Der Meister des jüngsten Tages

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Leo Perutz



Erstausgabe: 1923 Verlag A. Langen, München

Diese Ausgabe: © 2006 Paul Zsolnay Verlag, Wien


INHALT

Wir befinden uns in Wien im Jahre 1909. Eine unheimliche Todesserie erschüttert die Wiener Gesellschaft. Nacheinander nehmen sich drei Personen, ein junger Offizier, dessen Bruder und ein bekannter Hofschauspieler, das Leben. Bei keinem der drei Todesfälle kann ein plausibles Motiv gefunden werden. Es kommt der Verdacht auf, dass es sich dabei um geplante Morde handeln könnte. Eine mysteriöse Verkettung von Ereignissen lässt vermuten, dass selbst der Ich-Erzähler in diese Fälle verwickelt sein könnte…

REZENSION

„Der Meister des Jüngsten Tages“ gilt als bekanntestes und erfolgreichstes Werk von Leo Perutz. Der Verfasser selber schien jedoch nicht ganz so überzeugt gewesen zu sein, bezeichnete er dieses Werk doch als „Bockmist“.
Nun, ganz so drastisch fällt mein Urteil nicht aus - ganz im Gegenteil! „Der Meister des Jüngsten Tages“ ist eine spannend zu lesende Kriminalgeschichte, versetzt mit historischen und übersinnlichen Elementen, wobei Perutz gekonnt mit dem Leser spielt. Der Ich-Erzähler wirkt alles andere als vertrauenserweckend und unzählige Andeutungen und Anspielungen lassen den Handlungsverlauf immer wieder in die eine oder andere Richtung laufen. Ein Verwirrspiel, das Leo Perutz in Perfektion beherrscht, und das er, in dieser oder ähnlicher Form, auch in seinen anderen Werken immer wieder mit einfliessen lässt.
Trotz der sprachlichen und erzähltechnischen Perfektion, hat mich dieses Werk weniger beeindruckt als beispielsweise „Nachts unter der steinernen Brücke“ von 1953. Ich konnte als Leser weder eine Identifikationsfigur finden, noch eine Nähe zu den handelnden Akteuren aufbauen. Zudem erscheinen die sich gegenseitig ausschliessenden Handlungsverläufe allzu konzipiert und theaterhaft.

„Der Meister des Jüngsten Tages“ ist ohne Frage ein Kind seiner Zeit. Die Nachwehen des erst kurz zuvor beendeten 1. Weltkrieges sind darin ebenso spürbar wie Freuds psychoanalytischen Persönlichkeitstheorien.

Fazit: Ein Werk, das durch seine Raffinesse wie auch sprachliche Schönheit durchaus zu beeindrucken weiss - auf mich jedoch gleichzeitig etwas zu abstrakt und unterkühlt wirkt, als dass ich die Lektüre uneingeschränkt hätte geniessen können. Ein Roman, der es wert ist, gelesen zu werden - im Wissen, dass es von diesem Autoren auch noch Besseres gibt…

BUCH-HERSTELLUNG

Das Buch wurde vom Zsolnay-Verlag mit einem petrolfarbenen Leineneinband versehen. Das Vorsatzblatt weist als Kontrast ein kräftiges dunkles Rot auf. Abgerundet wird das Ganze mit einem im selben Rot gehaltenen Kapitalbändchen und einer Rückenprägung. Bedauerlicherweise wurde das Werk nicht fadengeheftet, sondern nur mit einer einfachen Leimbindung versehen.

Spitzentitel

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Antonio Manzini



Originaltitel: Sull’orlo del precipizio
Aus dem Italienischen von Antje Peter

Originalverlag: © 2015 Sellerio Editore, Palermo

Deutsche Ausgabe: © 2017 Klaus Wagenbach Verlag, Berlin


HANDLUNG

„Tolstois Krieg und Frieden ist überarbeitet worden. Es heisst jetzt nur noch „Frieden“. Der Krieg musste weg. Er hat die Leute beunruhigt. In der Welt unserer Leser gibt es nur Liebe, Zuversicht und Gleichklang…“
Der bekannte italienische Schriftsteller Giorgio Volpe hat eben sein Werk beendet - eine grosse Chronik seiner Familie, sein Opus Magnum, als ihn die Hiobsbotschaft ereilt, dass sein Verlag mit zwei anderen grossen italienischen Verlagshäuser fusioniert wurde. Es entsteht ein neuer grosser Verlagskonzern namens „Sigma“. Seine Lektorin ist spurlos verschwunden, der ehemalige Verlagschef nicht mehr zu erreichen. Als dann einige Tage später zwei windige Typen vor Volpes Haustüre stehen und mit ihm zusammen seinen Roman umschreiben wollen, wird Giorgio Volpe klar, dass er in argen Schwierigkeiten steckt - doch er ahnt noch nicht, dass dies erst der Anfang ist…

REZENSION
Antonio Manzini hat in dieser nur siebenundsiebzig Seiten umfassenden Story eine Satire über die moderne Verlagswelt, den Umgang mit Kultur - und in gewisser Weise über die gesamte Wirtschaftswelt - verfasst. Gelungen ist ihm dies zumindest in der ersten Hälfte der Geschichte köstlich. Hier entfaltet er eine schon beinahe kafkaesk anmutende Parallelwelt, in der sich die überrumpelte Hauptfigur völlig überfordert zeigt. Manzini thematisiert nicht nur die Problematik der seelenlosen Grosskonzerne, die sprichwörtlich über Leichen zu gehen scheinen, sondern führt auch die Diskussion über politische Korrektheit ad absurdum.
Wie erwähnt, gelingt ihm dies in der ersten Hälfte dank der originellen Ausgangslage und den durchaus witzig inszenierten Szenen hervorragend. In der zweiten Hälfte lässt er aber meiner Meinung nach die Zügel etwas zu stark schiessen und wird von seiner eigenen Geschichte überrollt. Zu grotesk wird er und zu platt, wo Subtilität wesentlich mehr zu erreichen versprochen hätte.

Antonio Manzini war ein Schüler Andrea Camilleris, und so ist es nicht weiter erstaunlich, dass Manzini eine vergleichbare einfache Sprache führt, die zwar keine literarischen Höhenflüge bietet, zu jeder Zeit aber ihren Zweck erfüllt.
Wer leichte Unterhaltung sucht und gerne satirische Parabeln mag, könnte an Antonio Manzinis Kurzgeschichte Gefallen finden. Für mich persönlich war zum Schluss dann doch etwas wenig „Fleisch am Knochen“…

BUCHVERARBEITUNG

Zum Buch selber ist noch zu sagen, dass es in der wunderbaren und bibliophilen SALTO-Reihe des Klaus-Wagenbach-Verlages erschienen ist. Was bedeutet, dass sich der Käufer oder die Käuferin auf einen schönen roten Leineneinband, Fadenheftung und ein farblich abgestimmtes Vorsatzblatt freuen darf. Als kleiner Gag wurde zur Feier von 30-Jahren SALTO die Fadenheftung mit einem roten Faden vorgenommen, was, wie ich finde, eine originelle gestalterische Idee ist, die mir sehr gefallen hat. Kurz, herstellungstechnisch eine einwandfreie Veröffentlichung!