Grossbritannien

The King's Speech - Die Rede des Königs

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Originaltitel: The King’s Speech

Regie: Tom Hooper
Musik: Alexandre Desolat
Drehbuch: David Seidler

Produktion: © Sea-Saw Films / Bedlam Productions
Kamera: Danny Cohen
Schnitt: Tariq Anwar

Grossbritannien, USA, Australien / 2010

Hauptdarsteller: Colin Firth, Geoffrey Rush, Helena Bonham Carter…u.a.


HANDLUNG

Albert, der zweitälteste Sohn des englischen Königs George V., leidet darunter, dass er stottert und kaum einen Satz ohne Unterbruch zustande bringt.
Da er von seinem strengen Vater immer wieder zu öffentlichen Auftritten verdonnert wird, sucht er schliesslich den Sprachtrainer Lionel Logue auf, der ihm dabei helfen soll, endlich ohne zu stottern zu sprechen.
Als sein Vater stirbt und der älteste Sohn abdankt, um eine bürgerliche Amerikanerin zu heiraten, ist für Albert die schlimmstmögliche Wendung eingetreten: Er wird 1937 zum König George VI. ernannt.
Die eigentliche Bewährungsprobe für ihn findet aber im Jahre 1939 statt. Er soll via Radio zu seiner Nation reden, um sie auf den herannahenden Krieg vorzubereiten - mit Lionel an seiner Seite, stellt er sich der Herausforderung…

REZENSION

„The King’s Speech“ wurde 2011 förmlich mit Oscars überhäuft. Dies ist insofern bemerkenswert, da in der Regel so ruhige und zurückhaltend inszenierte Streifen im grossen Oscar-Getümmel eher untergehen. Dazu kommt, dass es sich hier weder um eine umfassende Biopic über König George VI. handelt, noch die politischen oder wenigsten privaten Hintergründe übermässig ausführlich behandelt werden.
Aber vielleicht ist es eben gerade die Tatsache, dass sich das Drehbuch zu keiner Zeit verhaspelt und die Story konsequent dem einen roten Faden der Geschichte folgt. Dies geschieht mit einer derart bemerkenswerten Ruhe und Ernsthaftigkeit in der Inszenierung und einer schauspielerischen Präsenz, dass man sich als Zuschauer dem Geschehen kaum zu entziehen vermag.
„The King’s Speech“ ist ein bemerkenswerter Film, wie es ihn nur alle paar Jahre mal gibt, und bei dem einfach alles wie in einem perfekten Uhrwerk zusammenspielt. Dies betrifft sowohl die schauspielerische Umsetzung, wie auch die Inszenierung, die an Timing und Schlüssigkeit keine Wünsche offen lässt.

Es mag nur ein kleines historisches Versatzstück sein, das die grossen Zusammenhänge ausblendet - und macht gerade deshalb neugierig auf mehr…

Fazit: Wenn Sie etwas mit Historienfilmen am Hut haben oder einfach wieder einmal einen wirklich gut umgesetzten und stimmigen Film sehen möchten, sind sie hier genau richtig. Kann ich weiterempfehlen!

Mr. Turner - Meister des Lichts

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Originaltitel: Mr. Turner

Regie: Mike Leigh
Musik: Gary Yershon
Drehbuch: Mike Leigh

Grossbritannien / 2014

Hauptdarsteller: Timothy Spall, Paul Jesson, Marion Bailey, Dorothy Atkinson…u.a.


HANDLUNG

Wir lernen in dieser Filmbiografie den Maler William Turner (1975-1851) näher kennen, wobei der Fokus auf die letzen 25 Lebensjahre gelegt wird.
Turner war alles andere als ein einfacher Zeitgenosse. Verschroben, mürrisch und unnahbar begegnet er seiner Umwelt. Nur in seinem Atelier oder unterwegs mit seinem Skizzenbuch konnte er aus sich herausgehen.
Seine getriebene Art wird nach dem Tod seines Vaters noch exzessiver. Mehr und mehr entfernt er sich mit seiner Malerei von der realen Darstellung und stösst damit in der Öffentlichkeit auf Unverständnis, die schliesslich in Hohn mündet.
Turner versucht, aus seinem Alltag zu fliehen. Als sich das anfängliche Verhältnis zur Witwe Sophia Booth zu einer Beziehung entwickelt, beginnt Turner ein Doppelleben zu führen, von dem bis zu seinem Tod niemand weiss…

REZENSION

Mike Leigh hatte schon in seinem letzten Werk „Another Year“ bewiesen, dass er ein unglaublich gutes Gespür für langsame Inszenierungen hat.
Turner lebte in einer aufregenden Zeit, in der neue Technologien wie die Eisenbahn oder der Fotoapparat zu markanten Veränderungen führten. Auch seine Malerei war modern, für manchen Zeitgenossen wohl zu modern.
Der Film ist sehr bedächtig inszeniert und gibt den Schauspielern Raum zur Entfaltung. Es ist spannend, den Figuren bei ihrer Entwicklung zuzusehen. Dank dieser vorsichtigen und behutsamen Herangehensweise wirken die Bilder für sich und werden lediglich durch Dialoge unterstützt. Oft reicht ein Blick oder eine Geste, um das Wesentliche auszudrücken.
Ein dezenter Streifen, auf dem man sich einlassen muss und, der so manch gestressten Zuschauer durch seine Bedächtigkeit wohl auch auf die Palme bringen kann…
Mit beträchtlichem Aufwand wird das frühe 19. Jahrhundert zum Leben erweckt. Dies gelingt durch hervorragend gewählte Drehorte und anspruchsvolle Kulissen, die den Film sehr authentisch rüber bringen. Dazu kommt eine Kameraführung, die unter anderem durch extrem schöne Landschaftsaufnahmen beeindruckt.

Zugegeben, der Film lässt zum Schluss mehr Fragen offen, als er beantwortet, aber es wäre auch etwas vermessen, von einer Filmbiografie etwas anderes zu erwarten. Mir hat er sehr gefallen, und ich kann ihn allen empfehlen, die etwas mit Malerei am Hut haben oder gerne gut umgesetzte Historienfilme sehen.

Stolz und Vorurteil

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Originaltitel: Pride & Prejudice

Regie: Joe Wright
Musik: Dario Marianelli
Drehbuch: Deborah Moggach

Frankreich, Grossbritannien / 2005

Hauptdarsteller: Keira Knightley, Matthew Macfadyen, Rosamund Pike, Donald Sutherland...u.a.


HANDLUNG

Mrs. Bennets Lebensziel scheint es zu sein, alle ihre fünf Töchter schnellst und bestmöglich zu verheiraten. Dies sehr zum Missfallen ihrer zweitältesten Tochter Lizzie, die Männer grundsätzlich als etwas rückständig und anstrengend erachtet.
Die Bekanntschaft mit dem sehr stolz wirkenden Mr. Darcy scheint ihre Vorurteile nur noch zu bestärken. Doch mit der Zeit bemerkt Lizzie, dass nicht alles so ist, wie es scheint und sie versuchen sollte, ihre Vorurteile zu überwinden...

REZENSION

Ich bin der Ansicht, dass man einen Roman von Jane Austen ebenso wenig verfilmen kann wie die Werke von Virginia Woolf.
Dennoch wird es jedoch mit schöner Regelmässigkeit gemacht.
Was dabei herauskommt, ist in den meisten Fällen eine etwas einfach gestrickt wirkende Liebesgeschichte, die im Einzelfall auch Anzeichen einer Telenovela aufweisen kann. Das deshalb, weil man die ganzen Tiefen der Austen-Figuren nur schwerlich zeigen kann, ebenso wie die psychologischen Verwicklungen und inneren Konflikte. Was dann übrig bleibt, ist meist eine ziemlich oberflächliche Geschichte.
Die hier vorliegende Verfilmung von „Pride & Prejudice“ macht da im Grossen und Ganzen keine Ausnahme. Die Umsetzung wirkt etwas weichgespült. Mr. Bennet ist nicht so zynisch und Mrs. Bennet nur ansatzweise so hysterisch wie in der Buchvorlage. Auch der Hauptfigur Lizzie fehlt der typische Charme und die witzige Pfiffigkeit des Originals.
Betrachtet man den Film aber mal völlig autark, findet sich auch Gutes: Man hat sich redlich bemüht, das Lokalkolorit des 18. Jahrhunderts aufleben zu lassen. Die Dialoge sind zuweilen witzig und originell. Die schauspielerische Leistung weiss zudem zu gefallen, und die Landschaftsaufnahmen sind wunderschön.
Alles in allem also ein unterhaltsamer Streifen, der für sich betrachtet durchaus zu geniessen ist...

Fazit: Wer damit leben kann, dass die sozialkritischen Elemente aus Jane Austens Romanvorlage gestrichen wurden, wird an dieser Verfilmung gefallen finden.

Lachsfischen im Jemen

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Originaltitel: Salmon Fishing in the Yemen


Regie: Lasse Hallström
Musik: Dario Marianelli
Drehbuch: Simon Beaufoy

Grossbritannien / 2011

Hauptdarsteller: Ewan McGregor, Emily Blunt, Amir Waked…u.a.


HANDLUNG


Scheich Muhammad hat die exzentrische Idee, im Jemen die Lachsfischerei einzuführen. Er beauftragt die Anwältin Harriet Chetwode-Talbot, den anerkannten Fischereiexperten Alfred Jones für das Projekt zu gewinnen. Dieser lehnt aber das in seinen Augen unsinnige Anliegen ab. Erst als die britische Regierung, die in diesem Unternehmen ein Prestige trächtiges Projekt zu erkennen glaubt, Druck auf ihn ausübt, erklärt er sich zur Mitarbeit bereit.
Die Anwältin und der Fischexperte kommen sich näher, und plötzlich scheint auch das Projekt nicht mehr so unmöglich zu sein, wie anfänglich gedacht…

REZENSION

Die recht originelle Grundidee dieses Filmes funktioniert vor allem in der ersten Stunde sehr gut. Sarkastisch-ironische Wortgefechte, und die erfrischende Spielweise von McGregor und Blunt machen den Streifen kurzweilig und unterhaltsam. Die zweite Filmhälfte relativiert das Ganze dann leider etwas. Die Liebesgeschichte wird etwas gar holzschnittartig dargestellt, und auch textlich mag die zweite Hälfte nicht mehr so ganz mithalten. Was am Schluss bleibt, ist ein unterhaltsamer Film, der aber wohl mehr wegen den wirklich schönen Landschaftsaufnahmen in Erinnerung bleiben wird, als wegen einer gelungenen Story...

Ein unterhaltsamer Streifen, der zwar einige inhaltliche Mängel aufweist, aber trotzdem sehenswert und amüsant bleibt.

Gedreht wurde übrigens nicht im Jemen, sondern in Marokko.

Kabinett ausser Kontrolle

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Originaltitel: In the Loop

Regie: Armando Iannucci
Musik: Adem Ilhan
Drehbuch: Armando Iannucci

Grossbritannien / 2009

Hauptdarsteller: Peter Capaldi, Tom Hollander, Chris Addison, Anna Chlumsky..u.a.


HANDLUNG

Der britische Entwicklungsminister Simon Foster ist alles andere als geschickt im Umgang mit der Presse. So äussert er sich in einem BBC-Interview zum drohenden Einmarsch im Irak sehr ungeschickt und bringt dadurch den Kommunikationsdirektor des Premierministers gegen sich auf.
Simon Foster versucht seinen Fauxpas ausbügeln und will in einem internationalen Meeting seinen Standpunkt richtigstellen. Seine unbeholfene Art führt zu noch mehr Verwirrung und der Konflikt zwischen Kriegsgegnern und -befürwortern spitzt sich zu.
Foster wird sowohl von der einen, wie auch von der anderen Seite manipuliert und ausgenützt. Als die verschiedenen Ränkespiele schliesslich zum Kriegseintritt führen, wird Simon Foster als Bauernopfer fallengelassen.

REZENSION

Was hätte man aus dieser wunderbaren Grundgeschichte nicht alles herausholen können! Leider ist der Film aber in jeder Beziehung übermotiviert.
Es wurde viel zu viel ins Drehbuch gepackt, dadurch wirkt der Streifen völlig überladen. Dazu kommt, dass es so viele Figuren gibt, dass es unmöglich ist, auch nur eine davon vertieft darzustellen, was wiederum dazu führt, dass die Geschichte markant an Gehalt und Glaubwürdigkeit verliert.
Sämtliche Protagonisten werden zudem entweder als durchgeknallte Choleriker, rückgratlose Wendehälse oder schlicht naive Deppen dargestellt. Natürlich gibt es Politiker, die in diese Kategorien gehören, wenn aber sämtliche Figuren so drauf sind, verliert die Geschichte extrem an Authentizität.
Wer noch die geniale BBC-Serie aus den 80er-Jahren „Yes Minister“ kennt, kann erahnen wie viel Potential bei dem hier vorliegenden Werk verschenkt wurde.
Ich bin ein grosser Fan des britischen schwarzen Humors, und auch für Satire und groteske Komödien bin ich stets zu haben. Was die Macher von „In the Loop“ aber ignoriert haben, ist die Tatsache, dass erwachsene Menschen, die sich 100 Minuten lang Fäkalausdrücke an den Kopf werfen, keineswegs satirisch wirken, und mit schwarzem Humor hat das ebenso wenig zu tun.
Eines muss ich noch zur deutschen Synchronisation los werden: Die ist wirklich grauenvoll. Die Stimmen passen nicht zu den Figuren, die Sprache wirkt gekünstelt aufgesetzt und die Hintergrundgeräusche wurden grösstenteils weggelassen, was die Atmosphäre völlig kaputt macht. Da der ganze Streifen im Dokumentarstil gedreht wurde, wirkt diese stummfilmartige Hintergrundumsetzung zusätzlich grotesk und zerstört die Bemühung um Glaubhaftigkeit, bevor sie zur Wirkung kommt...

Another Year

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Originaltitel: Another Year

Regie: Mike Leigh
Musik: Gary Yershon
Drehbuch: Mike Leigh

Grossbritannien / 2010

Hauptdarsteller: Jim Broadbent, Ruth Sheen, Lesley Manville, Oliver Maltman…u.a.

HANDLUNG

Das ältere Ehepaar Tom und Gerri leben glücklich und zufrieden in ihrem kleinen Haus. Ihr Heim ist eine Oase des Friedens und ihre Ehe verläuft ausgesprochen harmonisch. Das wird auch von der unglücklichen Mary so empfunden, die sich in regelmässigen Abständen bei den beiden einfindet. Sie ist auf der Suche nach einem Mann und hat ein Auge auf Joe, den Sohn von Tom und Gerri geworfen. Joe zeigt aber keinerlei Interesse an Mary, was zu einem Konflikt und schliesslich sogar zum Bruch mit Tom und Gerri führt. Als dann noch die Ehefrau von Toms Bruder verstirbt, treten ganz andere Probleme in den Vordergrund.
Die Geschichte ist nach Jahreszeiten aufgeteilt, die nicht nur das fortschreiten der Zeit symbolisieren, sondern auch die Vergänglichkeit des Lebens…

REZENSION

Eine wunderbare kleine Filmperle. Ich mag Filme, in denen einem nicht alles vorgekaut und auf dem Silbertablett serviert wird. Der Streifen besticht aber nicht nur durch ein exzellentes Drehbuch, sondern auch durch wirklich gute Dialoge - Wobei das Nichtgesagte mindestens ebenso gewichtig ist, wie das Ausgesprochene. Was einen dann endgültig umhaut, ist die schauspielerische Leistung, die ich schlicht als genial bezeichnen würde. Wahrlich kein leichter Film für zwischendurch, sondern einer, der den Zuschauer fordert und der sich auch nach dem Ende im Kopf weiterdreht.

Fazit: Ein genialer Streifen für Liebhaber des gepflegten Dialogfilmes - für Hollywood-Junkies jedoch vollständig ungeeignet...