Beziehung

Türkisch für Anfänger

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Regie: Bora Dagtekin
Musik: Heiko Maile
Drehbuch: Bora Dagtekin

Produktion: © Rat Pack Filmproduktion
Kamera: Benjamin Dernbecher / Torsten Breuer
Schnitt: Charles Ladmiral

Deutschland / 2012

Hauptdarsteller: Josefine Preuß, Elyas M’Barek, Anna Stieblich, Adnan Maral, Pegah Ferydoni, Arnel Taci…u.a.

HANDLUNG


Die 19-jährige Lena hat sich von der antiautoritären Erziehung ihrer Mutter Doris kaum erholt, als diese Lena zu einer Reise nach Thailand überredet.
Bereits im Flugzeug beginnt der Ärger, als sich ihr Sitznachbar, Cem Öztürk, als türkischer Supermacho entpuppt.
Es kommt aber noch schlimmer, das Flugzeug gerät in starke Turbulenzen und muss schliesslich irgendwo im Indischen Ozean notwassern. Alle Passagiere können gerettet werden – alle bis auf vier: Lena, Cem, dessen streng gläubige Schwester Yagmur und der Deutsch-Griechen Costa.
Zusammen stranden sie mit ihrer Rettungsinsel auf einer, wie sie denken, unbewohnten Insel. Nun muss sich der bunt gemischte Trupp zusammenraufen, um zu überleben – was alle Beteiligten vor grosse Herausforderungen stellt…

REZENSION

Ich schaue mir selten Filme an, ohne mich vorgängig einigermassen über sie zu informieren. In diesem Fall habe ich eine Ausnahme gemacht, da ich von der Fernsehserie „Türkisch für Anfänger“ begeistert war und mir dachte, wenn hier der selbe Regisseur am Werk ist, wird es schon passen.
Ein schwerer Fehler meinerseits, wie ich nun feststellen musste. Dem Film fehlt einfach alles, was die Serie auszeichnet: Der Charme, die Tiefe der Figuren, eine gute Story, witzige Dialoge, eine glaubhafte Umsetzung… etc..
Nichts davon ist in diesem Machwerk zu finden. Die Grundstory ist unglaublich hanebüchen und beleidigt den gesunden Menschenverstand. Die in der Serie hervorragend ausgearbeiteten Figuren wirken hier wie von einer Dampfwalze überrollt. Am markantesten fällt das bei Yagmur auf, die von einer ultraorthodoxen Muslimin zu einer blassen und unscheinbaren, dümmlich grinsenden Nebenfigur degradiert wurde.

Als ebenso unmöglich wie die Umsetzung und die Figuren, empfand ich den Film-Soundtrack. Die Musik wirkt extrem unpassend. Sie untermalt nicht die Szenen, wie das gute Filmmusik tun sollte, sondern hämmert sie zu.

Selbst wenn man versucht, die Serie zu vergessen und sich den Film neutral und ohne Vorgeschichte zu Gemüte zu führen, bleiben die oben beschriebenen Mängel derart markant im Vordergrund, dass keine Sekunde vergeht, in der man sich nicht das Ende dieser unsäglichen Film-Tortur herbeisehnt.
Ein Ende, das dann nach sehr langen 109 Minuten endlich eintritt und einen mit der Gewissheit zurücklässt, einen der vermutlich belanglosesten und schlechtesten Filmkomödien des deutschen Kinos gesehen zu haben.

Ich kann immer noch nicht glauben, dass Bora Dagtekin tatsächlich der Regisseur sowohl der Serie wie auch dieses Machwerks gewesen sein soll. Ich bin mir durchaus bewusst, dass ich alterstechnisch nicht zu der Zielgruppe dieses Streifens gehöre, weigere mich aber zu glauben, dass die heutige Jugend derart platt und konturlos sein soll, wie dieser Film dies voraussetzt…

Kurz: Schauen Sie sich das bitte nicht an! – und falls doch, sagen Sie nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt…

The Lady In The Van

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Originaltitel: The Lady in the Van

Regie: Nicholas Hytner
Musik: George Fenton
Drehbuch: Alan Bennett
Produktion: © BBC Films / TriStar Productions
Kamera: Andrew Dunn
Schnitt: Tariq Anwar

Vereinigtes Königreich / 2015

Hauptdarsteller: Maggie Smith / Alex Jennings / Deborah Findlay / Jim Broadbent…u.a.

HANDLUNG

Wie aus dem Nichts steht eines schönen Tages ein alter, heruntergekommener Van in einer Strasse des noblen Londoner Stadtteiles Camden Town.
Wie sich herausstellt, ist das abgetakelte Gefährt der Wohnsitz einer obdachlosen alten Frau. Mary Shephard und ihr alter Van gehören bald zum gewohnten Strassenbild - sehr zum Unwillen einiger Anwohner, die sich durch die exzentrische alte Dame gestört fühlen.
Als die Stadt Miss Shepard verbietet, ihr Gefährt weiterhin auf der öffentlichen Strasse abzustellen, gestattet ihr der Theaterautor und Anwohner Alan Bennett, es in seiner Hauseinfahrt zu parkieren.
Aus einer kurzen Notlösung werden 15 Jahre, während denen sich eine sehr aussergewöhnliche Beziehung zwischen der alten Dame, Alan Bennett und den restlichen Anwohnern entwickelt. Nur langsam erfährt Bennett Details aus Miss Shephards Leben und wird gewahr, welch ein bemerkenswertes Schicksal da draussen in seiner Einfahrt parkt…

REZENSION

„The Lady in the Van“ basiert auf einer wahren Geschichte und entstand auf der Grundlage einer Erzählung des Schriftstellers Alan Bennett. Nachdem Maggie Smith die Hauptfigur schon auf der Theaterbühne in London mit grossem Erfolg verkörperte, war klar, dass sie auch für den Film die Idealbesetzung sein würde. Und in der Tat ist es dann auch der grossartigen Spielweise von Maggie Smith zu verdanken, dass die Verfilmung nicht gescheitert ist.

Die Storyline ist sehr übersichtlich, um nicht zu sagen kurz gehalten. Es wurde darauf verzichtet, die Vergangenheit der Hauptfigur filmisch aufzuarbeiten, was leider zum oben beschriebenen Effekt führt. Dazu kommt, dass alle Akteure, ausser Maggie Smith, zuweilen stark überspielen, so dass es mehr Komik in den Szenen gibt, als der Handlung gut tut. Das geht zu Lasten der Glaubwürdigkeit und macht aus an sich anrührenden Szenen immer wieder eher peinliche Ereignisse, was sehr bedauerlich ist, da der Stoff mehr hergegeben hätte, als wir hier zu sehen bekommen.

Gerettet wird das Ganze aber, wie oben erwähnt, durch die unglaublich gute Darstellung der Hauptfigur durch Maggie Smith, der man den Spass, den Sie bei der Verkörperung dieser exzentrischen Dame gehabt haben muss, deutlich anmerkt. Allerdings hat diese kongeniale Verkörperung den Nachteil, dass die holzschnittartige Spielweise der übrigen Schauspieler umso deutlicher auffällt…

Ein Film, den man sich auf jeden Fall ansehen kann - und der gut unterhält, gleichzeitig aber auch ein leichtes Gefühl des Bedauerns hinterlässt, ab all der vertanen Chancen…

Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück

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Originaltitel: Hector and the Search for Happiness

Regie: Peter Chelsom
Musik: Dan Mangan / Jesse Zubot
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rehbuch: Peter Chelsom / Tinker Lindsay / Maria von Heland

Produktion: © Wild Bunch / Head Gear Films / Erfttal Film…u.a.
Kamera: Kolja Brandt
Schnitt: Claus Wehlisch

Deutschland, Grossbritannien, Kanada, Südafrika, USA / 2014

Hauptdarsteller: Simon Pegg / Rosamund Pike / Toni Collette / Stellan Skarsgard / Jean Reno / Ming Zhao / Christopher Plummer…u.a.

HANDLUNG

Hector hat viel erreicht in seinem Leben. Er arbeitet als erfolgreicher Psychiater und führt eine harmonische Beziehung mit Clara. Trotz allem fühlt er sich zunehmend frustriert durch seine Patienten.
Von einem Tag auf den anderen beschliesst er deshalb, sich auf eine Reise zu begeben. Er will herausfinden, was wahres Glück ist und wie man dazu kommt. Seine abenteuerliche Expedition führt ihn ins Hochgebirge Chinas, in die Steppen Afrikas, um schliesslich in Los Angeles zu enden. Dabei trifft er auf viele Menschen, die ihm bei der Beantwortung seiner Frage weiterhelfen. Es wird aber auch die Frage aufgeworfen, ob es so etwas wie Glück überhaupt gibt - bis er eines Tages erkennt, was das wahre Glück für ihn bedeuten könnte…

REZENSION

„Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück“ reiht sich nahtlos in die Riege zahlreicher Selbstfindungs-Filme ein - und leider hebt er sich nur in der Verpackung von seinen Vorgängern ab.
Die Verpackung besteht aus unzähligen wunderschönen Landschaftssequenzen aus fernen Ländern, wodurch der Streifen eine abenteuerliche James-Bond-Note erhält.
Inhaltlich jedoch wird kaum ein Klischee ausgelassen, und die Geschichte dümpelt fröhlich an der Oberfläche der Thematik vor sich hin, ohne jemals Gefahr zu laufen, der Sache zu viel Ernst beizumessen.

Die beiden Hauptfiguren wirken auf mich gekünstelt und unecht. Der männlichen Hauptfigur fehlt es nach meinem Empfinden an Glaubhaftigkeit. Sowohl Simon Pegg als Hector, wie auch Rosamund Pike als dessen Freundin Clara, überspielen ihre Rollen permanent, was zu einer unfreiwilligen Komik führt. Die Handlung aus dem kindlichen Blickwinkel zu beleuchten, wie das im Film immer wieder (erfolglos) versucht wird, kann das beschriebene Manko meines Erachtens ebenfalls nicht ausbügeln. Hätte man Jean Reno in die Hauptrolle gesteckt und Rosamund Pike etwas zurückgebunden, hätte vielleicht etwas daraus werden können…

Kurz: Der Regisseur Peter Chelsom war vermutlich noch zu stark im Hannah-Montana-Modus, um erkennen zu können, dass wirkliche Komik wie auch philosophische Fragen einer gewissen Ernsthaftigkeit bedürfen, um ihre Sprengkraft zu bewahren…

Kein Film, den man gesehen haben muss, der aber durchaus seine netten Momente hat, durch wunderschöne Landschaftsaufnahmen besticht und über einen ausgezeichneten Soundtrack verfügt - man kann halt nicht alles haben…


Hochzeitsnacht mit Hindernissen

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Originaltitel: All In Good Time

Regie: Nigel Cole
Musik: Niraj Chag
Drehbuch: Ayub Khan-Din / Bill Naughton

Produktion: © Left Bank Pictures
Kamera: David Higgs
Schnitt: Michael Parker

Grossbritannien / 2012

Hauptdarsteller: Reece Ritchie / Amara Karan / Harish Patel / Meera Syal…u.a.

HANDLUNG


Atul und Vina sind frisch verheiratet. Ihre Hochzeitsnacht verbringen sie in Bolton im Elternhaus von Atul. Dabei sorgt der von der Hochzeitsfeier völlig betrunkene Vater Atuls für so einige peinliche Szenen. Der Mangel an Privatsphäre führt schliesslich dazu, dass sich Atul und Vina derart gestört fühlen, dass sich ihre Hochzeitsnacht alles andere als geplant abspielt. Sie trösten sich damit, dass sie am nächsten Tag in ihre Flitterwochen nach Goa (Indien) reisen werden und dort viel Zeit zusammen verbringen können.
Da der Reiseveranstalter Konkurs geht, findet die Reise aber nicht statt. Das Leben unter dem selben Dach mit Atuls Eltern wird zunehmend zur Belastung. Wobei sich vor allem Atul und sein Vater immer wieder in die Haare geraten. Als schliesslich das junge Glück zu scheitern scheint, muss Atul eine Entscheidung treffen…

REZENSION

Ich sah mir diesen Film mit zwei Grunderwartungen an: Dass ich einen Bollywood-Streifen und eine Komödie sehen würde. Beide Erwartungen lösten sich nach relativ kurzer Zeit in Luft auf. 
Der Streifen hat zwar durchaus Humor, gleicht diesen aber durch seine Sozialkritik und die Darstellung zwischenmenschlicher Probleme wieder so weit aus, dass wir es hier mit einer astreinen Tragikkomödie zu tun haben. Selten habe ich mich, obwohl meine Erwartungen in keinster Weise erfüllt wurden, gleichzeitig so gut unterhalten gefühlt. Die Geschichte ist mitreissend erzählt, hat einen guten Drive und erstklassige Dialoge. Zudem merkt man jeder Szene an, dass der Regisseur früher mal am Theater gearbeitet hat; die Inszenierung und das Timing derselben ist ganz grosses Kino. 
Last but not least: Die schauspielerische Umsetzung, insbesondere
die des Vaters, ist einfach grandios. 

Für mich eine kleine Filmentdeckung, die mich sehr angenehm überrascht hat. Eine berührender, witziger wie auch ernsthafter kleiner Film mit hervorragenden Schauspielern. Wohl nichts für Bollywood-Fans, aber für alle, die einen handwerklich gutgemachten Film zu schätzen wissen...

Best Exotic Marigold Hotel 2

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Originaltitel: The Second Best Exotic Marigold Hotel

Regie:
John Madden
Musik: Thomas Newman
Drehbuch: Ol Parker

Produktion: © Blueprint Pictures
Kamera: Ben Smithard
Schnitt: Victoria Boydell

USA, Grossbritannien / 2015

Hauptdarsteller: Judi Dench, Maggie Smith, Dev Patel, Tena Desae, Richard Gere…u.a.

HANDLUNG

Während einige der älteren Besucher aus dem ersten Teil es sich im Best Exotic Marigold Hotel gemütlich gemacht haben, hat der umtriebige Hotelbesitzer Sonny bereits ein neues Grundstück ins Auge gefasst. Er träumt vom Second Best Exotic Hotel. Sonny versucht zusammen mit Muriel Geldgeber für sein neues Projekt zu finden, gleichzeitig steckt Sonny bis über beide Ohren in der Vorbereitung zur Hochzeit mit seiner Freundin Sunaina.
Auch die anderen Bewohner verwickeln sich in verschiedene Beziehungsgeschichten. Als dann zwei neue Bewohner eintreffen, kommt Unruhe in die Gesellschaft, da Sonny den einen von ihnen für einen Hotelinspektor hält…

REZENSION

Nach dem Überraschungserfolg „Best Exotic Marigold Hotel“, gibt es in diesem zweiten Teil ein Wiedersehen mit den agilen Rentnern in Jaipur, Indien.
Es wird allerdings rasch ersichtlich, dass die Macher wohl selber ziemlich überrumpelt worden sind vom Erfolg des ersten Teiles. Das Drehbuch dieser Fortsetzung wirkt recht ideenlos und einfach gestrickt. Gab es im ersten noch einige Überraschungen und interessante Beziehungsgeschichten zu bestaunen, bewegt sich der zweite Teil weitestgehend im bekannten und sicheren Fahrwasser des Erfolges.
Die Neuzugänge wie etwa Richard Gere waren wohl als Überbrückung dieser inhaltlichen Leere vorgesehen, können den Streifen aber auch nicht wirklich weiter bringen…
So bleibt dem Zuschauer nur, sich an der nach wie vor starken schauspielerischen Leistung von Judi Dench, Maggie Smith und Dev Patel zu erfreuen. Auch der indische Charme ist der Verfilmung zum Glück nicht abhanden gekommen, und zusammen mit der schönen Filmmusik kann man dann trotz allem einen angenehmen, wenn auch recht ereignislosen, Filmabend geniessen.
Als Fortsetzung für Leute, die den ersten Teil mochten, ist der Streifen durchaus sehenswert. Kennt man den ersten Film jedoch nicht, dürfte diese Fortsetzung kaum von Interesse sein…


Chinese zum Mitnehmen

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Originaltitel: Un cuento chino

Regie: Sebastian Borensztein
Musik: Lucio Godoy
Drehbuch: Sebastian Borensztein

Produktion: © Pampa Films / Tornasol Films / Television Federal
Kamera: Rodrigo Pulpeiro
Schnitt: Pablo Barbieri Carrera / Fernado Pardo

Argentinien / 2011

Hauptdarsteller: Ricardo Darin / Ignacio Huang / Muriel Santa Ana / Ivan Romanelli…u.a.

HANDLUNG

Der Einzelgänger Roberto betreibt in Buenos Aires ein Eisenwarengeschäft, das mehr schlecht als recht läuft. Roberto ist das recht, hat er doch sowieso mit den Menschen abgeschlossen. Er will in Ruhe gelassen werden und öffnet sich selbst gegenüber den schüchternen Annäherungsversuchen von Mari, der Schwester eines Bekannten, nicht.
Um der Welt zu beweisen wie skurril sie ist, sammelt er Zeitungsberichte mit unglaublichen Geschichten, die er fein säuberlich in ein Buch klebt.
Eines Tages fällt ihm sprichwörtlich der Chinese Jun vor die Füsse. Jun spricht kein Wort spanisch und scheint völlig mittel- und auch orientierungslos. Widerwillig hilft Roberto ihm bei der Suche nach seinem Onkel. Der Onkel ist aber nicht aufzufinden, und so beginnt für die beiden ungleichen Schicksalsgenossen eine über Wochen dauernde Odyssee. Roberto muss lernen, dass nichts so skurril ist wie das richtige Leben und findet überraschend einen Ausweg aus seinem misanthropischen Dasein…

REZENSION

Lassen Sie sich vom dümmlichen (und leicht rassistischen) deutschen Titel nicht abschrecken. Bei „Ein chinesisches Märchen“, so der Originaltitel, handelt es sich nicht um eine oberflächliche Komödie, wie der deutsche Titel vermuten lässt. Vielmehr haben wir es hier mit einer sehr vielschichtigen und subtilen Erzählung zu tun.
Dabei gibt es sowohl richtig witzige Situationskomik wie auch emotionale Momente, die dem Film seine sehr melancholisch-humorvolle Note verleiht.
Zu Beginn wirkt die Geschichte etwas holzschnittartig, gewinnt aber mit fortschreitender Laufzeit immer mehr an Tiefe und trotz aller Skurrilität auch an Glaubwürdigkeit. Das Gleiche gilt für die Figuren, die zu Beginn etwas plakativ wirken und sich dann immer mehr zu dreidimensionalen, vielschichtigen Persönlichkeiten entwickeln.
Trotz der melancholischen Note, ist der warmherzige Humor allgegenwärtig und zaubert dem Zuschauer ein konstantes Lächeln ins Gesicht.


Liebe auf den ersten Schlag

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Originaltitel: Les Combattants

Regie: Thomas Cailley
Musik: Philippe Deshaies, Lionel Flairs, Benoît Rault
Drehbuch: Thomas Cailley, Claude Le Pape

Produktion: © Nord-Ouest Productions
Kamera: David Cailley
Schnitt: Lilian Corbeille

Frankreich / 2014

Hauptdarsteller: Adèle Haenel, Kévin Azaïs, Antoine Laurent…u.a.


HANDLUNG

Gegensätze ziehen sich bekanntlich an, und so erstaunt es nicht, dass sich der sanftmütige und introvertierte Arnaud von der aggressiven, selbstbewussten Art von Madeleine angezogen fühlt.
Arnaud hat gerade Sommerferien und hilft seinem grossen Bruder in der Schreinerei aus. Während sich Arnaud Gedanken zu seiner Zukunft macht, ist für Madeleine klar, dass es keine Zukunft geben wird. Sie ist der festen Überzeugung, dass die Welt in absehbarer Zeit untergehen wird und nur die Stärksten eine Chance haben zu überleben. Aus diesem Grund trainiert sie wie wild und meldet sich gar bei einem Survival-Kurs der Armee an. Arnaud begleitet sie, merkt aber bald, dass Madeleine überhaupt nicht in die Armee passt. Bei einer mehrtägigen Übung in einem Wald eskaliert die Situation, und Arnaud und Madeleine setzten sich von ihrer Gruppe ab.
Sie beschliessen, ihr eigenes Survival-Programm durchzuziehen und kommen sich dabei näher. Unvermutet geraten sie in Lebensgefahr – und aus dem vermeintlichen Training wird bitterer Ernst…

REZENSION

Es stimmt, der Film hat keine sonderlichen Höhepunkte. Ebenso zeichnet sich das Drehbuch nicht gerade durch ausgesprochene Originalität aus. Auch weiss man zwischenzeitlich nicht so recht, wohin die erzählerische Reise gehen soll.
Warum, habe ich mich gefragt, hat mir dieser Film trotzdem so ausnehmend gut gefallen? Es muss an der wirklich aussergewöhnlichen Atmosphäre liegen, der Chemie, die zwischen den beiden Hauptfiguren von Anfang an spielt. Der Zuschauer wird neugierig, neugierig darauf wie diese Figuren zusammenkommen, die unterschiedlicher nicht sein könnten.
Adèle Haenel spielt die Rolle der abgelöschten Madeleine beängstigend realistisch und wird dabei genial unterstützt durch Kévin Azaïs, der den zurückhaltenden Arnaud ebenso überzeugend verkörpert und durch seine sanfte Art Madeleines gnadenlose Weltsicht umso drastischer erscheinen lässt.
Schlussendlich wird klar, dass der Streifen vor allem an den beiden herausragenden Hauptdarstellern festgemacht ist. Es gelingt diesen beiden Jungschauspielern in absolut überzeugender Weise, das etwas fade Drehbuch vergessen zu machen. Der Film ist keine Sekunde langweilig und schafft es, Drama und feinen Humor gekonnt zu einer unterhaltsamen Tragikkomödie zu verbinden…

Fazit: Beste französische Unterhaltung mit hervorragendem Cast.

Birdman - oder die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit

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Originaltitel: Birdman or the Unexpected Virtue of Ignorance

Regie: Alejandro González Iñárritu
Musik: Antonia Sanchez
Drehbuch: Alejandro González Iñárritu u.a.

Produktion: © New Regency Pictures / M Productions
Kamera: Emmanuel Lubezki
Schnitt: Douglas Crise / Stephen Mirrione

USA / 2014

Hauptdarsteller: Michael Keaton, Zach Galifianakis, Edward Norton, Emma Stone...u.a.


HANDLUNG

Riggan Thomson, ein in die Jahre gekommener Schauspieler, versucht in einem Broadway-Theater Raymond Carvers „What We Talk About When We Talk About Love“ zu inszenieren.
Thomson war in den 90er-Jahren ein Filmstar, als er in drei Birdman-Filmen die Titelfigur verkörperte. Seit damals ist viel Zeit vergangen, seine Ehe ist den Bach runter, seine Beziehung zur Tochter Sam alles andere als gut, und schauspielerisch konnte er keine Erfolge mehr erzielen.
Nun will er sich am Broadway neu erfinden und setzt alles auf eine Karte. Als Regisseur und Hauptdarsteller kommt er aber immer wieder an seine Grenzen. Finanzielle Probleme, Ärger mit divenhaften Kollegen und der Druck der Theaterkritiker setzen ihm schwer zu. Dass er dann auch noch die Stimme seines Alter Ego Birdman zu hören beginnt, macht das Ganze auch nicht einfacher...

REZENSION

In der Literatur gibt es die Erzähltechniken des „inneren Monologes“ und des „Bewusstseinsstroms“. Dabei wird, einfach ausgedrückt, das Innenleben einer Person anhand von Stimmen im Kopf der Figur dem Leser mitgeteilt.
In dieser Verfilmung hat man etwas ganz Ähnliches versucht, was ich interessant fand, da ich es in Film-Form so noch nicht gesehen habe.
Der getriebene Gedankenstrom der Hauptfigur wird durch die Kameratechnik, die praktisch schnittlos von einer Szene in die nächste hinübergleitet, unterstützt. Dies lässt einen sehr mitreissenden Handlungsfluss entstehen, bei dem man kaum zum Atemholen kommt. Die Leiden der Hauptfigur werden so beinahe physisch auf den Zuschauer übertragen.
Das ist faszinierend und lässt ein wenig vergessen, dass die Handlung an sich nicht gerade spektakulär ist.
Die Geschichte liegt irgendwo zwischen Woody Allen und Coen-Brüder. Von ersterem hat man die schlagfertigen Dialoge und von zweiteren den skurrilen Humor entlehnt, allerdings ohne deren Untiefen.
Auch wenn die eigentliche Story etwas kurz gehalten wird und die absurden Ideen zuweilen etwas aufgesetzt wirken, hat mich dieser Film von der ersten bis zur letzten Minute fasziniert und bestens unterhalten. Ob sich das nun Tragikkomödie, Dramedy oder gar schwarzes Drama mit albernen Einlagen nennt, ist egal, man muss ja nicht alles in eine Schublade stecken können...

Fazit: Erzähltechnisch interessantes Autorenkino, allerdings sollte man einen Hang für schwarze Komödien haben und Dialogfilme mögen...

Smashed

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Originaltitel: Smashed

Regie: James Ponsoldt
Musik: Eric D. Johnson / Andy Cabic
Drehbuch: James Ponsoldt / Susan Burke

USA / 2012


Hauptdarsteller: Mary Elizabeth Winstead, Aaron Paul, Octavia Spencer, Nick Offerman…u.a.

HANDLUNG

Die junge Grundschullehrerin Kate und ihr Ehemann Charlie geniessen ihr Leben in vollen Zügen. Sie lieben Musik, hängen in Bars herum und feiern Partys mit ihren Freunden. Nie fehlen dabei darf der Alkohol, der in rauen Mengen fliesst. Kate hat ihren Konsum langsam aber sicher nicht mehr im Griff, und als sie sich eines Morgens vor ihrer Schulklasse übergeben muss, wird ihr klar, dass es Zeit ist, etwas zu verändern.
Ein Arbeitskollege rät ihr, zu einer Selbsthilfegruppe zu gehen, was Kate auch tut. Ihr neues, nüchternes Leben ist alles andere als einfach. Plötzlich sieht sie sich mit ganz ungewohnten Problemen konfrontiert. Zudem verschlechtert sich das Verhältnis zu Charlie von Tag zu Tag, da dieser sein Trinkverhalten kaum verändert…

REZENSION

Wieder einmal einer dieser Independent-Filme, die einen so richtig aus den Socken haut!
Die Story ist sehr authentisch und realistisch aufgebaut. Das Verhältnis zwischen den beiden Ehepartnern wird psychologisch glaubhaft erzählt und von den beiden Hauptdarstellern auch sehr überzeugend dargestellt.
Schön ist, dass nicht versucht wird schwarz/weiss zu malen. Die einzelnen Charaktere werden von allen Seiten beleuchtet und weisen, jeder für sich genommen, eine hohe Glaubhaftigkeit auf. Diese exzellente Umsetzung macht die schon per se tragische Handlung noch eindrücklicher und mitreissender.
Es gibt unzählige Filme über Alkoholismus, dieser hier dürfte einer der besten Darstellungen dieser Thematik sein.

Wie man aus unzähligen Hollywood-Filmen weiss, gelingt es nur selten, so eine Geschichte ohne jegliche Pathetik oder tragische Übertreibung zu inszenieren. Hier hat man genau das geschafft und es ist zusätzlich gelungen, den Zuschauer für ein ernstes Thema zu sensibilisieren.

Das Glück an meiner Seite

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Originaltitel: You‘re Not You

Regie: Geroge C. Wolfe
Musik: Jeanine Tesori
Drehbuch: Shana Feste / Jordan Roberts

USA / 2014

Hauptdarsteller: Hillary Swank, Emmy Rossum, Josh Duhamel...u.a.

HANDLUNG

Die glücklich verheiratete erfolgreiche Konzertpianistin Kate hat eigentlich alles, was sie sich wünschen kann. Um so grösser sitzt der Schock, als bei ihr ALS, eine unheilbare degenerative Nervenerkrankung, diagnostiziert wird.
Kate verliert nach und nach ihre motorischen Fähigkeiten und ist auf ihren Mann und später auf Pflegehilfen angewiesen.
Eines Tages bewirbt sich die chaotische Studentin Bec für die Stelle als Pflegerin. Obwohl sie keinerlei Erfahrungen in diesem Bereich aufweisen kann, stellt sie Kate, sehr zum Ärger ihres Mannes, ein.
Die unkonventionelle Bec schafft es, Kate wieder etwas Lebensfreude zu vermitteln, und umgekehrt sorgt Kate dafür, dass Bec zu mehr Selbstvertrauen und Verantwortungsbewusstsein findet. Doch Kates Krankheit schreitet fort und beiden ist klar, dass die neu entstandene Freundschaft schon bald auf eine schwere Probe gestellt werden wird...

REZENSION

Wer sich bei der Grundstory an „Ziemlich beste Freunde“ erinnert fühlt, liegt richtig. Die Gemeinsamkeiten sind vor allem zu Beginn der Geschichte unverkennbar. Ebenso unverkennbar wird aber mit fortschreitender Handlung, dass wir es hier nicht mit einer französischen Produktion zu tun haben, sondern mit einer US-amerikanischen. Das wird vor allem in der stetig wachsenden Melodramatik spürbar, die sich ab der Mitte des Filmes deutlich bemerkbar macht. Das ist schade, zerstört sie doch so etwas die Glaubhaftigkeit und menschliche Tragödie, die von Hilary Swank grandios verkörpert wird.
Was am Anfang etwas zu locker und beinahe schon slapstickartig inszeniert wird, kippt in der zweiten Hälfte ins Dramatische, gar Weinerliche. Wobei beides eigentlich gut inszeniert ist, der Kontrast vom einen zum anderen ist nur zu gross und wirkt deshalb ungewollt unrealistisch.

Alles in allem haben wir es aber mit einem durchaus sehenswerten Streifen zu tun, der vor allem auf schauspielerischer Ebene wirklich zu überzeugen weiss und die leichten Schwachpunkte im Drehbuch beinahe vergessen lässt.

Ganz weit hinten

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Originaltitel: The Way, Way Back

Regie: Nat Faxon & Jim Rash
Musik: Rob Simonsen
Drehbuch: Nat Faxon & Jim Rash

USA / 2013

Hauptdarsteller: Liam James, Steve Carell, Toni Collette...u.a.

HANDLUNG

Der Schüchterne und introvertierte 14-jährige Duncan verbringt die Sommerferien mit seiner Mutter, ihrem neuen Freund und dessen Tochter in einem Strandhaus auf Cape Cod.
Da er Trent, den neuen Freund seiner Mutter, überhaupt nicht leiden kann und dessen Tochter Steph ihn wie Luft behandelt, versucht er der gespielten Familienidylle zu entfliehen. Er heuert im nahe gelegenen Water-Wizz-Wasserpark an und freundet sich mit dem Manager Owen an.
Hier trifft Duncan auf eine ganz neue Welt. Er wird respektiert und so genommen, wie er ist. Sein wachsendes Selbstvertrauen bringt ihm zuhause aber nur noch mehr Probleme mit Trent ein. Allerdings beginnt sich die hübsche Susanna, die im benachbarten Strandhaus mit ihrer Mutter wohnt, für Duncan zu interessieren, und es sieht ganz so aus, als ob dieser Sommer für Duncan doch noch besser werden würde, als befürchtet...

REZENSION

Erwartet hatte ich ein unterhaltsames, einfach gestricktes Coming-of-Age-Filmchen. Geboten wurde mir eine sehr kurzweilige und vielschichtige Tragikkomödie, die sich weit von den 08/15-Coming-of-Age-Filmen abhebt.
Der etwas melancholische Charme dieser Sommergeschichte harmoniert hervorragend mit der schüchternen, unbeholfen wirkenden Hauptfigur und lässt eine ausgezeichnete Atmosphäre entstehen. Dabei wird von Beginn weg kräftig mit Klischees gespielt, ohne ihnen aber jemals zum Opfer zu fallen.
Die sehr ausgewogene Mischung aus Drama und Komödie machen den Film zu einem richtigen Wohlfühlfilm. Dabei ist er zu keiner Zeit langweilig. Die Dialoge sind stimmig und heben sich angenehm ab vom üblichen Hollywood-Kitsch, den man üblicherweise in solchen Filmen zu hören bekommt.
Die Story an sich ist glaubhaft und sehr gut in Szene gesetzt.
Kurz, wir haben es hier mit einem dieser Filme zu tun, bei denen man es sehr bereut, wenn sie zu Ende sind – ich hätte den Protagonisten noch lange zusehen können…

Fazit: Ein Coming-of-Age-Film mit Tiefgang und Witz, der sich angenehm von der Masse abhebt!

St. Vincent

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✮✮✮✮✮✮

Originaltitel: St. Vincent

Regie: Theodore Melfi
Musik: Theodore Shapiro
Drehbuch: Thedore Melfi

USA / 2014

Hauptdarsteller: Bill Murray, Melissa McCarthy, Jaeden Lieberher, Naomi Watts...u.a.

HANDLUNG

Zu behaupten, Vincent MacKenna stünde vor dem Abgrund, beschreibt seine Situation nur unzureichend, eigentlich ist er bereits einen Schritt weiter…
Er trinkt was das Zeug hält und steht genau genommen nur auf, um in die Strippbar oder zum Pferderennen zu gehen. Er hat bei allen und jedem Schulden und keine Aussicht, dass sich daran in Zukunft etwas ändern könnte.
Die alleinstehende Maggie Bronstein und ihr kleiner Sohn Oliver ziehen, nichts ahnend, ins Nachbarhaus. Als Maggie Vincent bittet, nach der Schule auf ihren Sohn aufzupassen, ist niemand erstaunter als Vincent selber.
Oliver begleitet Vincent in Nachtclubs, Bars und auf die Rennbahn. Zudem stellt Vincent dem Jungen die schwangere Stripperin Daka vor.
Als Oliver in der katholischen Schule, den Auftrag erhält, einen Vortrag über einen „Heiligen“ der Gegenwart zu halten, ist für Oliver schnell klar, dass dies nur Vincent sein kann… Das verrückte daran ist, er kann es sogar plausibel begründen…

REZENSION

Bill Murray wird, wie ein guter Wein, mit zunehmendem Alter immer besser. Die schauspielerische Darbietung in diesem Streifen gehört mit zum Besten, das ich bis jetzt von ihm gesehen habe. Niemals zuvor habe ich einen abgehalfterten, misanthropischeren, kauzigeren und gleichzeitig irgendwie liebenswerteren Vietnamveteran gesehen, als in diesem wunderbaren Streifen.
Zugegeben, die Handlung als solche strotzt nicht gerade vor Originalität. Die Geschichte wurde so oder ähnlich schon unzählige Male in Hollywood abgedreht. Die Mischung zwischen Drama und Komödie ist hier jedoch unglaublich gut gelungen. Man leidet und lacht mit, was zu einem Grossteil der ausgezeichneten schauspielerischen Umsetzung geschuldet ist. Wobei beileibe nicht nur Bill Murray brilliert. Melissa McCarthy und Jaeden Lieberher stehen ihm kaum nach.

Bei all dem Gutgemachten schaut man generös über den etwas schmalzigen Schluss hinweg und wird spätestens beim Abspann, wo wir Bill Murray beim Topfpflanzen giessen zusehen dürfen, während im Hintergrund Bob Dylans „Shelter From The Storm“ läuft, voll und ganz entschädigt.

Fazit: Wer gut gemachte Tragikkomödien zu schätzen weiss und einen Bill Murray in Bestform erleben möchte, wird hier voll auf seine Kosten kommen.

Heidi

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Regie: Alain Gsponer
Musik: Niki Reiser
Drehbuch: Petra Volpe

Schweiz, Deutschland / 2015

Hauptdarsteller: Anuk Steffen, Bruno Ganz, Quirin Agrippi, Isabelle Ottmann…u.a.


HANDLUNG

Das Waisenmädchen Heidi wird von ihrer Tante zu ihrem Grossvater gebracht. Dieser lebt als Einsiedler in den Schweizer Bergen. Wider Erwarten rührt Heidi den wortkargen Eigenbrötler und endlich erfährt sie, was es bedeutet, ein Zuhause zu haben.
Zusammen mit dem Geissenpeter geniesst Heidi ihre Freiheit und die wunderschöne Natur in den Bergen.
Diese Idylle wird durch ihre Tante zerstört, die Heidi völlig unerwartet wieder abholt und nach Frankfurt bringt. Dort soll sie bei der wohlhabenden Familie Sesemann leben, als Spielkameradin für die an den Rollstuhl gefesselte Klara.
Obwohl Heidi und Klara bald Freundinnen werden, hat Heidi schreckliches Heimweh nach den Bergen und natürlich nach ihrem Grossvater. Als sie schliesslich krank wird, ist allen klar, dass es nur eine Lösung geben kann…

REZENSION

Es gibt schon so viele Heidi-Verfilmungen, dass ich mich zu Beginn gefragt habe, ob es wirklich nötig sei, eine weitere abzudrehen. Schlussendlich ist aber jede Verfilmung ein Spiegel der jeweiligen Zeit, und da bildet auch diese aktuelle Veröffentlichung keine Ausnahme.
Die meisten Figuren sind ausgesprochen gut und authentisch umgesetzt worden. Allen voran Heidi, die von Anuk Steffen grossartig verkörpert wird. Auch der Geissenpeter (Quirin Agrippi) oder der von Bruno Ganz gespielte Grossvater sind souverän umgesetzt. Einzig die Figur des Vaters Sesemann wirkt gegenüber der Buchvorlage etwas weniger sympathisch.

Wie so oft bietet die Verfilmung natürlich eine sehr verkürzte Version der eigentlichen Geschichte. So wurde zum Beispiel die ganze Vorgeschichte des Grossvaters weggelassen oder die enge Beziehung zu Peters Grossmutter extrem eingeschränkt dargestellt.
Ebenfalls gestrichen, und da wären wir nun wohl beim eingangs erwähnten Zeitgeist, wurden sämtliche religiösen Elemente.
Trotz dieser und allen anderen Verkürzungen, hat man es aber ausgezeichnet verstanden den Kern der Geschichte herauszuschälen und eine Atmosphäre zu schaffen, die derjenigen der Originalgeschichte schon sehr nah kommt. Ebenfalls schön gelungen sind die Naturaufnahmen.

Ich würde nicht so weit gehen und sagen, dass dies nun die ultimative Heidi-Verfilmung geworden sei. Wir haben es aber zweifellos mit einer sehr authentischen und gelungenen Umsetzung zu tun, die dieser alterslosen und universellen Geschichte durchaus gerecht wird.

Die Tochter meines besten Freundes

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Originaltitel: The Oranges

Regie: Julian Farino
Drehbuch: Ian Helfer & Dean Vanech
Musik: Klaus Badelt & Andrew Raiher

USA / 2011

Hauptdarsteller: Hugh Laurie, Oliver Platt, Leighton Meester…u.a.


HANDLUNG

Im Zentrum der Geschichte stehen zwei Familien, die seit Jahren eng befreundet sind. Die Väter gehen zusammen joggen, die Familien grillieren zusammen usw..
Das idyllische Vorstadtleben wird aber auf eine harte Probe gestellt, als sich David Walings in die Tochter seines Freundes und Nachbarn verliebt…

REZENSION

Nein, ein "Feel-Good-Movie" mit kitschigem Happy End ist das nicht, was man in "The Oranges" (ich weigere mich, den schwachsinnigen deutschen Synchro-Titel zu nennen) geboten kriegt, deshalb wohl auch die vielen kritischen Meinungen zu diesem Streifen… Mir hat er ausserordentlich gut gefallen. Sehr realistisch, mit Humor und ruhigen Bildern wird hier eine richtig gute Geschichte erzählt. Vieles bleibt unausgesprochen oder unvollendet, und genau diese Feinheiten sind es, die diesen kleinen Film zu einem bemerkenswerten Werk machen. Hugh Laurie und auch Leighton Meester spielen richtig stark und harmonieren erstaunlich gut zusammen. Wer sich gerne interessante Geschichten ansieht und kein hoffnungsloser Hollywood-Junkie ist, dürfte an diesem Film Gefallen finden. Fazit: Eine originelle und in vielerlei Hinsicht bemerkenswerte Tragikkomödie, die auch etwas zum Nachdenken anregen kann. Von mir eine klare Empfehlung!


Fools Rush In - Herz über Kopf

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✮✮✮✮✮

Originaltitel: Fools Rush In

Regie: Andy Tennant
Musik: Alan Silvestrie
Drehbuch: Katherine Reback
USA / 1997

Hauptdarsteller: Selma Hayek, Matthew Perry


HANDLUNG

Die zufällige Bekanntschaft der mexikanisch stämmigen Isabel Fuentes und des New Yorker Bauleiters Alex Whitman führt zu einer gemeinsamen Nacht. Eine Nacht mit Folgen: Isabel ist schwanger. Sie teilt es Alex mit, und der verspricht, für sie da zu sein. Eine wechselhafte Beziehungsgeschichte nimmt ihren Lauf, in der Kulturen aufeinander prallen und so manches Missverständnis aus dem Weg geräumt werden will…

REZENSION

Wenn ich eine Liste meiner liebsten Schnulzenfilme erstellen müsste, wäre "Fools Rush In" ganz weit oben aufgeführt.
Zugegeben, er trieft vor Kitsch und Klischees. Die Handlung mag zuweilen leicht grotesk anmuten, und auch die Dialoge haben keinen philosophischen Tiefgang, und dennoch gilt hier das selbe wie bei "Pretty Woman": Die Figuren sind mitreissend und der Handlungsverlauf ist genau so wie in einem solchen Streifen gewünscht. Zudem spielt Salma Hayek so überragend, dass sie die etwas unbeholfene Spielweise von Matthew Perry komplett vergessen lässt. Im Gegenteil, es entsteht eine ausgezeichnete Harmonie zwischen den beiden, die sich auf den Zuschauer überträgt und den Film zu einem richtigen Feel-Good-Movie macht.
Ach ja, und der Soundtrack ist der Hammer!

Kramer gegen Kramer

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✮✮✮✮✮✮

Originaltitel: Kramer vs. Kramer

Regie: Robert Benton
Musik: Paul Gemignani
Drehbuch: Robert Benton

USA / 1979


Darsteller: Dustin Hoffman, Meryl Streep, Justin Henry…u.a.


HANDLUNG

Ted Kramer ist ein angesehener Werbefachmann und erhält von seiner Firma sogar das Angebot, Vizepräsident der Werbeagentur zu werden.
Für ihn völlig unerwartet, wird er von seiner Frau verlassen, die ihm eröffnet, von ihrer Rolle als Ehefrau und Mutter überfordert zu sein.
Allein gelassen mit dem fünfjährigen Sohn, versucht er sich zu arrangieren, was mit der Zeit auch einigermassen gelingt.
Die Mutter überlegt es sich derweil anders und will ihren Sohn zurück. Der entstehende Scheidungskrieg und der Streit um das Sorgerecht bringt alle Beteiligten an ihre Grenzen. Es scheint nicht so, als ob es dabei wirklich einen Gewinner geben könnte…

REZENSION

Ohne ins Rührselige abzurutschen oder dramatisch zu dick aufzutragen, ist Robert Benton hier eine aussergewöhnliche Inszenierung gelungen. Ein schwieriges Thema wurde mit viel Fingerspitzengefühl und Können vorgetragen.
Eine unglaublich authentische Umsetzung, einer an sich einfachen Story, wird durch die meisterhafte schauspielerische Leistung und die ruhige Kameraführung zum Meisterwerk. Dustin Hoffman, Meryl Streep und Justin Henry spielen derart intensiv und glaubhaft, dass einem die Geschichte schon ganz schön nah geht und noch sehr lange nachhallt.

Der Jane Austen Club

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✮✮✮✮✮

The Jane Austen Book Club

Regie: Robin Swicord
Drehbuch: Robin Swicord & Karen Joy Fowler
Musik: Aaron Zigman

USA / 2007

Hauptdarsteller: Kathy Baker, Maria Bello, Amy Brenneman, Emily Blunt… u.a.


HANDLUNG

Bernadette gründet einen Jane Austen Buchclub, um damit ihre Freundin Silvia etwas abzulenken, die gerade von ihrem Mann nach zwanzig Ehejahren verlassen wurde.
Schnell finden sich 5 Frauen, die sich regelmässig treffen, um über die sechs Romane Jane Austens zu diskutieren. Als Jocelyn ihre Zufallsbekanntschaft Grigg, als einzigen Mann, in den Club mitbringt, entwickelt sich eine ganz neue Dynamik in der Runde, und nicht alle haben die selben Beweggründe, um an den Treffen teilzunehmen…

REZENSION

Das war nun mal wieder ein richtig herzerwärmender, kluger und pointierter Film. Ich habe mich keine einzige Sekunde gelangweilt. Die spannenden Dialoge und intelligent eingefädelten Handlungsstränge haben mich von Beginn an gepackt und nicht mehr losgelassen. Das Spiel mit der Literatur von Jane Austen und die Vermischung mit der realen Geschichte, in der sich gewissermassen genau die Themen aus den Austen-Romanen widerspiegeln, ist hervorragend gelöst und schauspielerisch grandios umgesetzt. Wobei mich vor allem Emily Blunt einmal mehr sehr beeindruckt hat. Es ist tatsächlich nicht zwingend, dass man die Romane von Austen kennt, um der Handlung folgen zu können. Unbestritten ist hingegen, dass man die eine oder andere unkommentierte Anspielung nicht versteht, wenn man die Romane nicht kennt... Alles in allem ein hervorragender Streifen für einen gemütlichen Filmabend zu zweit.
Wer auf Dialogfilme steht und Filme wie zum Beispiel "Another Year" oder "Up In The Air" mag, wird hier sicher auf seine Kosten kommen. Ich habe mich jedenfalls bestens unterhalten gefühlt und werde diesen Streifen sicher nicht zum letzen Mal gesehen haben.

Her

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✮✮✮✮✮✮

Originaltitel: Her

Regie: Spike Jonze
Musik: Arcade Fire
Produktionsland: USA
Jahr: 2013
Hauptdarsteller: Joaquin Phoenix, Amy Adams, Rooney Mara.. u.a.

Die Grundidee der Geschichte ist sehr originell und verspricht einen äussert spannenden Ansatz zu einem alten Thema. Es fehlt der Umsetzung aber leider etwas die Luft, um mit aller Konsequenz bis zum Schluss durchzuhalten.

Dabei ist der Anfang sehr vielversprechend. Der psychisch labile Theodore (Joaquin Phoenix) kauft sich eine neues Betriebssystem (OS) mit künstlicher Intelligenz. Es entsteht eine Beziehung zwischen ihm und „Samantha“ der weiblichen Stimme des OS.
Samantha entwickelt sich aber in rasender Geschwindigkeit weiter, will immer mehr, kann immer mehr und „verlässt“ schliesslich Theodore.
Die Menschen, die alle mit einem Knopf im Ohr mit anderen sprechen und kaum noch Bezug haben zu ihrer Umgebung, kommen einem merkwürdig vertraut vor.
So gut die Entstehung der Beziehung beschrieben wird, und man die Unfähigkeit von Theodore mit seiner direkten Umgebung zu kommunizieren erkennt, so wird jedoch mit fortlaufender Spieldauer die Grenze der Glaubwürdigkeit etwas strapaziert.
Dazu kommen störende Details, wie all die chinesischen Schriftzeichen an Bahnhöfen und Hochhäusern, die der Illusion, es wäre LA, etwas im Weg stehen (Der Film wurde in Shanghai gedreht.). So etwas hätte man mit der heutigen Computertechnik problemlos retuschieren können.
Die Dialoge sind aber wirklich grösstenteils sehr gut und haben auch mitunter sogar philosophischen Anspruch.

Das Mädchen mit dem Perlenohrring

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✮✮✮✮✮✮

Originaltitel: Girl with a Pearl Earring

Regie: Peter Webber
Musik: Alexandre Desplat
Produktionsland: UK, Luxemburg
Jahr: 2003
Hauptdarsteller: Colin Firth, Scarlett Johansson, Tom Wilkinson..u.a.


HANDLUNG

Die Geschichte spielt in Delft im 17. Jahrhundert. die 17-jährige Griet wird als Dienstmagd in der Familie des berühmten Malers Jan Vermeers in Dienst genommen.
Die sehr schüchterne aber kluge Griet ist fasziniert von der neuen Welt, die sich ihr hier eröffnet. Es entwickelt sich eine Zuneigung zwischen Vermeer und seiner Dienstmagd, die ihn mehr und mehr zu inspirieren vermag.
Als er den Auftrag eines reichen Mäzen erhält Griet zu malen, nimmt die Handlung eine dramatische Wendung...

REZENSION

Die Strasse von Delft sind schmutzig, die Hände der Dienstmagd zerschunden und vom Wäsche Kochen gerötet. Wir haben es hier wahrlich nicht mit einer glattgebügelten Hollywood-Produktion zu tun, sondern mit einer sehr authentischen und zeitgemässen Umsetzung.
Scarlett Johansson, spielt die eingeschüchterte Griet hervorragend und das Zusammenspiel mit Colin Firth als Vermeer ist beeindruckend. Es ist kein Film der grossen Worte oder Erklärungen. Vieles wird nur angedeutet durch Gesten oder Augenkontakt – manche Szenen nur durch Körperhaltungen oder Blicke inszeniert. In jedem Fall aber gekonnt und beeindruckend umgesetzt, eher wie in einem Theaterstück, zuweilen ist alles genau so arrangiert wie auf einem Gemälde und nicht selten werden ganze Szenen auf ein Vermeer-Bild hin arrangiert. Die düstere Grundstimmung und die allgemein eher dunkel gehaltenen Szenerie vermögen diesen Eindruck noch zu vertiefen.

Hier wird nicht dem Publikumsgeschmack gehuldigt und genau das ist es, was diesen Film zu einem kleinen Meisterwerk werden lässt.

Genug gesagt

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✮✮✮✮✮✮

Originaltitel: Enough Said

Regie: Nicole Holofcener
Musik: Marcelo Zarvos
Produktionsland: USA
Jahr: 2013
Hauptdarsteller: Julia Louis-Dreyfus, James Gandolfini, Catherine Keener

Eines lässt sich über diesen kleinen Film mit Bestimmtheit sagen, eine 08/15-Produktion ist es auf keinen Fall.
Es ist nicht nur eine einfache Beziehungsgeschichte, sondern eine recht in die Tiefe gehende psychologische Studie von verschiedenen Paarbeziehungen mit der Erkenntnis, dass jeder zum einen seinen eigenen Empfindungen vertrauen sollte und zum anderen eine Beziehung nur so lange funktioniert, wie jeder sich selbst treu bleiben kann und darf. Zugegeben, keine weltbewegend neuen Erkenntnisse, aber in diesem Film amüsant und pointiert verpackt.
Die Dialoge sind sehr offen und beinahe „zu realistisch“. Es entwickelt sich dadurch eine ungewohnte Nähe zu den Akteuren, die den Zuschauer sehr unmittelbar ins Geschehen einbindet.
Emotional ist alles da, was man in einem solchen Streifen braucht: Witz, Charme, Drama und auch etwas Kitsch, alles aber ausgezeichnet ausbalanciert und stimmig verabreicht.
Zudem ist das Ganze schauspielerisch sehr überzeugend vorgetragen. Julia Louis-Dreyfus und James Gandolfini harmonieren hervorragend und spielen sämtliche Stadien einer Beziehung äusserst souverän und gekonnt durch.
Als Zuseher hat man am Schluss das Gefühl einen ehrlichen und amüsanten Film gesehen zu haben, der realistisch und zugleich unterhaltend erzählt ist.