Die Besucherin

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Maeve Brennan



Originaltitel: The Visitor / 2000

© Deutsche Ausgabe: Steidl Verlag, Göttingen (2003)

HANDLUNG

Nachdem Anastasia Kings Mutter Mary in Paris verstirbt, kehrt die zweiundzwanzigjährige Anastasia zu ihrer Grossmutter nach Dublin zurück. Hier hat sie ihre Kindheit verbracht und hofft nun in ihrer Trauer und Einsamkeit eine Stütze zu finden. Doch ihre Grossmutter denkt nicht daran ihr Trost zu spenden. Vielmehr macht sie ihre Schwiegertochter Mary für den Tod ihres Sohnes verantwortlich. Anastasias Mutter Mary hatte ihren einzigen Sohn gegen ihren Willen geheiratet, später verlassen und war nach Paris gezogen, wohin ihr Anastasia gefolgt war.
Diesen „Treuebruch“ gegenüber ihrem Sohn verzeiht die alte Mrs. King ihrer Enkelin nicht und lässt sie spüren, dass sie nur als vorübergehender Gast willkommen ist. Diese täglichen Zurückweisungen setzen Anastasia schwer zu, und ihre Lage verschlimmert sich von Tag zu Tag…

REZENSION

Maeve Brennan (1917-1993), war eine irisch-amerikanische Journalistin und Schriftstellerin, deren belletristisches Werk grösstenteils erst nach ihrem Tod zur Veröffentlichung kam.
So ist es auch bei dieser in den 40er-Jahren entstandenen Novelle „The Visitor“, die erst in den späten 90er-Jahren zufällig entdeckt und im Jahre 2000 veröffentlicht wurde.

In gewisser Weise ein Glücksfall, denn die Novelle ist damit das älteste schriftstellerische Werk, das von Maeve Brennan bekannt ist. Da ich schon mit grosser Begeisterung den Band „Mr. Und Mrs. Derdon“ gelesen hatte, war ich sehr gespannt auf diese kleine Novelle.
Grundsätzlich sind in „Die Besucherin“ schon viele Eigenheiten, die Maeve Brennans Schreibstil ausmachen, zu erkennen. Allerdings wird auch schnell klar, dass sie noch nicht diese perfekte und ausgefeilte Psychologie beherrschte, wie das in ihren späteren Werken markant ist. Die Hauptfigur der Anastasia wirkte auf mich etwas irritierend und wenig glaubhaft. Weshalb sie partout kein eigenes Leben beginnen will, wird nur ansatzweise klar.
Sehr stark ist die Novelle bei atmosphärischen Beschreibungen des Hauses oder der Umgebung. Ebenso sind die zwischenmenschlichen Beziehungen sehr intensiv und mitreissend beschrieben.

Auch wenn das Werk sicher nicht zum Besten gehört, das es von Maeve Bennan zu lesen gibt, ist es doch schön, dass man auf diese Novelle gestossen ist und sie der Öffentlichkeit zugänglich machen konnte.

Die Grafen von Kyburg

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Eine Adelsgeschichte mit Brüchen


Peter Niederhäuser (Hrsg.)



Reihe: Mitteilungen der Antiquarischen Gesellschaft Zürich / Band 82

Chronos Verlag / Zürich / 2015


Die Grafen von Kyburg waren ein Adelsgeschlecht, deren Herrschaftsgebiet hauptsächlich in der heutigen Ostschweiz und im Schweizer Mittelland zu finden war. Sie stammten ursprünglich aus dem süddeutschen Raum und waren gewissermassen der „Schweizer Ableger“ der schwäbischen Grafen von Dillingen. Begründet wurde dieser Zweig durch die Heirat von Hartmann I. von Dillingen mit Adelheid von Winterthur-Kyburg. Durch diese Verbindung kam Hartmann I. zu umfangreichen Besitzungen im Raum Thurgau und nannte sich nun Graf von Kyburg, nach der gleichnamigen Burg südlich von Winterthur.
Durch geschickte Heiratsverbindungen und Erbansprüche wurden die Grafen von Kyburg zu einem bedeutenden Adelsgeschlecht des 12. und 13. Jahrhunderts. Zu ihren Besitzungen gehörten nebst den Stammgebieten im Zürichgau und Schwaben auch Städte wie Freiburg, Thun, Burgdorf, Aarau, Baden oder Lenzburg.
Nachdem Graf Hartmann V., der die westlichen Besitzungen verwaltete, 1263 unerwartet früh verstarb und sein Onkel Graf Hartman IV. nur ein Jahr darauf kinderlos starb, bedeutete dies das Aussterben der Kyburger im Mannesstamm.
Rudolf I. von Habsburg, der mütterlicherseits Kyburger war, nahm sich 1264 der einzigen und minderjährigen Erbtochter Anna von Kyburg als Vormund an. Dies führte langfristig zur Übernahme der Kyburger Besitztümer durch das Haus Habsburg. Die Habsburger führen aus diesem Grunde bis heute unter anderen den Titel „Graf von Kyburg“.

Das vom Schweizer Historiker Peter Niederhäuser herausgegebene Werk beinhaltet zweiundzwanzig Beiträge von namhaften Fachleuten zum Thema. Es bildet ein bis heute in dieser Ausführlichkeit einzigartigen Überblick über den Stand der gegenwärtigen Kyburger-Forschung. Gleichzeitig erfährt der interessierte Leser viel über die historischen und politischen Hintergründe jener Zeit.
Die Herkunft der Familie Kyburg wird beleuchtet sowie deren Aufstieg im Raum Winterthur. Ebenso werden die Gründe anschaulich dargelegt, wie eine einzelne Familie in den Besitz so grosser Gebietsteile in der Schweiz kommen konnte.
Vielerorts waren die Kyburger die direkten Vorgänger der Habsburger. Interessant fand ich in diesem Zusammenhang zu lesen, wie unterschiedlich sich die einzelnen Gemeinden in der Schweiz entweder auf die Kyburger oder Habsburger beriefen und wie sich diese historischen Wurzeln zuweilen je nach „Wetterlage“ veränderten...
Abgeschlossen wird das Werk mit einigen Beschreibungen markanter Bauten, die auf die Kyburger zurückzuführen sind – allen voran natürlich die der südlich von Winterthur gelegenen Kyburg selber.

Alles in allem eine gut lesbare und auch für Laien verständliche Darstellung einer interessanten Schweizer Adelsfamilie, die wesentlich mehr Spuren hinterlassen hat, als man sich das im Allgemeinen heute bewusst ist. Klar wird bei der Lektüre aber auch, dass es noch sehr viele „schwarze Löcher“ gibt, die mit Informationen gefüllt werden müssen und für die wohl noch viel Zeit und historische Forschung nötig sein wird.

Die Enden der Welt

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Roger Willemsen




© Ausgabe: S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main / 2010


Roger Willemsen ist viel unterwegs - und das auf der ganzen Welt. In dem hier vorliegende Werk finden sich nun verschiedene Reiseberichte aus allen „Enden der Welt“. Gesammelte Essays aus dreissig Jahren.

Egal, ob im verlassenen Patagonien, dem überbevölkerten Tokio oder dem gespenstisch wirkenden Minsk, Willemsen sucht und beschreibt nicht die schönen oder gar idyllischen Orte, sondern landet und sucht bewusst die speziellen Momente, wobei es oft um Tod oder Sterben geht. Schnell wird dem Leser klar, dass hier nicht nur das räumliche Ende gesucht und besucht wird, sondern eben auch das ganz fundamentale Ende des Seins.
Das mutet zuweilen etwas irritierend an, gleichzeitig macht dies aber genau den Reiz der Lektüre aus und wirkt im Leser weiter.
Die Sprache ist pointiert, mitunter auch humorvoll, zwischenzeitlich immer wieder recht gestelzt. Hier wird dann eben deutlich, dass das Buch nicht in einem Guss verfasst wurde, sondern aus ganz verschiedenen Lebenszeiten von Roger Willemsen stammt. Diese inkonsistente Sprache macht das Lesen zum Teil etwas holprig.
Da man aber immer wieder auch mit sprachlich sehr hochstehenden Kapricen beglückt wird, lässt sich damit leben.
Etwas mehr gestört hat mich dann schon die zuweilen recht blasierte Art, mit der Willemsen aus einer intellektuellen Höhe herab Begebenheiten kommentiert. Zusätzlich steht der Autor immer wieder mal seinen Beschreibungen etwas im Weg und verdeckt dem Leser den Blick auf die eigentlichen Geschehnisse.
Abgesehen von diesen Selbstdarstellungen, ist das Wer, wie eingangs erwähnt, durchaus spannend zu lesen. Am Besten gefallen haben mir die „kleinen“ Geschichten, wie etwa die Zugreise durch Birma, auf der er ein einheimisches Ehepaar kennen lernt und sich ein faszinierender Dialog entwickelt, der von Willemsen auch sehr gekonnt zu Papier gebracht wird.

Alles in allem ist das Ganze sehr gut beobachtet und kenntnisreich erzählt, auch wenn er ab und an Örtlichkeiten etwas durcheinander bringt und zum Beispiel die Beringsee mit der Barentssee verwechselt..., was aber wohl eher einem mangelhaften Lektorat zur Last gelegt werden muss.

Der Garten über dem Meer

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Mercè Rodoreda



Originaltitel: Jardi vora el mar / 1967

© Deutsche Ausgabe: Büchergilde Gutenberg, Frankfurt am Main (Lizenz von Mare Verlag) / 2015

HANDLUNG

Sechs Sommer lang beobachtet der Gärtner eines schönen Anwesens über dem Meer die neuen Besitzer und frisch vermählten Francesc und Rosamaria und ihre Freunde. Es finden rauschende Feste statt, es wird gebadet, gemalt, geliebt und gestritten.
Verschiedenste Besucher des Paares treffen ein, mit denen der Gärtner über die Jahre bekannt wird.
Als auf dem Nachbargrundstück eine Villa gebaut wird, beginnt sich die Atmosphäre zu verändern. Der neue Nachbar ist Eugeni, die einstige Jugendliebe Rosamarias…

REZENSION

Der in den 20er-Jahren spielende Roman von Mercè Rodoreda wird in den Medien zuweilen mit dem Grossen Gatsby verglichen. Ich halte diesen Vergleich aber für sehr weit hergeholt. Natürlich, es bevölkern auch hier reiche Snobs, die mit ihrer Zeit nicht viel Sinnvolles anzustellen wissen, die Szenerie. Das war es dann aber auch schon mit den Gemeinsamkeiten.
Im Zentrum dieser Geschichte steht der Gärtner und sein Garten mit den unzähligen Blumen, Sträuchern und Bäumen. Wir erleben die Jahreszeiten, den Sommer mit den Snobs und den Herbst/Winter, in der der sich der Gärtner mehr oder weniger allein um sein Reich kümmert.
Rodoreda erzählt unglaublich atmosphärisch und stilvoll. Die Stimmung ist immer leicht melancholisch, hat aber durchaus auch einen dezent humorvolle Note. Die Geschichte durch den Gärtner erzählen zu lassen, ist ein gelungenes Stilmittel, das sehr zur Lebendigkeit der Erzählung beiträgt. Seine Launen und Vorurteile wirken wie ein Filter und können vom Leser schnell decodiert werden. Die Tatsache, dass er alles aus der Erinnerung erzählt und sich zuweilen auch gar nicht sicher ist, die Ereignisse noch recht im Gedächtnis zu haben, verleihen dem Ganzen einen vagen und zugleich charmanten Reiz.

Die Geschichte an sich ist recht konventionell, entfaltet aber vielleicht gerade deshalb eine ungeahnte Tiefe. Rodoreda versteht es, einen Realismus zu schaffen, der höchste Dramatik, Komik und Alltägliches zu einem harmonischen Lebensbild verflechtet, welches Hand in Hand mit der Vergänglichkeit der Jahreszeiten einherschreitet...

„Der Garten über dem Meer“ ist einer der schönsten Romane, die ich seit langem gelesen habe. Eines jener Bücher eben, um die man alle beneidet, die es noch nicht entdeckt haben, denn die haben noch eine wunderbare Leseentdeckung vor sich...

I'm Leavin'

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Elvis Presley



© Sony Music / 2016

Genre: Country / Folk
Format: Vinyl LP (schwarz) 140g / Limitiert auf 5000 Exemplare

Als Sony Music in diesem Frühjahr ankündigten, dass sie, anlässlich eines „Record Store Day“, diese LP von Elvis veröffentlichen würden, war für mich schnell klar, dass ich sie haben musste.
Die Songauswahl ist genial und beinhaltet nicht weniger als sieben meiner liebsten Elvis-Songs! Hätte ich die LP-Titel selber zusammenstellen dürfen, die Auswahl wäre wohl nicht viel anders herausgekommen!

Zu finden sind darauf Folk und Country Stücke, die zwischen den Jahren 1966 und 1973 entstanden sind. Der Kern der Aufnahmen stammt allerdings aus den 1971er-Sessions.
Als herausragend ist sicher die kongeniale Coverversion von Dylans „Tomorrow Is A Long Time“ zu bezeichnen, in die Elvis sein ganzes Können steckte und von der Bob Dylan damals meinte, dass es sich um eine der besten Coverversion handle, die je von einem seiner Songs gemacht worden sei... dem ist nichts hinzuzufügen.
Auch das Titelstück „I‘m Leavin‘“ ist ein wunderbarer Song, mit dem Elvis damals seiner Zeit meiner Meinung nach weit voraus war – ist leider heute kaum noch im Radio zu hören.
Warum auf der B-Seite Take 2 (also ein Outtake) von „Loving Arms“ Verwendung fand, anstelle des offiziellen Master-Takes, erschliesst sich mir nicht. Das kann aber den guten Gesamteindruck dieser Veröffentlichung kaum schmälern.
Eine LP, wie Elvis sie hätte in den 70ern veröffentlichen sollen! Stimmlich war er auf dem Höhepunkt und musikalisch reifer und professioneller als je zuvor oder danach... Schön, dass wir nun, wenigstens vierzig Jahre später, die Highlights dieser Schaffensphase vorgesetzt bekommen.

Die LP selbst besteht aus 140g-Vinyl – also nicht gerade audiophil, aber dennoch ordentliche Qualität, und der Klang ist als gut, wenn auch nicht überragend, zu bezeichnen. Das Cover ist stilvoll in zurückhaltender Eleganz gehalten, während das „Innenleben“ dann schon etwas ernüchternder ausfällt: Eine einfache Papierschutzhülle ohne Bedruckung oder Texte – hier ist Sony sich bei seiner Vermarktungspolitik treu geblieben...(Dafür habe ich den einen Stern abgezogen!)

Fazit: Als Elvis-Fan besitzt man diese Songs natürlich alle schon zigfach, in Vinyl-Zusammenstellung gab‘s das aber noch nie in dieser konsequenten Form und für alle, die noch nicht viel von Elvis im Regal stehen haben, ist das hier ein Pflichtkauf – schlicht das Beste, das es von Elvis in dieser Schaffensphase zu hören gibt!

Titelverzeichnis

Seite A

01 I‘m Leavin‘ (3:52)
02 Early Mornin‘ Rain (3:00
03 Good time Charlie‘s Got The Blues (3:10)
04 Until It‘s Time For You To Go (4:02)
05 Help Me Make It Through The Night (2:51)
06 Don‘t Think Twice, It‘s All Right (2:45)

Seite B

07 You Asked Me To (2:52)
08 Gentle On My Mind (3:26)
09 Tomorrow Is A Long Time (5:24)
10 I‘m Movin‘ On (2:56)
11 (That‘s What You Get) For Lovin‘ Me (2:11)
12 Lonving Arms (Take 2) (2:52)

Die Wildnis des häuslichen Lebens

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Gilbert K. Chesterton



© Verlag: Berenberg Verlag, Berlin / 2006


Gilbert K. Chesterton (1874-1936) hat ein sehr umfangreiches Werk hinterlassen, das sich aus Literaturkritiken, Gedichten, Erzählungen, Romanen und Essays zusammensetzt.
In deutscher Sprache wurden seine Publikationen häufig nur gekürzt oder in Versatzstücken herausgegeben. Hier macht auch diese vorliegende Veröffentlichung keine Ausnahme.
„Die Wildnis des häuslichen Lebens“ besteht aus insgesamt 18 Essays. Zusammengestellt aus unterschiedlichen Werken und Thematiken. Literaturwissenschaftliches, wie der humorvoll und geistreiche Essay über Charles Dickens „Pickwick Papers“, stehen neben persönlichen oder philosophischen Lebensbetrachtungen.
Alle Texte besitzen den unnachahmlichen Charme von Chestertons querem und erfrischendem Weltbild. Die Essaysammlung liest sich sehr vergnüglich und nicht selten überraschen Chestertons Gedanken und Schlussfolgerungen, da sie völlig schräg und unkonventionell erscheinen.
Politiker oder Literaturkritiker sind seine bevorzugtesten Opfer, aber auch gegenüber einem Verfasser von Büchern über das Erlangen von Erfolg, wie beispielsweise im Essay „Der Trugschluss des Erfolgs“, kennt er kein Erbarmen. Wobei die Quintessenz der Abrechnung über Letzteren folgendermassen ausfällt:
„Es gibt Bücher, die den Menschen zeigen, wie sie in allem Erdenklichen Erfolg haben können; geschrieben sind sie von Leuten, die nicht einmal erfolgreich schreiben können.“

In diesem Stil ist das ganze Werk verfasst, wobei nicht nur die Ergebnisse Chesterton‘s Analysen, sondern vor allem sein Denkweg dahin, fasziniert.

Das schmale Büchlein mit gerade 155 Seiten eignet sich denn auch bestens für den Einstieg in die Gedankenwelt des Gilbert K. Chesterton. Ich habe mich köstlich amüsiert und zusätzlich einige interessante Anregungen erhalten, die mich zum Nachdenken gebracht haben.

Der Band ist im Berenberg Verlag erschienen und wie alle Bücher aus diesem Verlag sehr edel und schön verarbeitet. Der Einband wurde in Halbleinen gebunden und das Werk fadengeheftet und mit violettem Vorsatzpapier versehen.

Alles in allem eine wunderschöne Ausgabe, die mit ihrer aufwändigen Verarbeitung, den äusserst lesenswerten Inhalten Ehre erweist.

George Forster - Ein Leben in Scherben

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Ulrich Enzensberger



© Eichborn Verlag, Frankfurt am Main / 1996


INHALT

Georg Forster (1754-1794) gilt heute als einer der bedeutendsten deutschen Naturforschern und als einer der Mitbegründer der wissenschaftlichen Reiseliteratur. Sein Reisebericht, den er nach der dreijährigen, unter James Cook geführten, Südseereise verfasste, gilt bis heute als Standardwerk.

Georg Forster wurde 1754 im heutigen Polen geboren. Er begleitete seinen Vater Johann Reinhold Forster schon früh auf verschiedenen Reisen. So begaben sie sich zusammen an den Unterlauf der Wolga (1765), nach St. Petersburg und schliesslich nach England (1766). Von England aus ging es dann auf die eingangs bereits erwähnte Weltumseglung (1772-1775).
Trotz aller wissenschaftlichen Anerkennung und Resonanz, die seine Studien und Veröffentlichungen erhielten, war George Forster Zeit seines Lebens in Geldnot und konnte sich mehr schlecht als recht über die Runden bringen.
Forster war Mitglied in der Freimaurerloge und wurde schliesslich auch Mitglied im Mainzer Jakobinerklub. Nachdem Mainz 1792 von der französischen Revolutionsarmee besetzt wurde, war Georg Forster aktiv an der Gründung der Mainzer Republik beteiligt.
Während der revolutionären Wirren in Mainz verliess ihn seine Frau Therese mit den Kindern. Seine Ehe war immer schon auf sehr labilen Füssen gestanden und ging nun endgültig in die Brüche. Forster litt sehr unter der Trennung von seiner Familie und versuchte bis zum Schluss seine Frau zurück zu gewinnen.
Als Mainzer Abgeordneter des Nationalkonvents reiste er nach Paris, um dort die Angliederung der alleine nicht lebensfähigen Mainzer Republik an Frankreich zu beantragen. Die Rückeroberung Mainz‘ durch preussische Truppen entzog diesem Auftrag jedoch die Grundlage. Georg Forster verlor dadurch sein gesamtes Hab und Gut und konnte nicht mehr in seine Heimat zurück, da er dort verhaftet worden wäre. Krank und alleine blieb er in Paris, wo er am 10. Januar 1794, noch nicht einmal vierzigjährig, an einer Lungenentzündung verstarb.

REZENSION

Ulrich Enzensbergers Biografie besitzt eine originelle Stärke, die aber gleichzeitig auch der Schwachpunkt der Veröffentlichung darstellt.
So wurde diese Lebensbeschreibung zusammengesetzt aus unzähligen zeitgenössischen Texten. Es finden sich Briefe von Forster selber, die an seine Gläubiger, Freunde oder Familienangehörige, vor allem an seine Frau, gerichtet sind.
Es wird aber auch aus Briefen Drittpersonen zitiert. Zusätzlich finden Texte aus Tagebüchern, Bordbüchern (James Cook) oder aus Werken Georg Forsters Verwendung.
Das führt zu einem patchworkartigen Kosmos an Meinungen, der ein ungemein lebendiges Bild dieser Zeit und der Menschen in Forsters Umfeld aufleben lässt.
Diese Berichte werden von Ulrich Enzensberger jeweils mit eigenen erklärenden oder ergänzenden Texten verbunden und so zu einem zusammenhängenden Gesamtwerk verwoben. Soweit die Stärke dieser Veröffentlichung.
Dieses Flickwerk kann aber den ahnungslosen Leser (zu denen ich mich zählen würde) auch etwas überfordern. Die Erklärungen Enzensbergers sind sehr kurz gehalten und ohne bereits vorhandenes Hintergrundwissen steht man da schon ab und zu in einer finsteren Ecke. So habe ich es zum Beispiel als bedauerlich empfunden, dass ab der Mitte des Buches Georg Forsters Eltern kaum noch erwähnt werden. Gab es keinen Kontakt mehr oder hat Ulrich Enzensberger für uns entschieden, dass das nicht relevant genug sei? Man weiss es nicht. Erst ganz gegen Schluss erfährt man, in einem Nebensatz, dass der Vater von den revolutionären Aktivitäten seines Sohnes wohl gar nicht „amused“ gewesen sei.

Alles in allem war es eine interessante Lektüre, bei der ich unglaublich viel über die französische Revolution und vor allem über deren Auswirkungen auf Deutschland gelernt habe. Das hatte ich so zuvor noch nie gelesen. Die Verwendung zeitgenössischer Texte ist rein schon für die Atmosphäre sehr eindrücklich und machen dieses Werk zu etwas Besonderem.

Das vorliegende Buch wurde in der „anderen Bibliothek“ herausgegeben, fadengeheftet und in Bleisatz (!) gedruckt. Herstellerisch also etwas vom Feinsten, das man sich als Freund bibliophiler Bücher wünschen kann.

Aarons Stab

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D. H. Lawrence



Originaltitel: Aaron’s Rod / 1922

© Deutsche Ausgabe: Weidle Verlag, Bonn / 2004

HANDLUNG

Die Geschichte handelt vom Bergarbeitersohn Aaron Sisson, der seine Frau und die Kinder verlässt, um in London und später in Italien innerhalb der Bohème einen neuen Lebenssinn zu finden.
Er spielt als Flötist in einem Londoner Orchester, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Sein Zusammentreffen mit Künstlern und Literaten inspiriert ihn und weckt den Wunsch, sein Glück im fernen Italien zu suchen.

REZENSION

Lawrence bleibt seinem Grundthema, das ihn beinahe durch sein ganzes Werk begleitet, auch in diesem Werk treu: Die zwischenmenschlichen Beziehungen ziehen sich wie ein roter Faden durch die Geschichte.
Die Grundstimmung dieses Romans ist recht düster und wird sehr stark durch die traumatische Zeit des 1. Weltkriegs geprägt. Die Hauptfigur, die sehr starke autobiografische Züge trägt, wirkt verloren, inmitten von anderen Suchenden. Es werden viele Fragen aufgeworfen, aber keine beantwortet, was stark zur verlorenen Grundstimmung beiträgt. Die Suche nach einem Sinn oder wenigstens etwas Glück scheint zuweilen nah und gleichzeitig wieder fern wie auf einem anderen Planeten.
Die Verstrickung der Hauptfigur in diverse Beziehungsgeschichten, erscheint aus heutiger Sicht ab und an etwas überholt, hat aber aus zeitgeschichtlicher Perspektive durchaus ihren Reiz.
Ganz stark wird Lawrence immer wieder bei psychologischen Beschreibungen von einzelnen Figuren und deren Untiefen. Da macht ihm kaum einer etwas vor.

Aarons Stab mag literarisch etwas angestaubt wirken und Lawrence Ideen und biblische Symbolik mitunter etwas überspannt, dennoch halte ich diesen Roman für lesenswert.
Erstaunlich ist die Tatsache, dass die hier vorliegende Ausgabe des Weidle-Verlages von 2004, die erste deutsche Übersetzung dieses Werkes ist…
Im Anhang ist ein sehr aufschlussreiches Nachwort des Verlegers und Übersetzers Stefan Weidle angefügt, in dem er die Entstehung des Werkes beleuchtet.

Die Buchverarbeitung ist, wie beim Weidle-Verlag gewohnt, sehr ansprechend ausgefallen. Wobei ein farbiges Vorsatzblatt, ein schöner Schutzumschlag und die Fadenheftung zum Standard gehört. Schön, dass es noch Verlage gibt, die qualitativ hochstehende Bücher produzieren!

Wie reinigt man eine LP richtig?

Vinyl-Scheiben sind ja wieder mächtig im Kommen, und auch ich habe meine alten Vinyl-Schätze aus der Versenkung geholt.
Alte LPs weisen oft starke Verschmutzungen in Form von Staub- und Fettablagerungen auf. Da nützt dann auch das Abbürsten mit der klassischen Vinyl-Trockenbürste meistens nicht viel.
Wenn Sie im Internet nach hilfreichen Tipps zu diesem Thema suchen, werden Sie unzählige Beiträge finden. Nicht alle sind seriös und nicht selten kommt das Gefühl auf, dass man wohl eher überteuerte Produkte an den Kunden bringen will, als LPs zu reinigen.

Wie auch immer. Ich dachte, es ist an der Zeit, dass ich den unzähligen Tipps einen weiteren hinzufüge und Ihnen meine Putzmethode vorstelle:

Sie benötigen folgende Komponenten:

  • Putzmittel mit Zerstäuber
  • Putzbürste für Nassgebrauch
  • Ein altes Geschirrtuch
  • Einen dicken Karton (3-4mm)
  • Ein saugfähiges Mikrofasertuch (am besten frottiert)

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Schritt 1

Schneiden Sie aus dem Karton eine runde Scheibe aus, die die Grösse des LP-Labels aufweist. Diese brauchen wir, um das Label während des feuchten Putzvorganges zu schützen.

Schritt 2

Giessen Sie etwas von der Putzflüssigkeit in den Zerstäuber. Ich verwende das Mittel Disco-Antistat Mixture von Knosti. Damit habe ich gute Erfahrungen gemacht. Sie können aber auch jedes andere Putzmittel verwenden, das keine ätzende Stoffe enthält.
Legen Sie die LP auf das alte Geschirrtuch. Während Sie das Label mit dem Karton abgedeckt halten, sprühen Sie die LP leicht mit der Putzflüssigkeit ein.

Schritt 3

Nun folgt der eigentliche Putzvorgang.
Fahren Sie mit der Bürste den Rillen entlang. Je nach Verschmutzungsgrad etwas intensiver bürsten, bis es richtig schäumt.
Nun die Bürste an einem trockenen Tuch abwischen und die LP solange weiter abbürsten, bis das Mittel (Schaum) optisch nicht mehr zu sehen ist. Danach mit einem trockenen Mikrofasertuch den Rillen entlang trockenreiben. Sie können auch jedes andere fusselfreie Tuch verwenden.
Nachdem wir mit der Rückseite ebenso verfahren sind, kann man die LP zum Trocknen auf ein Geschirrtuch legen.

Ich habe mit diesem Verfahren ausgezeichnete Resultate erzielt und kann es deshalb uneingeschränkt weiterempfehlen. Der Kauf von überteuerten LP-Waschmaschinen ist meiner Meinung nach unnötig – es sei denn, man muss Tausende von LPs reinigen, was aber wohl nicht der Normalfall sein dürfte.

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Grundsätzlich denke ich sowieso, dass man LPs nicht übermässig waschen sollte. Wenn man sie während der Benutzung einigermassen anständig behandelt, ist eine solche Wäsche bei neueren LPs sicher nicht notwendig.
Anders sieht es natürlich bei alten Scheiben aus, die zwanzig, dreissig oder mehr Jahre auf dem Buckel haben…
Ein gute Idee ist, meiner Erfahrung nach, die Schallplatte anstatt in die oft einfache Papierhülle in eine plastifizierte Innenhülle zu stecken und so dem lästigen Papierstaub zu entgehen. Ich verwende dafür die Original Master Record Sleeve von MFSL – damit gehört dann auch die statische Aufladung der Geschichte an.
Zusätzlich lege ich meine LPs immer mit dünnen Stoffhandschuhen auf, so ist gewährleistet, dass keine Fettflecke entstehen – wichtig ist natürlich, dass die Handschuhe fusselfrei sind.

Sie finden HIER einen Film mit dem beschriebenen Reinigungsablauf.

Geschichte des Kapuziner-Klosters Rapperswil

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P. Rufin Steimer



© Ausgabe: Verlag: Karl Didierjean / 1927



Zugegeben, es mag etwas verschroben wirken, in einem Buch-Blog ein Sachbuch zu rezensieren, das 1927 erschienen ist.
Tatsache ist aber, dass dieser Buch-Blog meine Leseabenteuer wiedergibt, und die sind nun mal verschroben...

Schon unzählige Male bin ich durchs schöne Städtchen Rapperswil gewandelt und eben so unzählige Male auch am wunderschön gelegenen Kapuziner-Kloster vorbeigekommen. Eigentlich immer habe ich mich bei diesen Gelegenheiten gefragt, was wohl für Geschichten von diesen alten Mauern erzählt werden könnten.
Als ich dann zufällig in einem deutschen Antiquariat über dieses Buch des Kapuzinermönches Rufin Steimer gestossen bin, war klar, dass ich es kaufen und lesen musste.

Pater Rufin ist ein hoch gebildeter und weiser Mann, das wird schon schnell klar, wenn man sich der Lektüre widmet.
Er erzählt uns die ganzen geschichtlichen Zusammenhänge der Region vor der Klostergründung 1604.
Rapperswil zwischen den katholischen Regionen St. Gallen und Schwyz und dem protestantischen Zürich gelegen, hatte von je her eine Pufferfunktion und wurde gerade deshalb auch von einigen Belagerungen und Zerstörungen heimgesucht. Gerade da ein Kloster zu gründen, wurde natürlich von den Zürchern als reine Provokation empfunden. So ist dieser Konflikt mit ein Grund, warum sich die Errichtung des Klosters zehn Jahre (1596-1606) hinzog.

Pater Rufin nimmt den Leser mit über die Jahrhunderte und die wechselhafte Geschichte des Klosters und der Region am oberen Zürichsee. Die politischen Zusammenhänge werden dabei stets ausführlich miteinbezogen, wenn auch etwas tendenziös aus katholischer Sicht.
Spannend sind auch die Beschreibung über die liberalen Geistesströmungen Mitte des 19. Jahrhunderts, die zeitweise beinahe zur Auflösung des Klosters geführt hätten.
Dazwischen gibt es dann auch immer wieder etwas langatmige Ausführungen über die Kostenaufstellung der verschiedenen Bauphasen oder Konflikte mit der Bürgergemeinde Rapperswil, die auf den heutigen Leser etwas ermüdend wirken können.

Alles in allem habe ich aber vieles gelernt über die Geschichte dieser Region und auch über den Kapuzinerorden und dessen Bestrebungen. Was ich zuweilen vermisst habe, sind etwas persönlichere Einblicke in den Klosteralltag, der so gut wie gar nicht beschrieben wird.

If You Could Read My Mind

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Gordon Lightfoot



© FridayMusic / 2015

Aufgenommen: 1970 / Reprise Records

Genre: Folk / Singer/Songwriter
Format: Vinyl LP 180g

Joe Reagoso hat im Auftrag von FridayMusic das fünfte Studio-Album von Gordon Lightfoot neu gemastert. Glücklicherweise konnte er mit den originalen Mastertapes von 1970 arbeiten.

Als dieses Album 1970 erschien, trug es noch den Namen „Sit Down Young Stranger“, nach dem riesigen Erfolg von „If You Could Read My Mind“ wurde es umbenannt.

Lightfoot hat ein unnachahmliches Gespür für harmonisch schöne Arrangements, und so lädt dieses Album dann auch zum Träumen und Entspannen ein.
Der erste Höhepunkt findet sich auf Seite A mit der Cover-Version des Kris Kristofferson Songs „Me and Bobby McGee“. Lightfoot versteht es wunderbar, dem Song eine ganz eigene Note zu verleihen. Unterstützt wird er bei diesem Vorhaben von Ry Cooder, der mit seiner Bottleneck-Gitarre das Seine dazu beiträgt. Der Song wirkt dadurch lebendiger als die Original-Version, kann aber die lässig bluesige Cover-Version von Janis Joplin nicht vom Thron stürzen.
Die eigentlichen Höhepunkte des Albums sind allerdings auf der B-Seite zu finden. Allen voran natürlich das eingangs erwähnte und wohl allgemein bekannte „If You Could Read My Mind“, das auch heute noch so zeitlos schön klingt, wie vor vierzig Jahren. Nicht ganz unschuldig daran ist sicherlich das sehr aufwändige Streicherarrangement, das dem Song eine zusätzliche Tiefe verleiht.
Beim darauffolgenden mitreissenden „Baby It‘s Allright“, handelt es sich um ein Blues-Folk-Song mit wunderbarem Groove. Während es sich bei „Your Love‘s Return“ wieder um eine der typischen Lightfoot-Balladen handelt, die seine ganz eigene Handschrift aufweist.

Alles in allem ein getragenes, harmonisches Album, das zwar mit einem gewissen Pathos daher kommt, aber auch immer wieder durch gekonnte Schlichtheit überzeugen kann. Vielleicht nicht Lightfoots bestes Album, aber ein Album, das in jede gute Musiksammlung gehört, und auf das so mancher weniger talentierte Songwriter mächtig stolz sein dürfte...

Zum Klang dieser neuen Veröffentlichung ist zu sagen, dass ich mir durch das neue Mastering etwas mehr erhofft hatte.
Die Bässe sind sehr dezent und tragend, die Höhen einigermassen gut. Allgemein wirkt der Sound aber leicht dumpf.
Die Ausstattung ist recht spartanisch gehalten, Songtexte sucht man vergebens, Komponisten-Angaben fehlen völlig...

Titelverzeichnis

Seite A

  1. Minstrel of the Dawn
  2. Me and Bobby McGee
  3. Approaching Lavender
  4. Saturday Clothes
  5. Cobwebs & Dust
  6. Poor Little Allison

Seite B

  1. Sit Down Young Stranger
  2. If You Could Read My Mind
  3. Baby It's Alright
  4. Your Love's Return
  5. The Pony Man

...mit Säbel und Koran

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Jörg-Dieter Brandes



Saudi-Arabien oder der Aufstieg der Königsfamilie Saud und der Wahabiten.



© Ausgabe: Jan Thorbecke Verlag, Stuttgart / 1999


Jörg-Dieter Brandes ist ein profunder Kenner des nahen Ostens und beschreibt im vorliegenden Werk nicht nur den Aufstieg der Familie Saud, sondern geht zurück bis in die Anfänge des Islams.

Brandes beschreibt sehr anschaulich die wechselhafte Geschichte sowie die Wanderbewegungen der vielen Beduinenstämme.
Nebst den grossen historischen Zusammenhängen, wird der Leser aber durchaus auch mit kleinen, wissenswerten Details bedient. So lernt man ganz zu Beginn, dass „Allahu akbar“ eben nicht, wie vielfach und oft falsch übersetzt, „Allah ist gross“ heisst, sondern Allah ist „grösser“, woraus sich dann schon interessante philosophische Gedanken spinnen lassen.

Die äusserst wechselhafte Geschichte der arabischen Halbinsel ist unwahrscheinlich komplex und für Zentraleuropäer beinahe undurchschaubar. Dabei macht es die Tatsache, dass viele arabische Herrscher oder Regenten den selben Namen tragen auch nicht einfacher. Brandes versteht es aber ausgezeichnet, die verwirrenden Verläufe der Geschichte sehr anschaulich und in einer bildhaften Sprache wiederzugeben. Wobei zuweilen sogar etwas Humor in seinen Beschreibungen liegt und die an sich gewalttätigen Ereignisse etwas erträglicher macht.
Jörg-Dieter Brandes stellt uns die wichtigen Figuren der arabischen Geschichte vor, wie etwa Mohammed ibn Abdul Wahab, auf dessen Lehren sich die Wahabiten berufen. Die Entstehung des Gottesstaates wird beschrieben und die daraus entstehenden Konflikte im zentralarabischen Raum. Einer dieser Konflikte rückte im 18. Jahrhundert das heutige Saudi-Arabien erstmals auch in den Fokus der damaligen Grossmacht Grossbritannien und des Osmanischen Reiches.
Dem eigentlichen Staatsgründer Abd al-Aziz ibn Saud wird aus naheliegendem Grund viel Raum zugestanden. Eines wird bei der Lektüre aber klar, die Geschichte Saudi Arabiens beginnt nicht mit ibn Saud sondern reicht bis weit ins 15. Jahrhundert zurück.

Alles in allem habe ich viel gelernt bei diesem Werk. Es war spannend zu lesen, äusserst unterhaltsam verfasst, ohne es aber an der nötigen Tiefe fehlen zu lassen. Will man einen Kritikpunkt anbringen, könnte man feststellen, dass das Buch die Sozialgeschichte Saudi-Arabiens komplett weglässt und sich weitestgehend auf die militärischen, beziehungsweise kriegerischen Bereiche der Geschichtsschreibung beschränkt.
Fakt bleibt, dass einem nach der Lektüre einige Zusammenhänge der heutigen Ereignisse im gesamten Nahen Osten um einiges klarer werden. Auch die Entstehung von fanatischen, religiösen Gruppierungen ist bei Leibe keine „Erfindung“ der Neuzeit, sondern begründen sich auf einer langen und blutigen „Tradition“.
Alles in allem also ein Rückblick, der einem die Gegenwart verständlicher macht; mehr kann man von einem guten Geschichtswerk denn auch kaum verlangen.

Same Trailer Different Park

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Kacey Musgraves



© Mercury Nashville / 2013

Format: Standard CD


Kacey Musgraves gilt als neuer Star am US-Country-Himmel.
Wenn man sich dieses Album anhört, kommt das nicht von ungefähr. Musgraves besticht durch ein gutes Gespür für gefällige Refrains und gute Harmonien. Die Texte sind ebenfalls recht ansprechend, was ja nicht gerade ein übliches Markenzeichen gegenwärtiger Countrymusik darstellt.
Der grosse Durchbruch kam mit dem auf diesem Album befindlichen Song, „Merry Go `Round“, der schon kurz nach Erscheinen in den US-Country-Sendern in Dauerschlaufe lief. Obwohl der Song ohne Frage bemerkenswert ist, gibt es Besseres auf diesem Album.
Das sehr klassische, mit schönen Mundharmonikaeinlagen versehene „My House“, zum Beispiel, hat es mir angetan. Oder auch der Song „Follow Your Arrow“ verbreitet eine gute Stimmung.
Wir haben es hier aber nicht mit reiner Countrymusik zu tun. Wie schon berühmte Vorgängerinnen Shania Twain oder Taylor Swift es vorgemacht haben, bedient sich Kacey Musgraves verschiedener Elemente aus Country Folk, Blues Rock und Country Pop.
Zuweilen mag das Album etwas zu durcharrangiert und glattgebügelt wirken, gleichwohl ist immer wieder ein erfreulich frischer Wind zu spüren.
Die Tatsache, dass Musgraves bei allen Songs als Co-Autorin und Co-Produzentin auftritt, spricht zudem für sich.
In den USA wird sie als Erbin von Dolly Parton und Loretta Lynn gehandelt. Für mich ein etwas gewagter Vergleich. Tatsache ist aber, dass Kacey Musgraves ohne Frage frischen Wind in die amerikanische Country-Szene gebracht hat. Ob sie diesen recht hohen Standard, den sie mit „Same Trailer Different Park“ gesetzt hat, halten oder gar übertreffen kann, wird die Zukunft zeigen...

Die klangliche Qualität der CD ist recht beachtlich. Die Höhen wie auch die Bässe wirken ausgewogen und stimmig. Die Räumlichkeit lässt es etwas an Transparenz vermissen.

Titelverzeichnis:

01 Silver Lining
02 My House
03 Merry Go 'Round
04 Dandelion
05 Blowin' Smoke
06 I Miss You
07 Step Off
08 Back On The Map
09 Keep It To Yours
10 Stupid Stupid
11 Follow Your Arrow
12 It Is What It Is

Maggie Yellow Cloud: Mord auf Pine Ridge

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Brita Rose-Billert




© Ausgabe: Traumfänger Verlag, Hohenthann-Schönau / 2011


Die junge Lakota-Ärztin Maggie Yellow Cloud arbeitet im Pine Ridge Indian Hospital, in der gleichnamigen Reservation.
Eines Tages wird ihr Schwager ermordet. Sowohl die Stammespolizei wie auch das FBI tappen im Dunkeln.
Maggie versucht sich durch Arbeit von diesem traumatischen Ereignis abzulenken. Als aber immer mehr Medikamente und Verbandsstoff aus der Notaufnahme verschwindet und sie diesem Verschwinden auf den Grund gehen will, findet sie Hinweise, die mit dem Mordfall in Zusammenhang stehen.
Sie beginnt auf eigene Faust zu ermitteln und begibt sich dabei in grosse Gefahr…

Obwohl der Verlag es als Thriller anpreist, haben wir es hier mit einem eher lahmen Ethno-Krimi zu tun, und selbst der kommt erst nach etwa sechzig Seiten so langsam in die Gänge. Wirklich spannend wird es aber auch dann nur selten. Auch der ethnologische bzw. sozialkritische Teil ist nur etwas für Leute, die sich noch nie mit der indigenen Gegenwart in Nordamerika beschäftigt haben. Dem Leser wird bald klar, dass die Pine Ridge Reservation hier nur als Kulisse missbraucht wird.
Die Figuren besitzen keine Tiefe oder Charakter, die Beschreibungen wirken aufgesetzt und blutleer. Zudem strotzt die Geschichte vor grauenvollen Klischeevorstellungen und platten Handlungsabläufen, die man so eigentlich nur aus Telenovelas kennt.
Telenovela ist ein gutes Stichwort, wenn man die Sprache in diesem kleinen Büchlein beschreiben möchte. Vor allem die Dialoge sind voller Allgemeinplätze und abgedroschenen Redewendungen. Alles in allem seicht und banal. Ich habe wirklich keine grosse Literatur erwartet, aber meine Schmerzgrenze nach unten wurde arg strapaziert. Ab und an kam mir auch der Verdacht, dass hier wohl kein allzu seriöses Lektorat stattgefunden haben konnte, zumal in gewissen Sätzen sogar Wörter fehlen.

Fazit: Für mich eine absolute Enttäuschung. Die Geschichte ist vorhersehbar, nur bedingt spannend oder unterhaltsam und vollgestopft mit Klischees. Wer gute Ethno-Krimis lesen möchte, sollte sich etwas von Tony Hillerman besorgen und seine Zeit nicht mit diesem Werk vertun…

Belafonte Sings The Blues

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Harry Belafonte



© Impex Records / 2010

Aufgenommen: 1958 (RCA Victor)

Format: 24K Gold-CD

Als Harry Belafonte 1958 in New York ins Aufnahmestudio ging, war er bereits ein Star.
Seine Karriere begann er mit populären Jazz-Standards, die ihm aber wenig Erfolg einbrachten. Nachdem er die Folkmusik für sich entdeckte und mit gutem Gespür für Timing und Effekt anfing karibische Folkstücke neu zu arrangieren, gelang ihm der Durchbruch. Bald galt er als König des Calypso, was ihm aber selber gar nicht so recht war, wurde er dadurch doch beträchtlich auf einen ganz bestimmten Stil festgelegt.
Mit der Motivation, mal was ganz anderes zu versuchen, nahm er 1958 in New York und später noch in Hollywood das Album „Belafonte Sings The Blues“ auf. Wie der Titel schon offenlegt, ein Blues-Album.
Wer Harry Belafonte nur mit seinen bekannten Stücken wie: „Jamaica Farewell“ oder „Day O“ kennt, wird erstaunt sein über das hier zu Hörende. Harrys Stimme ist ebenso zurückhaltend, wie das ganze Arrangement der Stücke, die nicht alle reine Blues-Stücke sind, sondern zum Teil zu Blues-Nummern umgeschrieben wurden.
Das gesamte Album ist sehr getragen und unaufgeregt. Umso mehr fällt Harrys Stimmgewalt auf. Die Atmosphäre des Albums wirkt sehr entschleunigend auf den Zuhörer. Dieser Höreindruck wird durch die hervorragende neue Digitalisierung durch Impex Records noch unterstützt. Man hat es ausgezeichnet verstanden, den warmen und beeindruckenden Klangteppich der Originalaufnahme zu erhalten. Mir sind nicht viele Aufnahmen bekannt, die beinahe sechzig Jahre auf dem Buckel haben, und gleichzeitig noch so frisch und transparent klingen.

Für mich persönlich bildet der Song „Cotton Fields“, im Original von Huddie William Ledbetter, den Höhepunkt dieses sehr stimmigen und einzigartige Belafonte-Albums.

Sollten Sie Blues mögen und eine andere Seite von Harry Belafonte kennenlernen wollen, sind sie hier genau richtig!

Titelverzeichnis:

  1. A Fool For You
  2. Losing Hand
  3. One For My Baby
  4. In The Evenin' Mama
  5. Hallelujah I Love Her So
  6. The Way I Feel
  7. Cotton Fields
  8. God Bless The Child
  9. Mary Ann
  10. Sinner's Prayer
  11. Fare Thee Well

Der grüne Blitz

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Jules Verne



Originaltitel: Le Rayon-vert / 1882

© Deutsche Ausgabe: Mare Verlag / 2013

HANDLUNG

Helena Campbell lebt in der Nähe von Glasgow bei ihren Onkeln Sib und Sam Melvill, von denen sie auch aufgezogen wurde.
Als sich Sib und Sam in den Kopf setzen Helena zu verheiraten, weigert sich Helena. Erst wolle sie den „grünen Blitz“ sehen, ein Naturphänomen, das unter bestimmten Voraussetzungen beim Sonnenuntergang zu beobachten ist. Vorher käme eine Heirat nicht in Frage.
Auf der Suche nach dem geeigneten Ort an der schottischen Westküste, macht Helena auf dramatische Weise Bekanntschaft mit Olivier Sinclair.
Wer den grünen Blitz gesehen hat, wird sich in Gefühlsangelegenheiten nicht mehr täuschen lassen, besagt die Legende, und dies scheint sich in Helenas Fall zu bewahrheiten…

REZENSION

Die zum Spätwerk zählende Geschichte „Der grüne Blitz“ ist alles andere als ein typischer Jules-Verne-Roman. Es gibt keine futuristischen Erfindungen wie U-Boote, Mondraketen oder dergleichen. Auch weisst die Story keinerlei Science-Fiction-Elemente auf. Vielmehr haben wir es hier mit dem ersten und einzigen Liebesroman aus Vernes Feder zu tun.
Erzählt wird die Geschichte der selbstbewussten jungen Helena nicht ohne Schalk. Wobei dem Leser schon sehr schnell klar wird, wohin die Reise gehen wird. Der eigentliche Heiratskandidat Aristobulus Ursiclos, wird von Beginn an derart plump und als pedantischer Langweiler eingeführt, dass keinerlei Zweideutigkeiten aufzukommen drohen.
Der Roman ist aber mehr als eine einfache Liebesgeschichte, vielmehr eine Huldigung an die schottische Literatur und Landschaft. Die Hebriden werden derart genau beschrieben, dass man aufgrund dieses Romans problemlos seine nächste Schottlandreise planen könnte.

So haben wir schlussendlich eine einfache, sprachlich schön beschriebene, romantische Liebesgeschichte, eingepackt zwischen einem wissenschaftlichen Naturphänomen und tosender Meeresbrandung.
Der Autor hat es verstanden, eine sehr ruhige, fast entschleunigte Erzählform zu finden, die zu keiner Zeit langweilig wird.
Sicher nicht der beste Roman Jules Vernes, aber ebenso nicht sein schlechtester…

VERARBEITUNG

Die deutsche Ausgabe aus dem Mare Verlag wurde passend mit einem grünen Leineneinband versehen und fadengeheftet. Zusammen mit dem stabilen und schön gestalteten Schuber und den Kupferstichen der Originalausgabe von 1882, haben wir es hier mit einer wahren Prachtausgabe zu tun.
Mit der Neuübersetzung gelingt es Cornelia Hasting ausgezeichnet, die Sprache des 19. Jahrhunderts behutsam in die Gegenwart zu retten.

Made For Pleasure

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The New Mastersounds



© Légère Recordings / 2015

Medium: Standard-LP


Ist Ihnen das auch schon passiert, dass Sie auf einer Homepage nach etwas Bestimmtem gesucht und dann etwas ganz anderes gefunden haben?
Also, ich war kürzlich auf der Suche nach einer LP von Bobby Gentry. Ich gab den Namen ins Suchfenster ein - und dann kam eine einzige LP: The New Mastersounds.
Ich war etwas verwirrt, was hat das mit Bobby Genry zu tun? Nun, die Antwort war denkbar einfach: Nichts!
Da ich noch nie etwas von einer Band mit dem Namen The New Mastersounds gehört hatte und mich zudem der Titel ansprach, habe ich es mir dann etwas genauer angesehen und schliesslich gekauft. Den Mutigen gehört die Welt, oder so...

Was ich dann zu hören bekam, hat mich ziemlich umgehauen. Die Mischung aus Jazz, Funk und Reggae ist wirklich cool und mitreissend. Reine Instrumentalstücke wechseln sich ab mit Gesangsstücken. Das klingt alles sehr durchdacht und gut arrangiert.
Ein breites Grinsen im Gesicht hatte ich bei der Cover-Version des Songs „Fancy“, im Original von der australischen Rapperin Iggy Azalea geschrieben. Daraus haben die Leute von The New Mastersound ein originell klingendes Reggae-Stück gemacht. Der typische Reggae-Rhythmus wird durch Bläser und Elektrogitarren unterstützt.
Ebenso gut gefällt mir das Instrumentalstück „Cigar Time“, das mich sehr stark an Wes Montgomerys lockeres Gitarrenspiel erinnert.

Alles in allem ein Blindkauf, den ich keine Sekunde bereut habe. Ein Hoch auf die unzulänglichen Suchmaschinen!

Ein kleiner Negativpunkt gibt es dennoch zu erwähnen: Die LP klingt recht dumpf und in den Höhen nicht so sauber, wie man das von modernen Produktionen eigentlich erwarten könnte. Vielleicht ist das aber auch gewollt und es wurde versucht, passend zur Musik, eine Art 70er-Feeling aufkommen zu lassen...

Titelverzeichnis:

A-Seite
  1. Made For Pleasure
  2. High & Wide
  3. Enough Is Enough
  4. Fancy
  5. Cigar Time

B-Seite
  1. Joy
  2. Sitting On My Knees
  3. Let's Do Another
  4. PHO Baby
  5. Just Gotta Run

Meine Tochter Amy

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Mitch Winehouse



Originaltitel: Amy, My Daughter / 2012

© Deutsche Ausgabe: Edel Books / 2012


Es ist immer etwas heikel, wenn engste Familienangehörige eine Biografie verfassen. Dies deshalb, weil die nötige Distanz zur biografierten Person fehlt, was einer objektiven Beschreibung im Weg steht.

Grundsätzlich trifft diese Feststellung auch auf die vorliegende, von ihrem Vater verfasste, Amy Winehouse-Biografie zu. In diesem Fall kommt noch erschwerend hinzu, dass Mitch Winehouse dieses Werk wohl aus therapeutischen Gründen verfasst hat, um über den Verlust hinwegzukommen und sich in der Öffentlichkeit zu rechtfertigen, alles für seine Tochter getan zu haben.
So erstaunt es dann auch nicht weiter, dass er selbst fast mehr im Zentrum der Biografie steht, als seine Tochter Amy. Hat man sich als Leser erst mal auf diese Perspektive eingelassen, hat das Buch durchaus auch Interessantes zu bieten.

Die Kindheit wird relativ rasch abgehandelt, enthält aber einige interessante Charakterstudien und Anekdoten, die einem ein recht gutes Bild der kleinen Amy vermitteln.
Ihr Weg zur Musik wird ebenfalls sehr anschaulich, wenn auch sehr kurz, aufgezeigt. Da Amy wohl sehr verschlossen war, was ihre Musik anbelangte, erfahren wir über die Entstehung ihres Erstlingswerkes „Frank“ sehr wenig. Überhaupt nimmt die künstlerische Entfaltung mit den daraus entstehenden Werken einen eher bescheidenen Raum ein. Klar im Zentrum dieser Veröffentlichung steht Amys Drogensucht und das anschliessende Alkoholproblem. Mitch Winehouse räumt diesem Thema ausserordentlich viel Platz ein und lässt erahnen, wie traumatisch es für den Vater und die ganze Familie gewesen sein muss, zuzusehen wie Amys Leben zunehmend ausser Kontrolle geriet.
So richtig sein Fett weg kriegt auch sein damaliger Schwiegersohn Blake Fielder-Civil, dem Mitch Winehouse die Hauptverantwortung für Amys Heroinabhängigkeit zuspricht.
Alles in allem wird man mit zunehmender Lesedauer den Verdacht nicht los, dass hinter Mitch Winehouses Beteuerungen, alles für seine Tochter getan zu haben, ein Schuldgefühl steht, ausgelöst durch die Vermutung, dass dem eben nicht so war…

Die Sicht des Vaters ist durchaus interessant. Allerdings eben auch äusserst tendenziös. Wer etwas über die geniale Sängerin und Songwriterin Amy Winehouse erfahren möchte, wird wohl mit dieser Veröffentlichung nicht wirklich glücklich werden.
Wer sich aber für die dunkle Seite ihrer Karriere interessiert und einen eindrücklichen Bericht über ihre letzten Jahren lesen möchte, ist hier richtig.