interessant, der Hauptfigur durch die Geschichte zu folgen und nach und nach Zeuge eines Justizirrtums zu werden. Dass dies noch in einer sehr ansprechenden Sprache verfasst ist, macht das Ganze noch lesenswerter.
Ein etwas in Vergessenheit geratener Roman, den wiederzuentdecken sich absolut lohnt!

God's Country

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Percival Everett



Originaltitel: God's Country / 1994

© Deutsche Ausgabe: Büchergilde Gutenberg / 2014


1871, irgendwo im Wilden Westen. Jock Marder muss mitansehen wie sein Haus abgebrannt, seine Frau entführt und sein geliebter Hund umgebracht wird, wobei ihn vor allem Letzteres arg mitnimmt.
Um seine Frau wieder zu finden, heuert er den besten Fährtenleser der Gegend an, den schwarzen Bubba. Das ungleiche Paar macht sich auf den Weg und schon bald wird klar: Das Ganze wird nicht gut enden. Zuviel läuft schief, und dass Marder ein Feigling, Trunkenbold und Möchtegern-Frauenheld ist, macht das ganze Unternehmen auch nicht gerade einfacher...

In salopper Sprache erzählt uns die Hauptfigur Jock Marder was ihm widerfährt, und wie er die Welt sieht, und schon bald wird dem Leser klar, dass man es hier mit einem äusserst unsympathischen, schmierigen und widerwärtigen Gesellen zu tun hat.
Es ist nicht wirklich ein Western-Roman, vielmehr eine Parodie oder Persiflage desselben.
Der eigentliche Held der Geschichte, Bubba, muss sich gegen die Ignoranz und Intoleranz der weissen Welt, in der er lebt, zur Wehr setzen. Bald wird klar, dass der eigentliche Held keine Chance haben wird, in dieser gesetzlosen Welt zu überleben.
So verfolgt man als Leser gebannt das wilde Treiben und ist zunehmend fasziniert von der zielstrebigen Orientierungslosigkeit, mit der die Figuren dem dramatischen Höhepunkt zustreben.
Die Sprache ist genial und die deutsche Übersetzung ist ausgezeichnet ausgefallen.

Es spricht übrigens nicht gerade für die deutschsprachige Verlagswelt, dass so ein grossartiger Roman erst 20 Jahre nach Erscheinen und dann erst noch von einem Buchclub herausgegeben wird...

Das Phantom des Alexander Wolf

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Gaito Gasdanow



Originaltitel: Prizrak Aleksandra Vol'fa / 1947

© Deutsche Ausgabe: Carl Hanser Verlag, München / 2012


Der Erzähler hat im russischen Bürgerkrieg einen Mann niedergeschossen und ist anschliessend geflohen.
Jahre später, im französischen Exil, liest er zufällig ein Buch, in dem diese Begebenheit bis ins Detail nacherzählt wird. Er weiss nun, dass sein Opfer überlebt hat und macht sich auf die Suche nach ihm.

Der im Mittelpunkt stehende Ich-Erzähler, ist durch die Geschehnisse im russischen Bürgerkrieg stark traumatisiert. Nun ergibt sich für ihn eine Möglichkeit, dieses Trauma aufzuarbeiten und die Vergangenheit aus einem anderen Blickwinkel, nämlich dem des Opfers zu betrachten.
Diese Grundidee ist durchaus spannend und Gasdanow schreibt sehr atmosphärisch und mit guter Sprache.

Leider aber verzettelt sich der Autor in diverse Nebenhandlungen. So findet man sich unvermittelt in einem Boxkampf wieder, der aber mit der eigentlichen Erzählung nichts zu tun hat.
Auch die Liebesgeschichte wirkt wie ein Fremdkörper in der eigentlichen Handlung.
Die Assoziationen sind zum Teil sehr weit hergeholt und wirken allesamt künstlich und konstruiert. Überhaupt hat man mit fortschreitender Lektüre den Eindruck, dass der Verfasser schreibt, um des Schreibens willen und nicht weil er wirklich etwas zu sagen hätte.
Wohlwollend könnte man es noch als intelligentes Geschnatter bezeichnen oder aber als das, was es ist: Ein geschwätziger und konstruierter Versuch eines Seelenkrimis.

Dieses Werk mag für Slawisten oder Literaturwissenschaftler spannend sein, für mich war es bemühend und schlussendlich langweilig.

Der Glanzrappe

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Robert Olmstead



Originaltitel: Coal Black Horse / 2007

© Deutsche Ausgabe: Eichborn Verlag / 2008

HANDLUNG

Robey Childs ist vierzehn Jahre alt, als er von seiner Mutter von zu Hause weggeschickt wird, um seinen Vater aus dem Bürgerkrieg heimzuholen. Ein alter Farmer, den Robey am Anfang seines Weges nach Gettysburg trifft, schenkt ihm einen ungewöhnlich schönen Rappen. Auf seinem alptraumhaften Ritt, durch die von Krieg und Zerstörung geschundenen Landschaften, muss Robey zahlreiche Prüfungen und Herausforderungen bestehen, bis er die Schlachtfelder von Gettysburg erreicht...

REZENSION

Eine sehr packende und gleichzeitig irritierende Geschichte, die Olmstead uns da erzählt. Mit einer gradlinigen, schnörkellosen Sprache beschreibt er einen geradezu apokalyptischen Ritt. Die sehr authentischen, grauenvollen Beschreibungen der Kriegsgreuel hinterlassen beim Leser eine Mischung aus Abscheu und Ungläubigkeit, und immer wenn man denkt, jetzt ist's aber gut, wir haben es verstanden, setzt der Autor noch einen drauf.
Die beinahe in zeitlupenartiger Genauigkeit zelebrierte Brutalität befremdet, macht aber auch klar, dass diese Geschichte wohl mit keinem anderen erzählerischen Stilmittel so genau auf den Punkt hätte gebracht werden können.
Aus der Distanz betrachtet, ist dieses Werk bemerkenswert. Die Gradlinigkeit und Ehrlichkeit, mit der der Erzähler die Geschichte vorantreibt, weitab von aller Cowboy-Romantik oder verkitschten Hollywood Klischees, ist beeindruckend und wird nur noch von sehr wenigen amerikanischen Autoren in dieser Perfektion erreicht. Mir fällt im Moment nur Cormac McCarthy ein, der einen ähnlich eindringlichen Schreibstil pflegt.

Alles in allem kein Buch für zimperliche Gemüter. Es wird schon einiges abverlangt vom Leser. Die Tatsache, dass der Autor die Handlung sehr offen lässt und mehr dem Leser überlässt, die Verschwiegenheit seiner Figuren zu interpretieren, macht die Lektüre auch nicht einfacher - aber spannend!

Brügge tote Stadt

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Georges Rodenbach



Originaltitel: Bruges-la-Morte / 1892

© Deutsche Ausgabe: Manholt Verlag / 2003


Nach dem Tod seiner abgöttisch geliebten, jungen Frau, beschliesst Hugues Viane, den Rest seiner Tage in Brügge zu verbringen, einer Stadt, die ebenso tot ist wie seine Frau.
In den Grachten und tristen Häuserzeilen dieser Stadt glaubt er, die Entsprechung seiner eigenen Seelenlandschaft zu finden. Nach Jahren abgeschiedenen Lebens, während denen er nur abends einen kurzen Spaziergang in den finsteren Gassen Brügges gemacht hatte, trifft er auf die Schauspielerin Jane Scott, in der er ein Ebenbild der geliebten Verstorbenen sieht.
Ohne ihr je sein Geheimnis zu offenbaren, umwirbt er die unbeschwerte, junge Frau, bietet ihr das standesgemässe Leben einer Mätresse gutbetuchter Bürger. Doch das Drama nimmt seinen lauf, Liebe schlägt um in Hass...

Ein ungewöhnlicher Roman, der mich sowohl abgestossen aber gleichzeitig auch sehr fasziniert hat.
Es ist sehr unheimlich, diese langsam in den Wahn abrutschende Hauptfigur zu verfolgen. Diese morbide Atmosphäre und die niedergeschlagene Stimmung, drückt auch dem Leser aufs Gemüt, was aber natürlich für das schriftstellerische Können des Autoren spricht.
Rodenbachs Novelle gilt als wichtiger Vertreter des französischsprachigen Symbolismus, warum wird nach der Lektüre klar.
Ich kann das Buch weiterempfehlen, aber nicht uneingeschränkt, die künstlerisch-symbolhafte Umsetzung dürfte nicht die breiten Massen ansprechen und den heutigen Leser wohl etwas verstören.

Die beiden Baroninnen

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Hans Christian Andersen



Originaltitel: De to Baronmesser / 1848

Deutsche Ausgabe: Ars Vivendi Verlag / 2005


Eine Gruppe junger Adliger strandet in einer stürmischen Nacht auf der Insel Langeland (Dänemark). Dort werden sie in einem alten, verfallenen Herrenhaus, in dem sie Zuflucht suchen, Zeugen einer dramatischen Geburt. Die Mutter überlebt die Geburt nicht, und die zufälligen Besucher entschliessen sich, das neugeborene Mädchen zu adoptieren. Das Mädchen wächst bei der Grossmutter von Baron Herman auf und verbringt ein glückliches Leben, bis sie eines Tages auf ein Geheimnis stösst, das alles ändern wird…

Andersen ist vor allem durch seine Kurzgeschichten und Märchen bekannt geworden. Warum das so ist, wird einem klar, wenn man diesen Roman liest: Die "lange Form" ist nicht sein Metier.
Das Werk besteht aus vielen kleinen, für sich genommen durchaus schönen, zuweilen anrührenden Teilen. Es wird aber leider nicht wirklich ein einheitliches Ganzes daraus. Allzu oft wird der Leser verwirrt im Dickicht der Handlung alleingelassen, um sich unverhofft an einem ganz neuen Erzählort wiederzufinden.
Trotz dieser Mängel ist dies aber ein durchaus lesenswertes Buch. Es lebt eben gerade von diesen kleinen Einzelstücken, in denen Andersens Können, sei es in Landschaftsbeschreibungen oder psychologischen Begebenheiten, aufblitzt. Die Meisterschaft seiner Kurzwerke erreicht er allerdings in diesem Roman nie.

St. Ives

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Robert Louis Stevenson



St. Ives, Being the Adventures of a French Prisoner in England / 1897

© Deutsche Ausgabe: Hanser Verlag / 2011


Die Hauptfigur ist Kéroual de Saint-Yves oder eben kurz St. Ives, ein französischer Adliger, der in der Armee Napoleons dient. Er wird in Spanien von den Engländern als Spion enttarnt und festgenommen.
Nun sitzt er als Gefangener mit anderen Napoleonischen Soldaten in der Burg von Edinburgh. Es gelingt ihm unter halsbrecherischen Umständen zu entfliehen.
Auf der Flucht begegnet er Flora, einem schottischen Mädchen, in das er sich verliebt. Eine wilde Verfolgungsjagd durch ganz England beginnt, die schlussendlich bis an die Küsten der Vereinigten Staaten und zurück nach Frankreich führt.
Sein Ziel aber bleibt die Rückkehr zu Flora…

Stevenson, bekannt als Autor von Klassikern wie „Die Schatzinsel“ oder „Die Abenteuer des David Balfour“, schrieb diesen Abenteuerroman kurz vor seinem Tod (1894). Da er das Werk nicht mehr selber zu Ende führen konnte, wurden die letzten sechs Kapitel durch einen jungen Autoren namens Arthur Quiller-Couch vollendet.
Dies war möglich, da Stevenson die abschliessende Handlung bereits skizziert hatte und diese gewissermassen nur noch ausformuliert werden musste. Während man bei diesen letzten Kapiteln zu Beginn noch etwas ins Stocken gerät, wird mit jeder Seite spürbarer, dass der Jungautor die Sprache des Meisters hervorragend aufnahm und sich die Lesbarkeit deutlich verbessert.

Die Geschichte an sich ist abenteuerlich und mit viel Ironie und Sprachwitz verfasst. Stevensons schrieb diesen Roman auf Samoa, wo er seine letzten Lebensjahre verbrachte, und obwohl er so fern wie nie von Schottland war, erschuf er ein unglaublich eindrückliches Portrait seiner Heimat.

Auch wenn der Roman die eine oder andere Länge aufweist, wird man gut unterhalten und kann sich über eine wunderbare Sprache und eine ebenso wunderbare deutsche Übersetzung durch Andreas Nohl erfreuen.

Das Werk ist liegt hier übrigens erstmals vollständig in deutscher Sprache vor!

Ich kann jedem, der etwas mit schön gemachten Büchern anfangen kann, die in Leinen gebundene und fadengeheftete Ausgabe des Hanser Verlages empfehlen. Es ist sehr erfreulich zu sehen, dass es noch Verlagshäuser gibt, die solch exzellente Bücher produzieren und neu übersetzten lassen.

Atala

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François-René de Chateaubriand



Originaltitel: Atala / 1801

Deutsche Ausgabe: dearbooks, Berlin / 2012


Der alte Natchez-Indianer Chactas erzählt die Geschichte, wie er als junger Krieger in Gefangenschaft gerät und dabei auf Atala trifft, in die er sich verliebt. Chactas soll den qualvollen Martertod sterben, zuvor wird er jedoch von Atala befreit. Zusammen fliehen sie in die unbewohnten Wälder, wo sie schließlich von einem weißen Missionar gefunden und gerettet werden.
Atala wird jedoch von einem großen Schuldgefühl geplagt. Vor die Wahl gestellt, das Leben mit ihrem Geliebten zu verbringen oder das ihrer Mutter gegenüber abgelegte Gelübde einzuhalten, ihr Leben der heiligen Jungfrau zu widmen, entscheidet sie sich für den Freitod...

Chateaubriands Novelle Atala gilt als Klassiker der französischen Literatur. Beeinflusst durch Rousseaus "Edle-Wilden-Theorie" gilt Atala als eines der wichtigsten Werke dieses Genres.
Abgesehen davon, dass diese Theorie heute längst überholt ist, birgt das Werk einige grundlegende Mängel. So heißt es beispielsweise ganz zu Beginn beim ersten Kontakt mit Weissen gegenüber Chactas: "Bist du wieder in deinen Wäldern, so erinnere dich des alten Spaniers, der sich dir gastlich bezeigte, und denke daran, dass deine erste Fühlungnahme mit den Menschen eine freundliche war..." Den Indianern wird also schlicht abgesprochen, Menschen zu sein. Eine zeitgenössische Ansicht, die heute doch sehr rassistisch anmutet und den Leser irritiert.
In diesem Stil geht es munter weiter. Selbstverständlich ist die Hauptfigur Atala eine getaufte Christin und dem Leser wird nachdrücklich erklärt, dass Indianer selbstverständlich nur als Christen (Katholiken) wertvolle Mitglieder der menschlichen, zivilisierten Rasse sein könnten.
Wenn man weiß, wie viel Leid bei den verschiedenen indigenen Nationen Amerikas durch die christliche Missionierung bis weit ins 20. Jahrhundert hinein ausgelöst wurde, dann erscheinen einem diese Erläuterungen heute geradezu sarkastisch. Kaum eine indianische Biografie ist frei von den traumatischen Erlebnissen, die sie während ihrer Kindheit in Missionsschulen gehabt haben. Physische und seelische Gewalt, die auch vor sexuellen Übergriffen nicht halt machte, sind heute noch Bestandteil von kollektiven Traumata ganzer Kulturen Nordamerikas.
Werke, wie das hier besprochene, sind meiner Meinung nach der kulturelle Boden, mit dem diese ungeheuerlichen Verbrechen an den Indianern über Jahrhunderte hinweg legitimiert wurden. Solange solche Werke als klassisch und wertvoll gelten, wird auch dieses eurozentrische und menschenverachtende Weltbild nicht aus den Köpfen verschwinden.


Jenseits des Flusses

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Caryl Phillips



Originaltitel: Crossing the River / 1993

© Deutsche Ausgabe: Hanser Verlag / 1995

Caryl Phillip's Werk "Jenseits des Flusses" beinhaltet auf 256 Seiten nicht mehr oder weniger als Schicksal und Leid der schwarzen Bevölkerung der USA.
In vier unabhängigen Geschichten lässt der Autor Vergangenheit und Gegenwart am Auge des Lesers vorbeiziehen.
Phillips schafft es, seine Sprache von Geschichte zu Geschichte zu variieren. Wunderschöne, fast lyrische Stellen wechseln mit reportagenhafter Knappheit.
Der auf Saint Kitts, Westindien, geborene Autor schafft es, die verschiedenen Geschichten wie Akte in einem Theaterstück zu verbinden. Und wenn auch ganz verschiedene Schicksale erzählt werden, so verbindet sie doch alle gemeinsam eine erschütternde kollektive Erinnerung.

Caryl Phillips gilt in Großbritannien als einer der wichtigsten Autoren der jüngeren Generation. Mit seiner Fabulierkunst führt er die große Tradition eines Rushdie oder Naipaul erfolgreich fort - unglaublich traurig, doch auch unglaublich schön...